Parking, Gräber und Rabbiner

von Katarina Holländer, October 9, 2008
Die Auseinandersetzung um den vor einiger Zeit entdeckten mittelalterlichen Friedhof in Prag eskaliert. Wie nicht selten in Zusammenhang mit Problemen, die jüdische Interessen tangieren, hat man die Frage der Erhaltung des einmaligen Friedhofs auf die Frage zu reduzieren versucht, «ob das Weltjudentum» bereit sei, die angewachsenen Spesen zu übernehmen.
Prag: Endlose Diskussion. - Foto KY

In Israel gehört es zum Alltag der Archäologen: Sobald sich bei Ausgrabungen eventuelle Grabfunde abzuzeichnen beginnen, treten Orthodoxe auf den Plan und beginnen zu mahnen, zu belagern, einzuschreiten. Es kann auf beiden Seiten, auf der säkularen, wissenschaftlich arbeitenden sowie auf der der orthodoxen Israelis recht heftig werden, wenn es um die Ruhe der Toten geht. Bei Ausgrabungen wiederentdeckter Gräber geraten die Interessen in Widerstreit. Man kann bei diesen Szenen einen Eindruck davon gewinnen, wie intensiv einander die beiden Gruppen verwerfen. Eine Ahnung von der Heftigkeit dieses Kulturkampfs kann man seit Monaten in Prag bekommen.

Albrights Votum

Als die amerikanische Aussenministerin Madeleine Albright unlängst die Tschechische Republik besuchte, gab sie unter anderem ihrer Hoffnung Ausdruck, es möge sich auch in der Friedhofsfrage eine befriedigende Lösung finden. Das zeigt, zu welchem Prestige es der Friedhof in der Vladislavova-Strasse gebracht hat. Albrights Wirken gehört zu einer Reihe von Voten, die seit einigen Monaten aus dem europäischen und amerikanischen Ausland tschechische Adressen erreichen. Sie haben das Geschehen um das Ausgrabungsfeld zunehmend dramatisiert.Die letztjährige Demonstration der Prager jüdischen Gemeinde (JR vom Dezember 1999) hatte geholfen, in die verfahrene Sache etwas Wind zu bringen. Schon lange waren sowohl die archäologischen als auch die Bauarbeiten gestoppt worden, weil die Entscheidung, was mit dem ältesten jüdischen Friedhof geschehen soll, ausstand. Kulturminister Pavel Dostál hatte in Aussicht gestellt, das Gelände zu geschütztem Kulturgut zu erklären. Auf dieser Basis hoffte man, den Friedhof retten zu können. Es kam zu einem Kompromiss. Denkmalamt, Rabbinat und Versicherung einigten sich auf eine ungewöhnliche Lösung: Die Erdschicht mit den Gräbern sollte, in Beton eingeschlossen, so tief in den Boden gesenkt werden, dass sie unter den Bau zu liegen käme - als staatlich geschützter eingesargter Friedhof unter einer Tiefgarage. Aber nun ging der Aufruhr erst richtig los. Vor allem in den USA und in England wurde man auf das Geschehen aufmerksam. Der ausgehandelte Lösungsansatz soll unter anderem von den Oberrabbinern Grossbritanniens, Frankreichs und Hollands kritisiert worden sein, weiter vom Londoner «Committee for the Preservation of Jewish Cemeteries in Europe» und der amerikanischen «Commission for the Preservation of America’s Heritage Abroad». Auf dem weltweiten Internet-Meer konnte man beim Surfen auf Protest-Inseln stossen, auf denen irrtümlich darauf hingewiesen wurde, dass der alte jüdische Friedhof, auf dem auch der legendäre Rabbi Löw begraben liegt, bei Bauarbeiten zerstört zu werden drohe. Teilweise auf Grund solcher Fehlinformationen - es handelt sich ja nicht um den berühmten Prager «Alten» jüdischen Friedhof, sondern um einen noch älteren - gingen beim Kulturminister Hunderte von Protest-e-mails ein. Leo Pavlát, Direktor des Prager Jüdischen Museums, betont den Schaden, den die Reaktion ausländischer Instanzen für alle Seiten gebracht hat. Rabbiner Sidon beschloss, den israelischen Landesrabbiner Israel Meir Lau um Rat zu bitten, der sich schliesslich gegen einen Bau am Ort des Friedhofs aussprach.
Ende Februar versammelten sich besorgte orthodoxe Juden in Prag und erregten durch ihren Aufmarsch Aufsehen, indem sie die Vladislavova drei Stunden lang blockierten. Sie wollten die zu Forschungszwecken Exhumierten am selben Ort wieder begraben. Das wurde ihnen nicht erlaubt, und man brachte die Knochen, die sie in Schachteln mitgebracht hatten, zum Neuen jüdischen Friedhof. Anfang März fanden sich auch in London orthodoxe Juden vor der tschechischen Botschaft ein, um für die Erhaltung des Friedhofs zu demonstrieren. Es war nun ein leichtes zu behaupten, alles geschehe auf Druck eines wieder einmal bemühten «Weltjudentums».
Kulturminister Dostál zeigte sich von diesem «Weltjudentum» im Stich gelassen. Er behauptete in einem Gespräch vom 2. März, nichts stünde der Rettung des Friedhofs im Wege, wenn «das Weltjudentum» die Kosten übernehme, wie ihm dies angeblich «amerikanische Rabbiner» zugesagt haben sollen, die sich aber «nicht wieder gemeldet» hätten. Es handle sich «um eine Aktion, die irgendwo von einer grossen Lüge angeführt» werde. Dass Dostál hier in einen Jargon verfällt, der ihn nicht eben ziert, ist ein Ausdruck der wachsenden Ratlosigkeit, die sich mit dem Fall dieses Prager Friedhofs verbindet.

Viele ungelöste Fragen

Neuerdings dementiert die Versicherungsgesellschaft, dass da überhaupt Garagen gebaut werden sollten, was der Sache auch nicht mehr hilft, aber den falschen Eindruck schürt, es handle sich hier allgemein um ein Lügengewirr. Der Regierung sollen drei Lösungsvarianten vorgeschlagen werden. Viele Fragen bleiben offen: Wer ist hier eigentlich zuständig? Warum wurde der Fall verschleppt, bis die Spesen horrend angewachsen waren (die Versicherung spricht von einer halben Milliarde tschechischer Kronen)? Weshalb wurde die längst erwartete Entscheidung, ob der Staat den Friedhof schützen wird oder nicht, bis heute nicht gefällt? Wird sich tatsächlich die tschechische Regierung mit dem Fall befassen müssen? Wie kommt Herr Dostál auf die Idee, ein Friedhof, den er selber für des staatlichen Schutzes würdig befunden hatte, könne vom Staat nur dann geschützt werden, wenn «die Juden» die Kosten, die unter anderem durch sein Verhalten so angewachsen sind, bezahlen? Und wie lange währt die ewige Ruhe?