Pioniere und Vorkämpfer
Alles begann mit einem kleinen Inserat von John Rosenberg in der Melbourne-Ausgabe der «Australian Jewish News». Rosenberg ist ein Mann, dem weder die Einschränkungen der Orthodoxie noch der Mangel an Tradition in der Reformbewegung zusagten. Ein Jahrzehnt später hatte sich Rosenbergs Lösung namens Kehilat Nitzan zur ersten und bisher einzigen unabhängigen konservativen Gemeinde in Australien mit rund 600 Mitgliedern entwickelt. Inzwischen ist die Gemeinde dabei, ihr eigenes Synagogengebäude zu eröffnen. Allerdings fehlt noch ein neuer Rabbiner.
«Ich besuchte den ersten Gottesdienst 1999 und war seither stets dabei», sagt Judy Feiglin, ehemalige Präsidentin der Gemeinde. «Niemand wusste genau, wie man einen Gottesdienst zelebriert, doch die Menschen damals waren offen und ohne Vorurteile.» Die neu entstandene Gemeinde hatte zwar weder Rabbiner noch Synagoge, doch begann sie, Zimmer in Gebäuden von jüdischen Einrichtungen zu mieten. An den hohen Feiertagen musste der Gottesdienst wegen des starken Andrangs immer in grössere Säle verlegt werden.
In beiden Welten
Das in den USA fest verankerte konservative Judentum vermochte bis in die neunziger Jahre nicht, in Australien Fuss zu fassen. Bis in die dreissiger Jahre war die Orthodoxie die einzige jüdische Ausrichtung in Australien, doch dann begann das Reformjudentum sich auszubreiten. Seither bestimmen diese beiden Bewegungen das Leben der über 100 000 Juden des Landes, wobei die Orthodoxie klar dominierend geblieben ist. Ihnen würde, wie Mitglieder von Kehilat Nitzan erklärten, die Alternative gefallen, die die konservative Gemeinde traditionsbewussten Juden biete – etwa das gemischte Sitzen und die egalitären Gottesdienste. «Mein 96-jähriger Vater», sagte Judy Feiglin, «war immer Mitglied einer orthodoxen Schule, und für uns ist das Zusammensitzen ein echter Höhepunkt.»
In den ersten sieben Jahren haben Laien die Gemeinde geführt, wobei gelegentlich Rabbiner zu Besuch kamen. 2005 hatte sich die Gemeinde vergrössert und Rabbi Ehud Bandel, ehemaliger Vorsitzender der konservativen (Masorati-)Bewegung in Israel, wurde zum ersten Rabbiner ernannt. «Die meisten unserer Miglieder stammen aus orthodoxen Synagogen, doch in ihrer Lebensweise und Weltanschauung sind sie nicht orthodox», sagt Bandel. «Die konservative Bewegung ist der beste Platz, um in beiden Welten zu sein – in der Welt jüdischer Traditionen und Bräuche, und in der westlich-demokratischen Welt des Pluralismus, des Humanismus und der Gleichberechtigung.» Laut Bandel besitzt die konservative Bewegung das Potenzial, zu wichtigsten Strömung im australischen Judentum zu werden.
Nicht jeder ist einverstanden mit dieser Ansicht. Yossi Aron, Redaktor für religiöse Angelegenheiten der «Australian Jewish News», gibt zwar zu, dass das «Monopol der Orthodoxie» angefochten wird, aber nicht durch eine Gemeinde wie Kehilat Nitzan. Kleinere Gemeinden wie Shira Hadasha, eine orthodoxe Gebetsgemeinschaft, in der Männer und Frauen den Gottesdienst leiten, allerdings durch eine Trennwand («mechitza») voneinander getrennt, sind seiner Meinung nach eine echte Herausforderung für die Orthodoxie. «Kehilat Nitzan hat einen festen Platz gewonnen, doch sehe ich die Gemeinde noch nicht als Hauptakteurin», sagte der orthodoxe Aron. «Wer von der jüdischen Gemeinschaft von Melbourne spricht, der denkt noch nicht an eine dritte Alternative.»
