Orthodoxe jüdische Schulen unter Druck

von Andreas Schneitter, April 8, 2010
Das Zürcher Volksschulamt verschärft seine Aufsicht über den Unterricht an Privatschulen. Davon betroffen sind die jüdisch-orthodoxen Schulen: Ihr Lehrpersonal verfügt in den nicht religiösen Fächern nicht über die notwendigen pädagogischen Fähigkeiten. Neue Lehrer müssen her, sonst droht die Schliessung.
PROFANE SCHULFÄCHER Privatschulen stehen unter verstärkter Aufsicht der Bildungsdirektion

Seit dem 5. Juni 2005 hat der Kanton Zürich ein neues Volksschulgesetz, und was die Bildungsdirektion als notwendige Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen bezeichnet, bringt die jüdischen Institute ins Schwitzen. Vier orthodoxen Schulen in Zürich hat die Bildungsdirektion für die Umsetzung eine Fristverlängerung bis Ende Schuljahr 2016/17 erteilt. Wird das Gesetz nicht umgesetzt, droht den Schulen der Verlust der staatlichen Bewilligung und damit die Schliessung.

Der Grund für die notwendige Ausnahmebehandlung ist nicht in erster Linie im Gesetzestext zu suchen. Dort steht zwar, dass Privatschulen nur eine staatliche Bewilligung erhalten, wenn das angebotene Bildungsangebot den öffentlichen Schulen gleichwertig sei, doch Martin Wendelspiess, Chef des Zürcher Volksschulamts, räumt ein, dass «von Fall zu Fall abgewogen wird. Die Angebote müssen nicht identisch sein, sonst hätten wir einige Privatschulen gleich schliessen müssen.» Aber: Mit dem neuen Gesetz wurde auch die Aufsicht über die Privatschulen überprüft. Und danach verschärft.

Eine Korrektur

Neu ist sie in das Volksschulamt eingegliedert, zwei Angestellte halten regelmässigen Kontakt zu den nicht staatlichen Instituten, begutachten den Unterricht, kontrollieren den Lehrplan. Bisher oblag die Aufsicht bei der Gemeindeschulpflege, also Privatpersonen in den jeweiligen Gemeinden, die nach Milizsystem organisiert waren. «Die haben den Schulen nur punktuelle Besuche abgestattet», sagt Wendelspiess. «So kann man die Verhältnisse nicht richtig erfassen. Dieses Versäumnis ist nun korrigiert.»

Von dieser Korrektur konkret betroffen sind die Jüdische Schule Knaben, die Jüdische Schule Mädchen, die Jeschiwe Ketane und die Talmud Toiro. Von diesen vier orthodoxen Schulen fordert das Volksschulamt nun, genügend qualifiziertes Lehrpersonal einzustellen. «Die Qualifikationen für die nicht religiösen Fächer waren nicht genügend», sagt Wendelspiess. Der Kanton verlangt auch von Privatschulen für den Pflichtstoff ein Lehrpersonal, das über einen Abschluss einer pädagogischen Hochschule verfügt – und, wenn es sich um Lehrer mit ausländischen Diplomen handelt, das Sprachniveau C2 – das höchste in einer Fremdsprache. «Für jüdisch-orthodoxe Schulen ist es unter diesen Auflagen sehr schwierig, fähiges Lehrpersonal zu finden», weiss Wendelspiess. «Sie müssen es aus ihrer eigenen Umgebung rekrutieren.» Aus diesem Grund hat der Kanton den betroffenen Schulen, in denen laut Schätzungen rund 600 Kinder unterrichtet werden, die Ausnahmefrist bewilligt, spätestens in sieben Jahren müssen die Lehrer über die nötigen Diplome verfügen. Eine grosszügige Frist, wie Wendelspiess anfügt – und eine einzigartige: Von den 144 staatlich bewilligten Privatschulen im Kanton Zürich war keine weitere auf eine Ausnahmeregelung angewiesen. Auch keine jüdische.

Verbesserte Qualität

Michael Goldberger, Rektor der Schule Noam, betont, dass Privatschulen wie die Noam «sogar modellhaft für das neue Volksschulgesetz sind, weil wir Schwerpunkte der Revision wie Block- und integrativen Unterricht oder Schulleitungen bereits vorher eingeführt haben.» Diese Schule beschäftigt in den profanen Fächern auch jüdische Lehrer – «und wir hatten trotz Lehrermangel keine Mühe, ausgebildetes Personal zu finden, weil wir in Lohn und Ausstattung marktgerechte Bedingungen bieten.» Anders die orthodoxen Schulen: Martin Wendelspiess sagt, dass es sich Privatschulen eigentlich nicht leisten könnten, Dumpinglöhne zu zahlen, weil Eltern, die ihre Kinder in den Privatunterricht schicken, möglichst gute Lehrer fordern. «Davon ausgenommen sind Eltern, die aus ideologischen oder religiösen Gründen an bestimmte Schulen gebunden sind», wie es an den orthodoxen Schulen der Fall sei. Darunter wiederum leidet die Qualität des nicht religiösen Unterrichtsstoffs, weil dieser bei orthodoxen Eltern und Lehrern häufig keinen hohen Stellenwert habe – genau der Stoff, auf dessen Unterricht der Kanton nun vermehrt sein Augenmerk legen will. Wendelspiess: «Die Qualität der sogenannten profanen Fächer muss sich verbessern. Damit ist es uns ernst.»

Keine Auskunft

Eine Ausnahmebewilligung erhalten die orthodoxen Schulen übrigens auch in den Schulbaurichtlinien: Die Belichtung sei ungenügend, sagt Wendelspiess, bis 2012 müsse dies behoben sein. Für die orthodoxen Schulen, generell eher schwach finanziell gepolstert, bedeuten die verschärften Kontrollen grössere Investitionen in die Infrastruktur und das Lehrpersonal. Wie sie diese aufbringen und ob die verlängerte Umsetzungsfrist eingehalten werden kann, darüber wird keine Auskunft gegeben. «Pressepublikationen über Schulinterna entsprechen nicht unserer Praxis», antwortet Sandro Schol von der Jüdischen Schule für Knaben, stellvertretend für die betroffenen vier Einrichtungen, auf Anfrage von tachles.