Orte des kollektiven Gedächtnisses
Von Katja Behling
Museen sammeln, bewahren, erforschen und präsentieren bedeutsame Gegenstände von öffentlichem Interesse und historischem Rang. Die Bedeutung jüdischer Museen geht darüber hinaus. Im Einwanderungsland USA etwa haben Institutionen wie das New Yorker Museum of Jewish Heritage eine identitätsstiftende Funktion. Sie ermöglichen eine Auseinandersetzung mit dem Judentum und den Vorurteilen und Repressionen, unter denen Juden über die Jahrhunderte gelitten haben. Die grösste Aufgabe und Herausforderung liegt dabei in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Völkermord an den Juden. In Deutschland spielen die jüdischen Museen eine zentrale Rolle für die scham- und schuldbesetzte nationale Bewältigung der NS-Vergangenheit. Als öffentliche Orte legen jüdische Museen Zeugnis ab vom Bekenntnis zur historischen Verantwortung. Sie rücken, auch andernorts, den Holocaust konfrontativ ins Zentrum der Wahrnehmung der Besucher – wie etwa auch das United States Holocaust Memorial Museum in Washington.
Weltweit erinnern
Seit Mitte der achtziger Jahre ist in Deutschland die Sensibilität und das Bewusstsein dafür gewachsen, welch grosses Loch die Vernichtung der jüdischen Kultur ins Land gerissen hat, wie gross die Lücke ist, die die vertriebenen und getöteten Juden hinterlassen haben. Das 2001 eröffnete Jüdische Museum Berlin – gelegen in der Hauptstadt des Landes, von dem der Holocaust ausging – ist einer der wichtigsten jüdischen Erinnerungsorte weltweit, der Zickzack-Bau mit seinen Rissen und Leerstellen allein ein spektakuläres Judaicum unserer Zeit. Die dortige Sammlung spiegelt deutsch-jüdisches Leben und Geschichte wider, zeigt, wie sich jüdisches Leben und jüdische Identität verändert haben.
Auch in Wien, Paris, Amsterdam sowie in Venedig und Basel und vielen weiteren Städten gibt es bedeutende jüdische Museen. Das Jüdische Museum Wien, 1895 gegründet, war weltweit das erste seiner Art. Unmittelbar nach dem «Anschluss» im März 1938 wurde es geschlossen. Das Jüdische Museum in Prag wurde 1906 gegründet, zunächst, um die Überbleibsel der Prager Synagogen, die im Zuge der Rekonstruktion des jüdischen Viertels zu Beginn des 20. Jahrhunderts zerstört worden waren, zu retten. Auch das Prager Haus wurde, nach der Besetzung Böhmens und Mährens durch die Nazis, 1939 geschlossen. Desgleichen war das 1930 gegründete Jüdische Historische Museum Amsterdam während des Zweiten Weltkriegs für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Teile der dortigen Sammlung wurden konfisziert. Im Pariser Marais-Viertel hat 1998 das Musée d’art et d’histoire du Judaïsme seine Pforten geöffnet. Grundstock des Hauses sind die Sammlung des alten Musée d‘art juif sowie die vom Musée national du Moyen Âge ausgelagerte Strauss-Rothschild-Sammlung, ein aussergewöhnliches Ensemble von Objekten religiöser Kunst.
Beitrag zur Aufklärung
Das Jüdische Museum der Schweiz in Basel bewahrt rituelle Gegenstände, frühe Talmuddrucke sowie mittelalterliche Grabsteine und Dokumente, hebräische in Basel gedruckte Bücher sowie Objekte vom ersten Zionistenkongress, der 1897 unter der Leitung von Theodor Herzl in Basel stattfand. Das 1953 gegründete Jüdische Museum von Venedig liegt auf dem Gelände des einstigen Ghettos, des Ghetto novo, zwischen den ältesten beiden Synagogen Venedigs. Das Jüdische Museum von Thessaloniki ist in einem der wenigen jüdischen Gebäude der Stadt untergebracht, die das Feuer von 1917 überlebt haben. Auch im fernen Australien gibt es ein jüdisches Museum. Es hat sich neben der lokalen jüdischen Geschichte dem Gedenken an die Vernichtung der Juden in besonderer Weise verschrieben. Das Sydney Jewish Museum sammelt und bewahrt Holocaust-Memorabilia – um diese der Forschung und künftigen Generationen zugänglich zu machen. Denn das eint alle jüdischen Museen weltweit: durch Gedenken und Aufklärung einen Beitrag zu leisten, auf dass sich das düsterste Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts nie wiederhole.
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.