Pakistans ewiger Terrorismusexport?
Die Anschläge vom 26. bis 29. November in der indischen Wirtschaftsmetropole wurden als Indiens 11. September bezeichnet. Das ist zwar gemessen an der Zahl der Opfer ein inadäquater Vergleich, doch die regionalen und internationalen Dimensionen des Desasters haben ein ähnliches Ausmass. In¬dien, die «grösste Demokratie der Welt», umgeben von lauter undemokratischen Staaten, wurde in seinem nationalen Stolz zutiefst erschüttert. Die Kommandooperation, deren Angehörige mit Schlauchbooten abgesetzt wurden, um das Gateway of India und das Taj-Mahal-Hotel anzugreifen – beides nationale Symbole Indiens –, wird Neu-Delhi nicht so schnell vergessen.
Die brutalen Anschläge auf zwei Luxushotels, den Bahnhof und ein Touristenrestaurant in Mumbai waren sowohl an Indien als auch die internationale Gemeinschaft adressiert. Die angegriffenen Zentren waren Orte, an denen Inder und Ausländer verkehrten, und die meisten der über 190 Opfer waren indische Staatsbürger. Die Terroristen hatten somit keineswegs Lokalitäten im Visier, die fast ausschliesslich von Ausländern, Amerikanern und Europäern, besucht werden. Die internationale Dimension der Anschläge zeigt sich aber dennoch nicht nur im wirtschaftlichen Effekt – Investoren in Indien werden abgeschreckt und die Tourismusbranche des Landes getroffen –, sondern auch im blutigen Angriff auf ein Zentrum der jüdischen Chabad-Bewegung in Mumbai. Die Auswahl der Adressaten, Inder, Westler und Juden, lässt auf islamistische Terroristen schliessen.
Die Spuren sollen zur in Pakistan ansässigen Lashkar-e-Taiba («Division der Reinen») führen. Das ist eine islamistisch-terroristische Organisation, die bisher zumindest international nie in Erscheinung getreten ist. Genau darin besteht der grosse psychologische Effekt: Regional und international wurde das Sicherheitsgefühl erschüttert. Denn das Beispiel einer bisher nur regional (in Kaschmir) operierenden Gruppe mit einer derart hohen Professionalität, die es schafft, eine Weltmetropole zwei Tage in Atem zu halten, könnte Schule machen. Lashkar-e-Taiba bekämpft Indiens Position in Kaschmir und soll enge Kontakte zum pakistanischen Geheimdienst ISI und zu al-Qaida unterhalten.
Förderung und Export von Terrorismus
Der Staat Pakistan ähnelt kaum einem anderen modernen Staat mit Zentralgewalt. Das Land besitzt keineswegs die notwendigen Mittel und Ressourcen, um seine innere geografische Grösse zu verwalten und Konflikte zu managen. Im Gegensatz zu den inneren Krisen etlicher Nachbarn sind die Ursachen der Probleme Pakistans nicht in der Präsenz fremder ausländischer Mächte zu suchen, sondern basieren auf der geografischen und religiös-kulturellen Beschaffenheit des Landes. Pakistan besteht aus Provinzen, die sich kaum ähneln, keine gemeinsame Identität haben und nur durch die Drohung einer fragilen staatlichen Zentralgewalt einen Staat bilden. Die Pakistaner insbesondere in den krisenhaften Grenzgebieten unterhalten kaum Kontakte zur modernen Welt, sondern eher zu sprachlich und religiös Gleichgesinnten in der näheren Umgebung und in den Grenzgebieten der Nachbarländer. Es besteht keine Loyalität zum Staat, der oft genug bewiesen hat, dass er keineswegs Herr im «eigenen Haus» ist. Hinzu kommen die niedrigen kulturellen, ökonomischen und gesellschaftlichen Standards der pakistanischen Gesellschaft, die dafür verantwortlich sind, dass das Land im unteren Bereich der Entwicklungsländer rangiert.
Je mehr man sich vom Zentrum des Landes entfernt, desto evidenter werden die verkommenen feudalen und archaischen Strukturen, die Bedeutung der Stammesgefüge und zugleich das Schwinden staatlicher Macht. In Pakistans Grenzgebieten zu Indien und Iran wimmelt es von Gewalt und Hass predigenden Koranschulen, die zu einem erheblichen Teil die vormoderne Kultur dieser Regionen widerspiegeln. Vor diesem Hintergrund entstanden die Taliban in engster Verbindung zu al-Qaida. Vor diesem Hintergrund bildete sich auch Lashkar-e-Taiba, eine scheinbar endlose Geschichte, die die internationale Gemeinschaft wahrscheinlich noch öfter überraschen dürfte.
Pakistans Nachbarn sind hilflos
Der fragile Staat Pakistan grenzt an Staaten mit relativ starker Zentralgewalt, die vom pakistanischen Terrorexport heimgesucht werden. Indien in erster Linie, aber auch Iran muss Ressourcen und Militär für die Abwehr der terroristischen Gruppen verwenden, die von Pakistan aus operieren und das Land auch als Rückzuggebiet benutzen. Lediglich die Chinesen haben bislang keine nennenswerten Nachteile durch die Nachbarschaft Pakistans hinnehmen müssen. Indien dagegen ist mit den Mumbai-Anschlägen nach Irak, Afghanistan und auch Pakistan nun zum vierten Staat avanciert, auf dessen Staatsgebiet terroristische Operationen erfolgen. Die Mumbai-Anschläge waren beileibe nicht die ersten grossen Terroranschläge auf Indien, doch sicher die symbolträchtigsten.
Führen die Spuren tatsächlich nach Islamabad?
Pakistan wird seit Jahren von inneren Unruhen heimgesucht. Der Gipfel war der Mord an Benazir Bhutto im vergangenen Dezember. Der Sieg der zivilen Fraktionen in Islamabad und der freiwillige Rücktritt von General Pervez Musharraf waren ein winziger Hoffnungsschimmer für einen halbwegs demokratischen Wandel. Präsident Asif Ali Zardari und Premier Yousaf Raza Gilani dürften kein Interesse daran haben, Pakistans wenig ruhmreiches Image als Terrorismuserzeuger weiterhin zu pflegen. Doch wie viel Macht und Kontrolle haben die Machthaber in Islamabad tatsächlich? Vor Kurzem hat die pakistanische Regierung bekannt gegeben, dass sie Abteilungen der ISI, die enge ideologische Affinitäten mit al-Qaida und Taliban haben und jenseits der Kontrolle der Regierung stehen, annullieren will. Man stelle sich vor, Islamabad könnte diesen Plan nicht umsetzen. Die Existenz eines fragwürdigen Geheimdienstes in Verbindung mit den globalen Sorgen um Pakistans Atomwaffen, von denen niemand ¬genau weiss, in wessen Kontrolle sie sich befinden, dürften Pakistan zu der ernsthaftesten Bedrohung der internationalen Sicherheit werden lassen.
Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus ähnelt dem gegen Moskitos. Wenn man sie bekämpfen will, muss man zunächst einmal den Sumpf austrocknen lassen. Pakistan wird ein Kardinalproblem für Barack Obamas Administration bilden.