Polemik um Bubis Nachfolge

von Igal Avidan und Yves Kugelmann, October 9, 2008
Am kommenden Sonntag wird das neunköpfige Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland in Berlin aus den eigenen Reihen einen neuen Präsidenten wählen. Der letzte Präsident, Ignatz Bubis, ist im vergangenen August im Alter von 72 Jahren verstorben. Einige Tage vor der Wahl bezeichnete Michael Fürst, Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden, die zwei Kandidaten für Bubis Nachfolge, Charlotte Knobloch aus München und Paul Spiegel aus Düsseldorf, als «Zwischenlösungen». Gleichentags steht die Nachfolgewahl für die Präsidentschaft des European Jewish Congress (EJC) in Brüssel an. Bubis präsidierte das Gremium im vergangenen Jahr.
Polemische Debatte um Zentralvorsitz: Vizepräsident Michel Friedman und der verstorbene Präsident Ignatz Bubis. - Foto Keystone

Anders als Knobloch sei Bubis eine Führungspersönlichkeit qua Person gewesen, sagte Fürst der Illustrierten «Stern». Nach Einschätzung Fürsts wird Spiegel als Präsident durch das Präsidiumsmitglied Michel Friedman fremdgesteuert werden. «Spiegel hat nicht die Stärke, sich gegen Friedman durchzusetzen, der zum Vizepräsidenten gewählt werden möchte», sagte Fürst. Er habe «ein echtes Problem» damit, dass ein Jude Vorstandsmitglied einer christlichen Partei sei. «Wir betreiben ein religiöses Geschäft», so Fürst.

Harte Worte

Als «Quatsch» und «Selbstdarstellungsversuch, der jegliche Grundlage entbehrt», bezeichnete der designierte Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, die Kritik von Fürst. «Ich lege sehr viel Wert auf Teamarbeit und hätte mich für dieses Amt nicht zur Verfügung gestellt, wenn ich nicht sicher wäre, dass die Zusammenarbeit mit dem neuen Präsidium einschliesslich mit der Frau Knobloch ausgezeichnet sein wird», sagte Spiegel zur JR. Charlotte Knobloch äusserte gegenüber der JR, dass «derjenige gewählt wird, der für das Judentum in Deutschland am meisten bewirkt hat und nicht derjenige, der am meisten verspricht». Knobloch rechnete mit einer knappen Entscheidung und ist ausserdem der Meinung, dass die Vorabsprachen über die zu verteilenden Funktionen «eine Taktik» Spiegels sei. «Auch ich bin absolut für eine Teamarbeit, aber das Direktorium und nicht der Präsident ist für die Aufteilung der Funktionen zuständig.» Knobloch sagte, eine Zusammenarbeit mit Paul Spiegel wäre «absolut möglich». Über Fürsts Kritik gegen Michel Friedman sagte Knobloch: «Sie spricht für sich selbst.» Eine Stellungnahme von Michel Friedman war nicht möglich.

EJC-Wahlen ohne Polemik

Weniger Aufsehen bereitete im Vorfeld der Versammlung vom kommenden Sonntag die Wahl des EJC-Präsidenten. Ignatz Bubis präsidierte das Gremium bis zu seinem Tode. Während seiner Amtszeit setzte er sich stark für die Integration der jüdischen Gemeinden Osteuropas innerhalb des EJC ein. Noch im Herbst verlautete aus EJC-Kriesen, dass der Präsident des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebundes (SIG), Rolf Bloch, als Nachfolger in Frage käme. Dieser lehnte aber ab, nicht zuletzt auch deshalb, weil er im Frühjahr die SIG-Präsidentschaft abgibt. Somit ist sicher, dass am Sonntag der Präsident des französischen CRIF, Henri Hajdenberg, als einziger Kandidat zum Präsidenten gewählt wird. In den letzten Monaten stand er in Frankreich im Zuge von Restitutionsfragen aus dem Zweiten Weltkrieg vermehrt im Mittelpunkt, als er sich gegen die Einmischung des World Jewish Congress (WJC)in der Sache wehrte. Die Wahl Hajdenbergs wäre wohl auch Zeichen einer Aussöhnung zwischen ihm und dem WJC. Denn der EJC ist Mitglied im WJC und von diesem finanziell abhängig. Neben Rolf Bloch wird aus der Schweiz am kommenden Sonntag auch Michael Kohn an der Versammlung teilnehmen.