Bis zum Auftauchen von Kehilat Nitzan waren Orthodoxie und Reformjudentum praktisch die einzigen Optionen für die 50 000 Menschen starke jüdische Gemeinschaft von Melbourne. Kurz nach seiner Ankunft aber zeigten einige orthodoxe Rabbiner Rabbi Bandel die kalte Schulter und verliessen Veranstaltungen, wenn Bandel eingeladen wurde, um ein Gebet zu rezitieren. «Die meisten orthodoxen Rabbiner», sagte Feiglin, «ignorieren uns, weil sie denken, wir seien nicht wahrhaftig. Das ist ziemlich traurig.»
Ein eigenes Gebäude
Verantwortliche von Kehilat Nitzan hoffen, ihre permanente Behausung werde ein starkes Signal setzen, was ihre langfristigen Absichten angeht. «Eine Gemeinde wird hauptsächlich von ihrer menschlichen Seite geprägt», sagt Bandel und unterstreicht, wie aktiv seine Mitglieder in gesellschaftlichen Belangen seien. «Dann kommt aber sofort das Gebäude, das ungemein wichtig ist.»
Kehilat Nitzan hat enge Beziehungen zur Emanuel-Synagoge von Sydney, einst eine Reformgemeinde, die heute mit der konservativen Gemeinde und der Erneuerungsbewegung verbunden ist. 1992 begannen einige Mitglieder der Emanuel-Synagoge zusammen mit Jeffrey Kamins, heute der Oberrabbiner der Gemeinde, konservativen Gottesdienste am Montagmorgen abzuhalten. Rosenberg, der damals in Sydney arbeitete, gehörte zur Gruppe und brachte die Idee nach Melbourne. «Die Ursprünge der konservativen Bewegung in Australien gehen auf die Emanuel-Synagoge zurück», sagte der aus Los Angeles stammende Kamins, der seinen Rabbinertitel am Hebrew Union College erhielt. Nun sind, wie er sagt, die Pläne reif für die Lancierung einer «national anerkannten Bewegung im Gegensatz zu zwei unabhängigen Gemeinden».
Ein Datum für die Vollendung des Kehilat-Nitzan-Gemeindezentrums ist zwar noch nicht fixiert, doch Bandel hofft, dass das Gebäude mit einer Synagoge, einer koscheren Küche, einer Bibilothek und einem Lernzentrum werde vor Jahresende eröffnet. «Hoffentlich werde ich gehen können, nachdem ich die Mesusa an der neuen Synagoge angebracht haben werde», sagte er. Bis es so weit ist, wird der Vorstand einen Nachfolger für Bandel ernannt haben müssen. Die dafür eingesetzte Kommission hat schon über ein Dutzend Anfragen erhalten. In der Mehrzahl handelt es sich um neu ordinierte amerikanische Rabbiner, doch die Kommission ist auch an englischen, lateinamerikanischen und israelischen Kandidaten interessiert.
Rabbiner gesucht
Zvi Civins, der aus New Jersey stammende derzeitige Präsident von Kehilat Nitzan, erwartet einen «dynamischen, gelehrten Rabbiner mit einer persönlichen Ausstrahlung» und eine Person, die junge Erwachsene anziehen kann. Für Kandidaten gibt es zwar keinen offiziellen Anmeldeschluss, doch Civins plant Video-Interviews mit einigen Bewerbern und will ein paar von ihnen treffen, wenn er im Juni in die USA reist. «Für einen neuen Rabbiner ist es eine wunderbare Gelegenheit, das Wachstum der Gemeinde in unserem neuen Heim fortzusetzen.» Die Leute von Kehilat Nitzan seien Pioniere, die sich als Vorkämpfer sähen.