Parodie erregt heftige Reaktionen

von Samuel Laster, October 9, 2008
Im Holocaust Memorial Museum in Washington kann man im Souvenirshop für 18 Dollar die Compact Disc «Lieder aus dem Kaunasser Ghetto» kaufen. Die Ausstellung «The hidden History of Kaunas Ghetto» läuft seit Ende 1997. Auf der vor einem Jahr eingespielten CD singt ein Chor auf Litauisch nach der Melodie der litauischen Nationalhymne von Vincas Kudirka («Litauen, unser Vaterland») eine Parodie der Hymne unter dem Titel «Litauen, blutiges Land», in der das litauische Volk nicht gerade gut wegkommt.
Aleksandras Lileikis: Beispiel für Littauens Ängste und Schwierigkeiten im Umgang mit den Jahren unter nationalsozialistischer Herrschaft. - Foto Reuters

Fast alle Exponate der Ausstellung wurden aus Litauen herangeschafft, darunter auch ein Notizbuch von 1942 mit Zeichnungen und Liedern der ehemaligen Ghettohäftlinge. Eines der Lieder ist «Litauen, blutiges Land». Die umfangreiche Beteiligung von Litauern am Judenmord führte zu der Textvariation, die in Litauen heftigen Gefühle hervorrief.
In der Sendung von «Lietuvos rytas TV», bei der diese Parodie der Hymne gespielt wurde, kam die Frage auf: Wie würden amerikanische, französische oder israelische Offizielle und Bürger auf so etwas reagieren, das zwar als authentische Ghetto-Folklore bezeichnet wird, aber erst vor fast zwei Jahren aufgenommen wurde und öffentlich verbreitet wird? «Jedes Volk enthält in den Augen eines anderen Volkes die Behandlung, die es verdient. Solche Tatsachen oder ihre Verheimlichung werden wohl kaum dazu beitragen, das Image unseres Landes zu verbessern, das im Kontext des Holocausts ohnehin nicht das beste ist», so der Urheber der Sendung über den massenhaften Mord an den Juden in Litauen.

