Papst spricht Juden eigenen Heilsweg ab

von Michael Meier, April 7, 2009
Die Begnadigung der Pius-Bischöfe wird fortan der Interpretationsschlüssel zum Pontifikat Benedikts XVI. sein. Der deutsche Papst, einst von nazifreundlichen Mentoren gefördert, hat den kirchlichen Antijudaismus so wenig überwunden wie die von ihm geförderte katholische Rechte.
GRÜNDER DER PIUS-BRUDERSCHSCHAFT MARCEL LEFEBVRE (MIT SPITZHUT) Juden, Freimaurer und Kommunisten waren für ihn die Hauptfeinde der Kirche

Noch immer ist im Vatikan das Bedürfnis, sich zu erklären, gross. Die Kirchenzentrale versucht mit allen Mitteln aus der Welt zu schaffen, was sich doch nicht ungeschehen machen lässt. Pater Eberhard von Gemmingen von «Radio Vatikan» und der päpstliche Pressesprecher Federico Lombardi überbieten sich geradezu mit Stellungnahmen, wie es zu der Ungeheuerlichkeit gekommen ist, die seit Wochen die Öffentlichkeit beschäftigt. Schützenhilfe erhält der Vatikan von Ortsbischöfen wie Kurt Koch, der die Begnadigung der vier Pius-Bischöfe in Einklang mit dem Papst als einheitsfördernden Akt der Versöhnung darzustellen sucht. Anfang März dann sah sich Benedikt XVI. persönlich genötigt, ein Schreiben an alle Bischöfe der Welt zu schicken.
Benedikt spricht in seinem Brief an den Weltepiskopat nur von Pannen, von Informationspannen. Zurücknehmen mag er die Begnadigung der vier Pius-Bischöfe aber nicht. Für ihn ist die Aufhebung der Exkommunikation, weil «unglücklich überlagert» vom Fernsehinterview mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson, in ein falsches Licht gerückt worden. Dabei ist der Skandal nur folgerichtig, eine logische Folge aus der päpstlichen Politik, die rechten traditionalistischen Kräfte zu hofieren. Zur katholischen Tradition gehört nun mal der Antijudaismus, der sich zum Antisemitismus und selten auch zur Leugnung des Holocaust steigern kann.
Als Kardinal Ratzinger in den Jahren vor dem Schisma von 1988 intensiv mit den Lefebvristen verhandelte, lernte er die antijüdische Haltung von alt Erzbischof ¬Marcel Lefebvre und seiner Anhänger sehr wohl kennen. Für diesen waren immer schon die Juden, Freimaurer und Kommunisten die Hauptfeinde der Kirche und der christlichen Zivilisation. Weltanschaulich lehnte sich die Bruderschaft an die 1944 verbotene Action française an, die während der deutschen Besatzungszeit auf der Seite von General Pétain stand, dem Chef der mit Hitler kollaborierenden Vichy-Regierung. Lefebvre führte später eine jährliche Wallfahrt zur Begräbnisstätte Pétains ein.
Was Ratzinger auch wusste: Der berüchtigte Nazikollaborateur Paul Touffier, eine zentrale Figur bei den französischen Judendeportationen und wegen Zusammenarbeit mit der Gestapo und SS gesucht, fand auf der Flucht vor der Justiz immer wieder Unterschlupf bei den Traditionalisten – bis er 1989 im Priorat der Pius-Bruderschaft in Nizza verhaftet wurde. Nach seinem Tod im Gefängnis würdigte ihn der Pariser Lefebvre-Pfarrer Philippe Laguérie mit grossem Pathos und beerdigte ihn feierlich. Als Laguérie mit dem Pius-Priesterseminar in Ecône in Streit geriet, gründete er das «Institut du Bon Pasteur», das Rom 2006 ohne Weiteres anerkannte und ihm die Erlaubnis erteilte, regelmässig die tridentinische Messe zu feiern.

«Holocaust-Religion»

