Passive Sterbehilfe?

Fabio Luks, September 8, 2010
Die Israel Medical Association Schweiz organisierte einen Vortragsabend mit dem Thema «Palliative Care – Was ist heute möglich, was ist sinnvoll?» im Haus der jüdischen Jugend in Zürich. Es kam die Frage auf, inwieweit diese Art der schmerzlindernden Behandlung mit den Vorschriften des Judentums vereinbar ist.

Der Anästhesist und Palliativmediziner Andreas Weber machte in seinem einleitenden Referat klar, dass bei der sogenannten Palliative Care (vgl. Kasten) der Patient und seine Wünsche im Vordergrund stehen. Grundsätzlich wünsche sich die Mehrheit der Menschen ein langes, gutes Leben. Wenn der Tod aber unmittelbar bevorstehe, kommt der Wunsch auf, rasch und ohne Qual und zu Hause zu sterben. Damit die Patienten ihren Lebensabend schmerzfrei in den eigenen vier Wänden bestreiten können, brauche es einiges an Vororganisation. Hier sieht Weber denn auch eines der Schwergewichte der Palliativmedizin.

Gute Planung
 
Am Anfang stehe die Entscheidungsfindung, welche der Palliativmediziner, indem er Nutzen und Risiken einer möglichen Therapie aufzeigt, in die Wege leitet. 60 Prozent aller Patienten fällen nach dieser Beratung, bei der auch Angehörige zugegen sind, eine Entscheidung über den weiteren Verlauf ihrer Behandlung. Auf den Entschluss folge die Planung. Weber spricht in diesem Zusammenhang gerne vom Kennen der Feuertreppe: «Wenn es brennt, weiss man wo der Ausgang ist.» Geplant wird insbesondere die Zusammensetzung und Organisation eines Teams, das sich aus Angehörigen, Nachbarn, Freiwilligen, Spitex, Onko Plus, Hausarzt und Palliativmedizinern zusammensetzen kann. Gute Planung sei extrem wichtig, da durch sie unnötige Zwischenfälle (wer könnte zum Beispiel im Notfall Medikamente intravenös zuführen?) und zusätzliche Kosten minimiert werden können.

Schmerzen lindern

Anschliessend an den informativen Vortrag fand eine Podiumsdiskussion mit Andreas Weber, Deborah Ackermann vom Vorstand Israel Medical Association Schweiz und Rabbiner Marcel Ebel von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich unter der Leitung von Michael Fried vom Universitätsspital Zürich statt. Wichtig war unter anderem die Frage, ob Palliative Care eine Form der passiven Sterbehilfe darstelle und ob sie mit den Vorschriften des Judentums vereinbar sei. Deborah Ackermann betonte, dass die aktive Sterbehilfe mit Organisationen wie Exit zusammenhänge, die Palliativmedizin hingegen vielmehr für umfassende Information und Schmerzlinderung stehe. Rabbiner Ebel stellte klar, dass es im Judentum in Bezug auf aktive Sterbehilfe keine Legitimationsmöglichkeit gäbe, bei der passiven Sterbehilfe hingegen würden die Meinungen divergieren. So werde in israelischen Spitälern zuweilen alles unternommen, um die Patienten am Leben zu erhalten, während der verstorbene New Yorker Rabbiner Moshe Feinstein vorschlug, auf eine weitere Behandlung, die nur zusätzliches Leid und Schmerz verursache, zu verzichten, wenn eine Heilung aus ärztlicher Sicht ausgeschlossen sei.
Auf die Frage von Michael Fried, wie es denn um für unmündig erklärte Patienten stehe, wusste Deborah Ackermann aus ihrem Alltag durch ihre Tätigkeit bei Onko Plus bestens Bescheid. So sei sie oft mit Angehörigen in Kontakt gekommen, welche sie aufforderten, die Krankheit in Gegenwart des Patienten nicht anzusprechen. Durch diese familiäre Tabuisierung werde oft ein würdevolles Abschiednehmen unmöglich gemacht, da der Tod für den Betroffenen unerwartet käme. Zum Schluss des Gesprächs bestand Einigkeit darin, dass Palliative Care das Leben nicht verkürze, also keine passive Sterbehilfe sei, dafür aber Schmerzen lindern und somit die Lebensqualität der letzten Tage stark erhöhen könne.