Pionierarbeit jüdischer Frauen

Von Viviane Berg, February 18, 2011
Die Pädagogische Hochschule Zürich und die höhere Mittelschule für jüdische Mädchen Machon Chen planen einen Lehrgang für Lehrerinnen an jüdischen Schulen und Kindergärten.
REGES INTERESSE Rund 100 Frauen informierten sich über die neuen Ausbildungsmöglichkeiten

Im Herbst soll erstmals ein Lehrgang beginnen, der eigens für die Lehrerinnen der jüdischen Primarschulen und Kindergärten entwickelt wird. Erfolgreiche Absolventinnen werden ein «Lehrdiplom für jüdische Schulen und Kindergärten im Kanton Zürich» erhalten. Einen ersten Erfolg verbuchten die Initiantinnen des Lehrgangs am Donnerstag der vergangenen Woche: an die 100 Frauen wollten sich über den Lehrgang informieren. Denn noch immer ist die Verunsicherung gross, die ein Brief von der kantonalen Bildungsdirektion vor zwei Jahren an den jüdischen Schulen Zürichs ausgelöst hatte. In Zukunft sollen nur noch Lehrpersonen profane Fächer unterrichten, die über eine staatliche Lehrbewilligung verfügen. Seminarabschlüsse von Institutionen, die viele der religiösen jüdischen Zürcher Lehrerinnen in England oder Israel besucht haben, sollen schon bald nicht mehr ausreichend für den Lehrberuf sein.
Als Gabrielle Rosenstein, Präsidentin des Verbandes Schweizerischer jüdischer Fürsorgen, bei der Zusammenarbeit mit den Schulleiterinnen der höhere Mittelschule für jüdische Mädchen, Machon Chen, deren Verunsicherung über die neuen Vorschriften spürte, brachte sie die Frauen mit der Leitung der Pädagogischen Hochschule Zürich in Kontakt. Machon Chen richtet sich an religiöse jüdische Frauen ab dem 15. Altersjahr, die dort Kurse und Ausbildungsgänge bis hin zum Bachelor of Arts absolvieren können. Demnächst werden zehn Schülerinnen der Machon Chen ihre letzten Prüfungen ablegen, für die sie seit zwei Jahren gelernt haben.

Gute Kooperation

Mittlerweile steht fest, dass die Pädagogische Hochschule Zürich viel guten Willen zeigt, um den Bedürfnissen der Frauen von Machon Chen entgegenzukommen. Dieser gute Wille hat die Leiterinnen von Machon Chen, Breindy Kopelman und Mucky Adler, sehr überrascht. So manche Anregung wurde bei der Entwicklung des neuen Studienganges aufgenommen. Erfreut über die konstruktive Kooperation und voll Zuversicht äusserte sich Andrea Widmer Graf, Ausbildungsverantwortliche der Pädagogischen Hochschule, am Donnerstag: «Zwar sind die Entscheide der Bildungsdirektion, die letztlich die Finanzierung des Projekts gutheissen muss, noch ausstehend. Aber wir sind entschlossen, den Studiengang an der Pädagogischen Hochschule durchzuführen.» Der für Privatschulen verantwortliche Bildungsdirektor sei jedenfalls von der Idee begeistert, fügte Widmer hinzu.
Ob der Studiengang für Primarschullehrerinnen mit einem Lehrgang für Kindergärtnerinnen ausgeweitet oder kombiniert wird, hängt von der Anzahl der Interessentinnen ab. Als Voraussetzung für das Studium gilt der Bachelor of Arts (BA). Zum Semesterstart am 19. September beginnt der Lehrgang, dessen Anmeldetermin provisorisch auf den 1. Mai festgelegt wurde. Bis dahin müssen mindestens ein halbes Dutzend Anmeldungen vorliegen, damit der Lehrgang überhaupt durchgeführt wird. Andrea Widmer Graf zählte am Informationsabend auf, was diesen Lehrgang von allen anderen Lehrgängen an der Pädagogischen Hochschule unterscheidet, zum Beispiel die Ausbildungsdauer. Während sich das reguläre Studium über drei Jahre erstreckt, beenden die künftigen Lehrerinnen für jüdische Schulen ihr Studium bereits nach einem Jahr. Auf das Mindestalter von 30 Jahren, das für den regulären Kurs für Quereinsteigende verlangt wird, wurde bei den Lehrerinnen jüdischer Schulen verzichtet. Sie sind hingegen dazu verpflichtet, in jeder zweiten Woche einen Praxistag zu absolvieren, so sollen sie einen Einblick in öffentliche Schulen erhalten. Für das Studium werden 60 Kreditpunkte angerechnet. Am Orientierungsabend trugen auffallend viele der Anwesenden einen grossen Umschlag in der Hand, der ihre Diplome oder Abschlusszeugnisse enthielt.

In der Planungsphase

Der neue Studiengang befindet sich in der Planungsphase und lässt sich darum vorerst weiterhin an die Bedürfnisse der Studentinnen anpassen. Andrea Widmer Graf informierte zwar die Zuhörerinnen über den Studiengang, hielt aber fest: «Ich bin auch gekommen, um mich nach Ihren Bedürfnissen zu erkundigen.» Das arbeitsintensive Studienjahr beurteilte das Publikum skeptisch. Eine Zuhörerin schüttelte den Kopf; es sei illusorisch zu glauben, dass junge Mütter das ganze Pensum des Lehrganges im Vollzeitstudium mit Hausaufgaben, Prüfungen und Vorlesungen bewältigen können, wenn sie für ihre Kinder zu sorgen hätten. Entgegenkommend meinte die Hochschuldozentin, dass durchaus ein weiterer Lehrgang eingerichtet werden könnte, mit entsprechend längerer Studiendauer und geeigneten Vorlesungszeiten, vorgesetzt, es melden sich genügend interessierte Mütter für diesen Lehrgang.
Die Kosten führten zu einer weiteren Diskussion. Die Kosten für das Studium bis zum BA würde für Machon-Chen-Lehrerinnen insgesamt knapp 10 000 Franken kosten. Rektorin Breindy Kopelman aber beschwichtigte: «Wir werden einen Weg zur Finanzierung finden. Niemand soll aus Geldmangel auf die Ausbildung verzichten müssen.» Inwiefern bisherige Leistungen, Praxiserfahrung und Kompetenzen für den BA anerkannt werden, können Interessierte vorgängig in einer Beratungsstunde bei Machon Chen abklären.
Erfolge erzielte das Planungsteam des neuen Lehrgangs bei orthodoxen jüdischen Männern. Ari Lewenstein, Rektor der jüdischen Mädchenschule Zürich, nannte es eine grosse Chance für die Lehrerinnen der jüdischen Schulen, dass sie nun eine staatlich anerkannte Bildung erwerben können. Und Moshe Rappaport, Mitglied des Beratungsgremiums von Machon Chen, wies darauf hin, dass die zuständigen Rabbanim die neue Ausbildung abgesegnet hätten. Seine Frage, wann ein solcher Lehrgang für Männer, die an jüdischen Schulen unterrichten, konzipiert werde, erwies sich als ein deutliches Kompliment für die Pionierarbeit der Frauen.