Nicht ins Gefängnis für Judenmord

Nach Ansicht des früheren Präsidenten Brazauskas sollten die litauischen Politiker reagieren, denn schliesslich liegt eine Entwürdigung der litauischen Hymne vor. «Unsere Staatsmänner sollten dieses Museum nicht besuchen», so der sichtlich betrübte Präsident. Brazauskas ist überzeugt, dass Gerechtigkeit schliesslich den Sieg davontragen muss. «Wer ein Verbrechen begangen hat, muss sich dafür verantworten. Ich bin nicht dafür, dass der wegen Genozids an Juden angeklagte Aleksandras Lileikis ins Gefängnis gebracht wird - dafür ist er zu alt. Aber ein Urteil muss gesprochen werden», so Brazauskas. Der grösste Teil der Finanzmittel weltweit liegt in jüdischen Händen, so Brazauskas zur TV-Beilage der Tageszeitung «Lietuvos Rytas». In Litauen liegt kein einziger Cent jüdischen Kapitals. Das, so Brazauskas, sei die praktische Seite. Schuldgefühle für das, was im Zweiten Weltkrieg in Litauen geschah, sollte seiner Meinung nach jeder Litauer empfinden. «Hätten die Macher der CD eine alte Kaunasserin gefunden und sie gebeten, eines der Lieder aus ihrer Jugend zu singen, und es wäre \"Litauen, blutiges Land\" gewesen, wäre es nicht weiter schlimm gewesen», so Journalist Bruzas von «Lietuvos rytas TV». «So aber ist das Lied neu herausgegeben worden, und ein Volk von Mördern wird von schönen Chorstimmen besungen.»
Die 17 Lieder aus dem Kaunasser Ghetto wurden von Robert De Cormier neu arrangiert und von dem Chor «Noble voices» eingespielt. Der Botschafter Litauens in Washington Stasys Sakalauskas,. schrieb in seiner Erklärung an die Adresse der Direktorin des US Holocaust Memorial Museum: «In dem Souvenirgeschäft Ihres Museums wird eine CD \"Lieder aus dem Kaunasser Ghetto\" verkauft, die Ihr Museum herausgegeben hat. Unter den Liedern ist eines, in dem die Hymne der Republik Litauen verächtlich gemacht wird (!). Nach 55 Jahren ist dies besonders wichtig für die neue Generation von Litauern, die am Holocaust nicht beteiligt war und die den Juden Mitgefühl und Mitleid entgegenbringt für alles, was sie während des Zweiten Weltkrieges verloren haben.»
Die Direktorin des Holocaust Museum, Sarah Bloomfield, bat zwar, allen Litauern ihre Bitte um Entschuldigung zu übergeben, versprach aber nicht, die weitere Verbreitung der CD zu unterbinden.
Vor der deutschen Invasion lebten über 250 000 Juden in der damaligen litauischen SSR, zu der fast das gesamte Gebiet des unabhängigen Vorkriegslitauen und das kurz zuvor angeschlossene Vilniusser Gebiet gehörte. Nur wenige von ihnen schafften es, vor dem Juni 1941 von zu Hause wegzugehen.
«Ist das die Wahrheit, oder ist es bewusste Geschichtsfälschung? Waren die Litauer selbst als Organisatoren an den Pogromen gegen die Juden beteiligt, oder haben die Deutschen die Glut mit fremden Händen angefacht?» so Bruzas in seiner Reportage für «Lietuvos rytas TV». Er als Vertreter der jungen Generation der Litauer möchte nicht als «Judenschiesser» bezeichnet werden. Eben darum machte er sich daran, in den Geschichten herumzuwühlen, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen. Es gelang Bruzas, den einzigen Überlebenden des Massakers an Juden in der Kaunasser «Lietukis»-Garagenanlage am 27. Juni 1941, den 74-jährigen Vaclovas aus Kaunas Vodzinskas zu finden. Vodzinskas bestritt vor der Fernsehkamera, dass junge Litauer 75 Juden mit Stangen und Metallbändern zu Tode geprügelt hätten und anschliessend auf den Leichenberg geklettert seien, um auf dem Akkordeon die litauische Hymne zu spielen. Vodzinskas sagte, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie man den von der Eisenbahn herankommandierten betrunkenen Männern befohlen habe, den «Marsch der Juden von Slobodka» zu spielen. Die Männer, so Vodzinskas, hätten «irgendsoeine Polka gespielt und sind weitergegangen».

Aufgeblasene Sache

Simon Alperovic, Vorstand der Litauischen Jüdischen Gemeinde, hörte das von dem jüdischen Chor gesungene «Litauen, blutiges Land» in der Sendung von «Lietuvos rytas TV». «Ich bin zwar Jude, aber auch litauischer Bürger. Das Bild Litauens in der Welt bedeutet mir viel. Hier aber ist die Sache zu sehr aufgeblasen. Nur wenige Ghettohäftlinge konnten darauf hoffen zu überleben. Die ins Ghetto gelangenden Gerüchte über den blutigen Tanz und die Hymne auf dem Leichenhaufen in der \"Lietukis\"-Garage hat sie dazu veranlasst, das Lied \"Litauen, blutiges Land\" zu verfassen und wenigstens so Rache an den Mördern zu nehmen», so Alperavicius im Original zur TV-Antena von Lietuvos Rytas.«Der Journalist war in seiner Reportage nicht ganz objektiv», so Alperavicius vorsichtig. «In den litauischen Medien ist eine Tendenz zu beobachten, Rechtfertigungen zu finden. Unserem Volk ist in der ganzen Welt Unumkehrbares angetan worden, und nun versuchen bestimmte Leute, Aleksandras Lileikis zu verteidigen.»