Perlen inmitten von Beton

von Jacques Ungar, July 22, 2010
Die Bialik-Strasse in Tel Aviv zeichnet sich durch ihre friedliche Stimmung aus. Sehenswürdigkeiten wie das Bialik-Haus machen die Strasse ebenso attraktiv für Besucher wie der Platz mit dem Stadthaus und dem Bauhaus-Museum, der nun aufwändig renoviert wurde.
KONZENTRATION Vom Balkon des Stadthauses blickt man auf das Bialik-Haus (l.) und auf das Bauhaus-Museum (r.)

Wer den Bus durch die Tel Aviver Allenby-Strasse an der Ecke Bialik-Strasse (zwischen Hess- und Tschernichowsky-Strasse gelegen) verlässt, erlebt einen Übergang von Lärm und orientalischem Durcheinander zu Ruhe und Beschaulichkeit, der so abrupt ist, dass er fast als schockartig bezeichnet werden kann. Nach wenigen Metern in der nach dem israelischen Nationaldichter Haim Nahman Bialik (1873–1934) benannten Strasse ist der Lärm nur noch gedämpft und wie aus weiter Ferne zu hören. Weil zudem der Durchgangsverkehr ausgesprochen schwach ist, können die Gäste sich voll den oft akribisch renovierten Häuserfassaden im Bauhausstil und den üppigen, gepflegten Vorgärten widmen.

Grundlegende Renovation

Nach wenigen Minuten erreicht man das Kernstück der Bialik-Strasse: den runden Platz mit dem flachen Teich in seiner Mitte. Mit dem Rücken zur Allenby-Strasse stehend, entdecken die Besucher auf der rechten Seite des Platzes das
Bialik-Haus, gegenüber den Rundbau des Stadthauses («Bet hair»), in dem die Gründerväter der ersten jüdischen Stadt Israels unter Bürgermeister Meir Dizengoff (1861–1936) in den Jahren 1924–1965 ihre Sitzungen abhielten und wichtige Gäste empfingen. Auf der linken Seite schliesslich wird der Platz durch das Bauhaus-Museum des jüdischen Mäzens Ronald Lauder eingefasst. Von der Terrasse des Rundbaus aus pflegte Bürgermeister Dizengoff sich gerne an seine Mitbürger zu wenden.

Für 16 Millionen Dollar hat die Stadt Tel Aviv den ganzen Platz mit den anliegenden Häusern grundlegend renoviert. Das Bet hair wird dereinst ein offenes Haus für jene Einwohner, Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler und Touristen sein, die sich mit der Stadt und ihrer Spiritualität vertraut machen wollen. Heute schon schlägt eine Zusammenstellung historischer Filmausschnitte aus den ersten 100 Jahren der Stadt Tel Aviv die Besucher in ihren Bann. Man vergisst die Hektik des Alltags und lässt sich von den in ihrer Einfachheit beeindruckenden Aufnahmen in längst vergessene Zeiten entführen, die gar nicht weit zurückliegen.

Schlossartiges Bialik-Haus

Gleiches empfindet der Besucher des Bialik-Hauses, eines 1924 nach einem Entwurf des Architekten Joseph Minor entstandenen schlossartigen Gebäudes, das zu Ehren der Ankunft des verehrten Nationaldichters im Lande errichtet worden ist. Bialik liess es sich nicht nehmen, selber aktiv an der Planung des Hauses mitzuwirken. Unterstützt wurde er dabei von Manya, der ihm während 41 Jahren loyal zur Seite stehenden, von ihm liebevoll Manitschka genannten Ehegattin. Bialik, dem die Wiederbelebung der hebräischen Sprache ein zentrales Anliegen war, legte besonderen Wert auf die Darstellungen aus der jüdischen Mystik und Geschichte wie die Symbole der zwölf Stämme Israels, der Sternzeichen und Münzen, die an das befreite und an das gefallene Judäa erinnern.

Ein Gang durch das restaurierte, zu einem Museum umfunktionierte Bialik-Haus versetzt die Gäste in das Europa des frühen 20. Jahrhunderts. Essraum, Salon, Kinderzimmmer (Bialik selber hatte, wie übrigens auch Dizengoff, keine Kinder, liebte diese aber dennoch sehr), Bibliothek und diverse Arbeitsräume sind in verschiedenen, sich klar voneinander unterscheidenden Farben gehalten. Es gibt blaue, grüne und rote Zimmer; die Möbel stammen aus der Zeit, als die Bialiks noch im Haus lebten. Ganz typisch für jene Zeiten ist die Durchreiche, durch welche aus der heute nicht mehr existierenden Küche Speisen und Getränke ins Esszimmer gereicht wurden. Im Keller befinden sich die Archive des Bialik-Hauses.

Ein Gang durch die Tel Aviver Bialik-Strasse manifestiert, wie nahe beieinander Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Israel liegen. Im Grunde genommen bilden alle hier erwähnten Elemente einen Kreis, der sich nicht durchbrechen lässt. Im Gegenteil: Die Besonderheit liegt gerade darin, jedes einzelne Element und seine Bedeutung für das Ganze zu würdigen.

Besuche im Bet Hair: Tel. +9723 724 03 11,Besichtigungen Bialik-Haus:
Tel. +9723 525 45 30 oder +9723 525 34 03.