Unmittelbar vor der Begnadigung der Pius-Bischöfe hatte der deutsche Distrikt¬obere der Pius-Bruderschaft, Franz Schmidberger, neuerlich eine Debatte über die Juden als Gottesmörder lanciert und sich mit dem Zentralrat der Juden angelegt. Niklaus Pfluger wiederum, erster Assistent des Generaloberen Bernard Fellay, sagte 2005 in einem Interview mit der «Jungen Freiheit»: «Das ist doch gerade das Besondere am Christentum, dass uns Jesus aus den engen Gesetzen des Judentums befreit hat!» Pfluger schreibt öfters im Zentralorgan der neuen Rechten, 2007 etwa über die konservative Gegenrevolution.
Das grösste und wichtigste Portal der Traditionalisten, von Kennern den Pius¬Brüdern selber zugeordnet, pflegt immer wieder einen unverhohlenen Antisemitismus. Die deutschsprachige Site «www.kreuz.net» brandmarkt in ihren anonymen Beiträgen die «Holocaust-Hysterie» oder «Holocaust-Religion» und verteidigt neuerdings auch Bischof Williamson. Mitten im Gaza-Krieg veröffentlichte sie unkommentiert eine Rede Heinrich Himmlers über die «Vernichtung der Juden». Als Betreiber der Site zeichnet ein Sodalicium, eine Kameradschaft für Religion und Information. Weil die Server in Kalifornien platziert sind, schlägt jeder Versuch der Strafverfolgung fehl.
Auch bei den anderen rechtskatholischen Gruppen wie Opus Angelorum, Legionäre Christi, Petrusbruderschaft, Sedisvakantisten oder der katholischen Pfadfinderschaft Europas wird der Antijudaismus innerhalb des Abwehrkampfes gegen die verdorbene Moderne kultiviert. Meist bleibt es bei einem Antijudaismus auf der theologischen Ebene, wonach die Kirche als das neue und eigentliche Israel gilt.
Es ist kein Zufall, dass der Gründer der mächtigsten und schlagkräftigsten rechtskatholischen Bewegung, Josemaria Escrivá von Opus Dei, ein Relativierer des Holocaust war. In einem von Peter Hertel abgedruckten Interview mit dem Geistlichen Vladimir Felzmann soll der Franco eng verbundene Spanier Escrivá gesagt haben: Hitler könne so schlecht nicht gewesen sein. Er habe höchstens drei bis vier Millionen Juden getötet. Hertel vertritt auch die These, dass Opus-Dei-Kardinäle respektive die Opus Dei nahen Kardinäle Südamerikas die Drahtzieher bei der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst waren.

Das deutsche Volk als Opfer

Ratzinger selber war gewiss nie Antisemit oder Holocaust-Leugner. Allerdings banalisiert er die Schoah. 2005 in Auschwitz präsentierte sich Papst Benedikt «als Sohn des Volkes, über das eine Schar von Verbrechern Macht gewonnen hatte, sodass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte».
Mit dieser Sicht der Dinge liegt er exakt auf der Linie der von ihm, zusammen mit der Baronin Alma von Stockhausen, als Reaktion auf die 68er-Revolte gegründete Gustav-Siewerth-Akademie im Schwarzwald, «die Kandidaten für politische, kirchliche und journalistische Führungsaufgaben» ausbildet. Die Akademie, insbesondere der dort lehrende ZDF-Journalist Guido Knopp, hegten und pflegten die Relativierung des Faschismus, schreiben die Autoren Richard Corell und Roland Koch in ihrem Buch «Papst ohne Heiligenschein?» Akademie-Professor Knopp, bekannt als «Geschichtslehrer der deutschen Nation», stelle das deutsche Volk als Opfer dar und blende die verantwortlichen Kräfte aus, die Hitler an die Macht gebracht hätten, nämlich die bürgerlichen Mächte des Grosskapitals, der Wehrmacht und der Generalität.
Das vom Bund der Antifaschisten und der Vereinigung der Verfolgten im Nazi-Regime ermöglichte Buch hebt sich markant ab von der deutschen Jubelliteratur über den Ratzinger-Papst, beleuchtet dessen Biografie von einer politischen Warte aus und zeigt, wie Ratzinger vor allem dank nazifreundlichen und antisemitischen Mentoren akademische Karriere machte.
Die 68er-Revolte an der Universität Tübingen traumatisierte den Dogmatik-Professor Joseph Ratzinger so sehr, dass er «in den unaufgeklärten Herrgottswinkel Regensburg» (so der Theologe Hans Küng) floh. Dort verschaffte ihm der Regensburger Bischof Rudolf Graber, «der Rechtsaussen der Deutschen Bischofskonferenz», einen neuen Lehrstuhl. Und zwar taufte er den für Judaistik vorgesehenen Lehrstuhl für Ratzinger einfach um in «Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte II». Graber stiess seinem Freund auch die Tore zum katholischen Hochadel auf, insbesondere zu Otto von Habsburg, dessen paneuropäische Pläne zur Rettung des christlichen Abendlandes den Dogmatik-Professor so faszinierten.

