Opfer oder Milliardenbetrüger?

Dan Goldberg, June 25, 2009
Verdächtigungen, wonach ein Mann aus ihrer Mitte Hunderte von Investoren um fast zwei Milliarden Dollar betrogen haben soll, erschüttern die homogene jüdische Gemeinschaft ehemaliger Südafrikaner im australischen Sydney.
BÖSES ERWACHEN Zahlreiche Anleger, die Barry Tannenbaum vertrauten, wurden um ihr Vermögen betrogen

Laut jüngsten Berichten hat der in Johannesburg aufgewachsene Barry Tannenbaum die grösste sogenannte Ponzi-Pyramide in der Geschichte des südafrikanischen Unternehmertums aufgebaut. «Es ist ganz so, als ob wir hier unseren eigenen, lokalen Madoff hätten», meinte ein jüdischer ex-Südafrikaner unter Anspielung auf den New Yorker Bernard Madoff, der Investoren um rund 60 Milliarden Dollar ärmer gemacht haben soll. Der 43-jährige Tannenbaum, der seit einigen Jahren am nördlichen Strand von Sydney lebt, weist die «wilden Anschuldigungen» als «Verschwörung und Spekulation» zurück. «Die Zeit wird beweisen, dass ich niemanden betrogen habe», meinte er in
einer Verlautbarung.

Manipulierte Dokumente

Im Rahmen eines raffinierten Pyramidensystems, das Investoren jährliche Profite von bis zu 200 Prozent versprochen hat, hat Tannenbaums Gesellschaft Frankel Chemicals laut den Verdächtigungen führende Geschäftsleute aus Südafrika, Australien und den USA um total 15 Milliarden Rand, etwa 1,9 Milliarden Dollar, betrogen. Dem Vernehmen nach haben Tannenbaum und seine Mitarbeiter potenzielle Kunden veranlasst, in seine Gesellschaft – sie importierte pharmazeutische Ingredienzien – zu investieren, indem Beweise von Verträgen mit wichtigen Herstellern von Pharmazeutika vorgelegt wurden. Zu diesen Produzenten gehörten Giganten wie Adcock Ingram und Aspen. Adcock Ingram war von Tannenbaums Grossvater Hymie Tannenbaum gegründet worden. In einer Erklärung der südafrikanischen Börse gegenüber erklärte Aspen aber, einige von Tannenbaums Dokumenten seien «manipuliert» worden, indem man gefälschte Kaufverträge und ebenso gefälschte Unterschriften von Mitarbeitern von Aspen benutzt habe. Seit dem 14. Juni untersucht ein Team von Gesetzes- und Finanzexperten die Beschuldigungen, die auf Betrug, Geldwäscherei und Steuerhinterziehung lauten. Am 17. Juni hat ein Richter den Auftrag erteilt, die von Tannenbaum in Südafrika beschlagnahmten Vermögenswerte zu verwalten. Anwälte in Australien versuchen nun, auch in diesem Land die Aktiva des Mannes einzufrieren. Bisher sind gegen Tannenbaum noch keine Anklagen erhoben worden.

Der vermutliche Skandal begann ans Licht zu kommen, als der südafrikanische Geschäftsmann Christopher Lep­pan, der mit Tannenbaum in Kontakt stand, diesen ersuchte, ihm sein Kapital plus Zinsen im Gesamtbetrag von umgerechnet rund 613000 Dollar auszuzahlen. Der Scheck platzte aber, und die Bank erklärte Leppan, Tannenbaum habe sein Konto aufgehoben. Zu den anderen angeblichen Opfern Tannenbaums gehören Mervyn Serebro und der ehemalige Leiter der Ladenkette OK Bazaars, Norman Lowenthal, früherer Vorsitzender der Börse von Johannesburg, und Sean Summers, der früher eine leitende Stelle bei der Supermarktkette Pick ’n’ Pay innehatte.

Eine philanthropische Familie?

Die grosse Gemeinschaft ehemaliger südafrikanischer Juden in Sydney war sichtlich schockiert, als die Berichte durchzusickern begannen. «Die Leute sind zornig und peinlich berührt», meinte ein Geschäftsmann unter dem Schutz der Anonymität, «dass ein Jude andere Menschen, unter ihnen auch viele Juden, an der Nase herumgeführt haben soll.» In Johannesburg galten die Tannenbaums als aufrechte, bescheidene Menschen und als Philanthropen. In Sydney war Tannenbaum in der jüdischen Gemeinde der Stadt gut vernetzt. Vor Kurzem war er Mitglied in der orthodoxen Synagoge Kehillat Masada geworden, und seine beiden Kinder besuchten jüdische Schulen. Auf der Website www.lubavitch.org ist Tannenbaum mit einer Thorarolle abgebildet, die er im Jahre 2006 einem Chabad-Haus in Südafrika gespendet hatte. – Norman Lowenthals Sohn Ho­ward sprach von den Tannenbaums als einer Familie, die als «fein und respektiert» galt und an deren philanthropischem Einsatz es keine Zweifel gab.

Nach Angaben eines Freundes der Familie steht Barry Tannenbaum derzeit unter «gewaltigem Druck». Es gebe Todesdrohungen gegen ihn, sein Haus werde rund um die Uhr bewacht, und wegen ständigen Einschüchterungsversuchen hätten die Kinder die Schule, die sie bis dahin besuchten, verlassen müssen. Sein Klient sei nicht der führende Kopf hinter dem angeblichen Betrugsnetz, meinte Tannenbaums Anwalt in Sydney, Derek Ziman. «Ich glaube, Barry ist eher das Opfer, ein unbewusster Partner in der ganzen Geschichte.»