Palästina-Freunde waren schneller
Als Karl Mörschel in der Zeitung von der Anti-Israel-Demonstration vom 31. Dezember in Zürich und dem dortigen Auftritt der grünen Nationalräte Geri Müller und Daniel Vischer las, war er so empört, dass er beschloss: «Da müssen wir auch etwas tun.» Zunächst wollte der Präsident der Sektion Bern der Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI) bei der zweiten angekündigten Kundgebung mit ein paar Gleichgesinnten mit Fahnen vor der israelischen Botschaft stehen. Das Echo war dann aber so gross, dass bald die Idee einer eigenen Demonstration aufkam. «Ich habe da offenbar eine Lawine losgetreten», sagt Mörschel gegenüber tachles. Als dann am 2. Januar vor der israelischen Botschaft in Bern Transparente mitgeführt wurden, auf denen der Magen David mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt wurde und Israelfahnen verbrannt wurden, nahm die Bewegung vollends einen Umfang an, «mit dem ich nicht gerechnet hatte».
«Wenigstens mit einigen israelischen Fahnen, Flugblättern und Transparenten» müsse man der schweizerischen Öffentlichkeit zeigen, «dass Israel hier auch Freunde hat», schrieb der Berner GSI-Präsident in einem breit gestreuten Mail. Sein Vorschlag: Am 10. Januar solle in Bern eine Kundgebung «pro Israel» stattfinden. Als er dann am ersten Arbeitstag nach der Festtagspause mit den zuständigen Bewilligungsbehörden Kontakt aufnahm, erfuhr er, dass dieser Termin bereits von der Gegenseite reserviert war: Die Gruppe Schweiz ohne Armee, die Grüne Partei der Schweiz und die Palästina-Solidarität Basel wollen «Stopp der militärischen Aggression im Gazastreifen» fordern. Das Komitee rechnet mit bis zu 5000 Teilnehmern bei der Schlusskundgebung auf dem Münsterplatz. Mit einem Verhaltenskodex, der «Respekt und Toleranz gegenüber allen Konfessionen und Nationalitäten» fordert, wolle man «Dummheiten», wie sie am 2. Januar vorgekommen seien, und «jede Form von Rassismus und Antisemitismus» verhindern, wie Mitorganisator Jo Lang, Nationalrat der sozialistisch-grünen Alternative, gegenüber der Zeitung «Der Bund» erklärte.
Absolut inakzeptabel
Auf die Exzesse vom 2. Januar reagierte auch alt Nationalrätin Vreni Müller-Hemmi, Präsidentin der GSI Schweiz. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» bezeichnete sie die Gleichstellung von Davidstern und Hakenkreuz als «absolut inakzeptabel» und die Teilnahme von Nationalrat Geri Müller als «problematisch». Als Präsident der Aussenpolitischen Kommission (APK) habe er eine offizielle Funktion inne und trage deshalb eine Mitverantwortung. Die gleiche Kritik übten auch die freisinnig-
liberalen APK-Mitglieder Christa Markwalder und Martine Brunschwig Graf, die ankündigte, Müllers Rolle in der Kommission zu thematisieren. Ungewöhnlich viele Leser beteiligten sich auch am Online-Blog des «Tages-Anzeiger» zum Thema. Rund 80 Prozent der etwa 60 Einsendungen unterstützten die Kritik an Geri Müller und dem unpassenden historischen Vergleich. In einem Interview mit dem «Sonntag» tadelte auch Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, das Verhalten von Geri Müller als «inakzeptabel» und forderte, «dass bei der Beurteilung einer tagesaktuellen Situation auch der Hintergrund und die Entstehung des Konflikts berücksichtigt werden».
Derweil einigte sich Karl Mörschel mit den Berner Stadtbehörden auf einen neuen Termin für die Pro-Israel-Kundgebung: Diese findet nun am Samstag, 17. Januar, von 13 bis 15 Uhr auf dem Münsterplatz statt. «Es soll eine würdige und ruhige Veranstaltung sein», sagt Mörschel, der mit ein paar Hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der ganzen Schweiz rechnet. Als Referentin steht GSI-Zentralpräsidentin Vreni Müller-Hemmi fest, mit verschiedenen Mitgliedern des Nationalrats laufen noch Verhandlungen. Dass sich gleichentags um 15 Uhr die Globalisierungskritiker am nahen Bärengraben zu einer «Tanzparade» gegen das WEF in Davos versammeln, bereitet ihm kaum Sorgen: «Die Stadt garantiert unsere Sicherheit», habe man ihm bei Polizeiinspektorat versichert.