Politische Veränderungen
Von Uriel Heilman
Pervez Musharraf, der letzte Woche nach neun Jahren als Präsident seines Landes zurücktrat, mag zwar kein grosser Freund des jüdischen Volkes gewesen sein, galt aber als Alliierter des Westens und als relativ gemässigter Führer eines Nuklearstaates mit bedeutenden islamistischen Elementen. Musharraf hatte auch gewisse Kontakte zu jüdischen Gruppen. Im Jahr 2005 erklärte er vor einer jüdischen Versammlung in New York, Pakistan würde nach der Gründung eines Palästinenserstaates offizielle Verbindungen zu Israel aufnehmen. Bei dieser Gelegenheit kam es im Uno-Hauptquartier auch zu einem Händedruck zwischen ihm und dem damaligen Premierminister Ariel Sharon. Musharraf soll zudem mit Staatspräsident Shimon Peres einen Briefwechsel in freundschaftlichem Ton geführt haben.
Pakistan und Israel
Noch ist es zu früh, um festzustellen, ob der Rücktritt Musharrafs die bisher offenen Türen für jüdische Organisationen in Islamabad zuschlagen wird. «Es ist ein grosser Vorteil für das jüdische Volk», meint David Twersky, Berater für internationale Angelegenheiten beim American Jewish Congress (AJC), «Zugang zur weltweit einzigen muslimischen Nuklearmacht zu haben. Ich hoffe, dieser Zugang verschwindet nun nicht zusammen mit Musharraf.» Jack Rosen, Vorsitzender des AJC, der mit Musharraf oft Themen von jüdischem Interesse besprochen hat, gab sich zuversichtlich, dass die neue pakistanische Regierung den Dialog mit den Juden nicht abbrechen wird. «Unsere Gründe für die Kontakte zu Musharraf», sagt Rosen, «ändern sich nicht mit der neuen Regierung in Islamabad. Moderne, gemässigte muslimische Führer in aller Welt – dazu gehört auch Pakistan – wollen Kontakte zu den USA, zum Westen, und sie wollen einen Dialog mit Vertretern anderer Glaubensbekenntnisse. Das fällt nicht weg, weil Musharraf gegangen ist.»
In Musharrafs Amszeit fielen die ersten hochrangigen diplomatischen Kontakte zwischen Israel und Pakistan. Die Aussenminister der beiden Staaten trafen 2005 in Istanbul zusammen, und nach Israels Abzug aus dem Gazastreifen im gleichen Jahr meinte Musharraf, es an der Zeit für Verbindungen zwischen Pakistan und Israel.
Der Umgang mit Islamisten
Musharrafs Rücktritt folgte auf Monate der politischen Instabilität in Pakistan. Im vergangenen Herbst wollte der Präsident die Verfassung des Landes ausser Kraft setzen und geplante Parlamentswahlen verschieben. Massive Proteste veranlassten ihn aber zu einem Rückzieher und zur Aufgabe des Postens des Oberkommandierenden der Armee. Als im letzten Dezember Oppositionsführerin Benazir Bhutto ermordet wurde, verstärkten sich die Rufe nach einem Rücktritt Musharrafs als Präsident. Die Vorwürfe, er sei in die Ermordung Bhuttos verwickelt gewesen, liessen sich bis jetzt allerdings nicht beweisen.
Noch ist nicht klar, wer nächster Präsident von Pakistan werden wird, doch zweifelt heute schon niemand da-ran, dass er nicht mehr über die gleiche Macht verfügen wird wie Mu-sharraf. Malcolm Hoenlein, Vize-Vorsitzender der Präsidentenkonferenz wichtiger amerikanisch-jüdischer Organisationen, fürchtet, dass Pakistan jemanden mit einer islamistischen Orientierung wählen wird. Zusammen mit Vertretern anderer jüdischer Organisationen gab Hoenlein sich aber zuversichtlich, dass die jahrelangen jüdischen Kontakte mit pakistanischen Regierungen auch in Zukunft fortgesetzt würden. Aber auch wenn in Islamabad ein prowestliches Regime sich an der Macht halten kann, ist nicht sicher, ob es dem nächsten Präsidenten gelingen wird, die islamistischen Extremisten im Lande an der Leine zu halten. Die 23 Toten, die ein Selbstmordanschlag in einem Krankenhaus im Nordwesten Pakistans (eine Hochburg der Taliban) wenige Stunden nach Musharrafs Rücktritt forderte, verheissen wenig Gutes.