Braune Mentoren

In seinen selektiven Erinnerungen «Aus meinem Leben» übergeht Ratzinger seinen bischöflichen Förderer einfach. Vielleicht deshalb, weil bekannt ist, wie Graber im klerofaschistischen Milieu Bayerns den Nationalsozialismus rühmte, «dessen Totalitätsanspruch dem Liberalismus mit seinem schrankenlosen Freiheitsbegriff den Todesstoss versetzt hat». 1933 schrieb Graber: «Die germanische Rasse trat als eine gesunde, unverbrauchte Rasse ein in die Geschichte. Sie ist nicht angekränkelt von der sittlichen Fäulnis der ausgehenden Antike, sondern tritt froh und freudig mit ihren blauen Augen und blonden Haaren hinein in die Welt, die ihr gehört.» Und weiter: «Die nationalsozialistische Bewegung hat einen unverkennbar messianischen Schwung, in der der Führer als Retter, Vater und irdischer Heiland erscheint.»
Nazifreundliches Schrifttum hatte auch Michael Schmaus, Ratzingers Lehrer an der Uni München und Zweitkorrektor seiner Habilitation, verfasst. Der berühmte Dogmatiker Schmaus, 1951 zum Rektor der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität gewählt, hatte 1933 die Propagandaschrift «Begegnungen zwischen katholischem Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung» geschrieben, um für eine Zusammenarbeit von Katholiken und Nazis zu werben. An diesen gefiel ihm vor allem, dass sie die «hierarchische Ordnung der Dinge und des Menschen» anerkannten.
Auch der Münchner Kardinal Faulhaber, Joseph Ratzingers grosses Vorbild in seiner Kindheit und Jugend, hatte sich als glühender Monarchist, Antidemokrat und Antibolschewist mit den Nazis arrangiert. 1933 schrieb Bischof Faulhaber an Hitler: «Uns kommt es aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk unseren Reichskanzler.» 1936 versicherte er Hitler, «dass wir Bischöfe ihn in seinem weltgeschichtlichen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus mit moralischen Mitteln in jeder Weise unterstützen».
Kaum jedoch war der Krieg zu Ende, schrieb Faulhaber im Juni 1945 in einem Hirtenbrief an die deutschen Katholiken: «Die deutschen Bischöfe haben von Anfang an vor den Irrlehren und Irrwegen des Nationalsozialismus ernstlich gewarnt.» Ein Jahr später beglückwünschte ihn gar Papst Pius XII. für seinen «ausdauernden Kampf gegen das Naziregime».
Gut möglich, dass sich Ratzinger, der bei Kriegsende ins Priesterseminar von Faulhaber eintrat, dem Pius-Papst in persönlicher Dankbarkeit verpflichtet weiss, weil dieser dem Idol seiner Jugend einen Persilschein ausstellte. Jedenfalls ist Benedikt fest gewillt, den Kriegspapst Pius XII. selig zu sprechen, der sich nie zu einem lautstarken Protest gegen die Vernichtung der Juden durchringen konnte. Als Vorbereitung auf die Seligsprechung zeigt der Vatikan mit einer Ausstellung derzeit in Berlin und München «das unverzerrte Bild des Papstes». Schliesslich hatte schon Papst Johannes Paul II., ermutigt von Kardinal Ratzinger, 2000 Pius IX. selig gesprochen, der die Juden Roms 1870 wieder ins Ghetto zwang.
Gemäss Corell und Koch gab Faulhaber 1945 mit seinen beschönigenden Aussagen zur Rolle der Kirche in der Nazi-Zeit den Startschuss für das «grosse kollektive Vergessen», so wie es etwa der Historiker Norbert Frei in seiner Studie «Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945» darstellt.
Auf seiner Reise durch Israel im Mai wird Papst Benedikt jede Gelegenheit nutzen, um seine Freundschaft zu den «ältern Brüdern im Glauben» zu demonstrieren. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Verhältnis zu den Juden paternalistisch gestört ist. Ratzinger blieb immer dem alten theologischen Antijudaismus verhaftet. Das Judentum ist für ihn, ebenso wie für die Lefebvristen, kein eigener Heilsweg. 1987 sagte er als Kardinal in einem Interview zur Zeitung «Il Sabato»: «Ein guter Jude muss eigentlich Christ werden.» Damit löste er in der jüdischen Gemeinschaft Bestürzung aus. Worauf er, nach mittlerweile bekannter Manier, behauptete, seine Worte seien falsch übersetzt worden.

«Schwer defizitär»

Doch die katholische Kirche ist für den Papst unzweifelhaft die Erfüllung aller Religionen, also auch des Judentums. Den Exklusivanspruch, wonach die Fülle des Heils allein in Jesus Christus und damit in der katholischen Kirche zu finden ist, hat er nie preisgegeben. In seiner Erklärung «Dominus Jesus» im Jahr 2000 hat Ratzinger ausdrücklich festgehalten, dass sich die «nicht christlichen Religionen objektiv in einer schwer defizitären Situation» befinden.
Von daher ist es eigentlich nur logisch, dass er in der lateinischen Messe am Karfreitag wieder für die Bekehrung der Juden beten lässt. Auf Drängen der Pius-Bruderschaft hat er schon 2007 die lateinische Liturgie wieder zugelassen. Angesichts der vom Konzil angestossenen Liturgiereform spricht die Pius-Bruderschaft vom «Verfall der Liturgie», Benedikt von der «Zerstörung der Liturgie».
Die Liturgie aber hat nicht nur eine ästhetisch-rituelle, sondern auch eine stark inhaltliche Seite, wie die mit der Tradition verknüpfte Karfreitagsfürbitte zeigt. Für Benedikt ist zudem das Latein die Sprache, in der allein die christliche Wahrheit wirklich zur Geltung kommt. Also hat für ihn die Bitte um Bekehrung der Juden einen besonderen Wahrheitsanspruch. Im Kielwasser des mit der lateinischen Karfreitagsfürbitte päpstlich autorisierten Antijudaismus erlaubt sich die katholische Rechte nur umso unverblümter, ihre judenfeindliche Haltung zu artikulieren.    ●

Michael Meier ist Theologe und zuständig für Religionsfragen beim Zürcher «Tages-Anzeiger».