Politik und Religion

von Lev Krichevsky, October 9, 2008
Seine jüdischen Wurzeln wären ihm hinderlich bei seiner Kandidatur für das Parlament. Das sagte Lev Beresowski, einer der mächtigsten und reichsten Wirtschaftsmagnaten Russlands. «Natürlich existiert dieses Problem für mich in bezug auf die nächste Wahlkampagne», meinte Beresowski am Wochenende gegenüber der russischen TV-Station ORT, die er angeblich kontrolliert. In der Schweiz wird unter anderem gegen eine seiner Firmen ermittelt.
Lev Beresowski: Taktisches Kalkül. - Foto Reuters

Letzte Woche hatte Lev Beresowski bekanntgegeben, dass er bei den Wahlen vom kommenden Dezember für die Duma, das russische Unterhaus, kandidieren werde. Allgemein wird angenommen, dass der Unternehmer vor einigen Jahren zum russisch-orthodoxen Glauben übergetreten ist. Trotzdem wird er von vielen Russen noch immer mit den dort für Juden üblichen Stereotypen wie aggressiv und gierig versehen. Beresowski, eine kontroverse Figur, die eine führende Rolle in Politik und Wirtschaft Russlands spielt, hat seine jüdischen Wurzeln nie verleugnet. «Bei mir ist der Unterschied der», sagte er, «dass ich dieses Problem nie zu vertuschen versuche.» Damit spielt Beresowski auf diverse russische Politiker an, die sich nicht offen zu ihren jüdischen Ursprüngen bekennen. Vor allem seit dem Attentat vom 13. Juli auf ein führendes Miglied der Moskauer jüdischen Gemeinde (vgl. Artikel auf dieser Seite) ist es für Beresowski ungemein wichtig, ohne Rückhalt über den Antisemitismus zu diskutieren. Einige kommunistische Abgeordnete haben Beresowski im vergangenen Jahr zur Hauptzielscheibe für ihre antisemitischen Bemerkungen gemacht, worauf der oft als machthungrig beschriebene Mann erklärt hatte, der Antisemitismus würde ihn daran hindern, sich zum Präsidenten von Russland wählen zu lassen.
Nachdem er seine Absicht bekanntgegeben hatte, für das Parlament zu kandidieren, veranstaltete die Moskauer Radiostation «Echo Moskvy» eine Hörerumfrage, um festzustellen, ob Beresowski überhaupt Chancen hat. 42 Prozent der 2221 Anrufer erklärten, sie würden nicht für Beresowski wählen, wobei einige, die sich während des Programms äussern konnten, die jüdischen Wurzeln des Mannes als Motiv ihres Beschlusses angaben. Beresowski, der in den letzten drei Jahren zwei politische Posten versehen hatte, soll beachtliche Beteiligungen an TV-Stationen, Zeitungen, Fluglinien, Autoherstellern und in der Ölindustrie besitzen. Im vergangenen April sah er, der bis dahin als Mitglied des «inneren Kreises» Präsident Boris Jelzins galt, sich in einer heikeln Situation, als russische Ankläger seine Verhaftung forderten, weil er dem Vernehmen nach in von ihm kontrollierten Schweizer Firmen Einkommen vertuscht haben soll. Der Haftbefehl, der dem Wirtschaftsmagnaten für eine kurze Zeit sogar die Rückkehr nach Russland verunmöglichte, wurde später widerrufen. Die Bundesanwaltschaft bestätigte gegenüber der JR, dass aufgrund verschiedener Rechtshilfegesuche aus Russland Operationen gegen russische Firmen und Personen im Gange seien. Es gibt Kreise, die behaupten, Beresowski wolle sich ins Parlament wählen lassen, um so parlamentarische Immunität zu erlangen und der Anklage zu entkommen. Beresowski dementierte dies energisch und meinte, sobald er in die Duma gewählt sei, würde er sich für die Verabschiedung einer Gesetzgebung einsetzen, welche die parlamentarische Immunität aller Abgeordneter aufheben würde. Letzte Woche begannen Russlands Medien, sich im Zusammenhang mit einem «Krieg zwischen den Mediengrössen» auf Beresowski einzuschiessen. Die TV-Station ORT berichtete vor einigen Tagen, der Kanal NTV und die Gruppe Media Most Firmen, die von Vladimir Goussinsky, dem Präsidenten des Russisch-Jüdischen Kongresses geleitet werden, steckten in finanziellen Schwierigkeiten. Das bestärkte Beobachter in ihrem Verdacht, Beresowski versuche, ein Nachrichtenmonopol auf die Beine zu stellen. Gemäss einem Artikel in der russischen Zeitung «Iswestija», stellen Gussinskys Medien-Holdings das Haupthindernis für Beresowski auf dem Weg zum Präsidentensessel dar. Goussinsky unterstützt Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow, ein Kandidat für das Präsidentenamt und langjähriger Feind Beresowskis. Die Auseinandersetzung könnte die finanzielle Basis Gussinsky untergraben, der als der wichtigste Supporter der jüdischen Gemeinde Russlands gilt.

JTA