«Ohne Sie wäre ich nicht hier»
Von Gisela Blau
Er werde nicht zum ersten Mal in einer Synagoge sprechen, sagte Bundespräsident Pascal Couchepin vor der Feier zu tachles, und er fühle sich hier sehr wohl. In offensichtlich bester Laune erklärte der Innenminister, dass er mit dem neben ihm in der ersten Reihe sitzenden Ronald Lauder, dem neuen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Stillschweigen über den Inhalt ihres vorangegangenen Gesprächs vereinbart habe. Die Unterredung sei sehr angenehm gewesen, und sie hätten verschiedene Themen besprochen.
Mit warmen Worten bedauerte Pascal Couchepin gegenüber tachles den Rücktritt von Alfred Donath, dem Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), der zu seiner rechten Seite sass. «Ich hoffe, dass ich mit seinem Nachfolger ebenso gute Beziehungen aufbauen kann», so der Bundespräsident. «Vor jedem Rendez-vous mit Alfred Donath freute ich mich stets auf das Gespräch.» Donath vermerkte stolz, dass zum ersten Mal ein amtierender Bundespräsident am Eröffnungsabend einer Delegiertenversammlung (DV) des SIG spreche.
Licht und Schatten
Bertrand Leitenberg, Präsident der Israelitischen Gemeinde La Chaux-de-Fonds (CILV), wies in seiner Grussansprache darauf hin, dass dieser feierliche Anlass mit dem Vorabend des Erinnerungstags an die Toten der Schoah zusammenfalle. Michel Margulies, der geistliche Führer von La Chaux-de-Fonds, hatte bereits die Kerzen entzündet und sprach das Totengebet. Margulies sagte, die beste Art der Erinnerung sei die Arbeit für die Existenz und die Weiterentwicklung des jüdischen Volkes. Es benötige auch starke Anführer; deshalb sei dem Volk Israel nach seiner Ankunft im gelobten Land befohlen worden, einen König zu küren.
Laurent Kurth, SP-Stadtpräsident von La Chaux-de-Fonds, begann mit Worten des Schriftstellers Emile Zola aus dessen Traktat «J’accuse» zugunsten des Hauptmanns Dreyfus: «Ich habe nur eine Leidenschaft, jene für das Licht, im Namen der Menschheit, die so sehr gelitten hat und ein Recht auf das Glück hat.» Licht und Schatten, sagte der Stadtpräsident, kennzeichneten auch den Umgang seiner Stadt mit ihrer jüdischen Bevölkerung, die nicht immer gerecht behandelt worden sei, obwohl sie La Chaux-de-Fonds so viel gegeben habe. Kurth zählte die jüdischen Familien auf, die bekannte Uhrenmanufakturen gründeten, aber auch die Kult-Kaffeemarke La Semeuse. Ohne jüdische Kulturmäzene, sagte Kurth, gäbe es in La Chaux-de-Fonds weder die Villa Turque von Le Corbusier noch das Uhrenmuseum oder verschiedene Musik- und Theaterfördervereine. Er schloss mit Worten von Blaise Cendrars, geboren in La Chaux-de-Fonds, an dessen Freund Apollinaire, dass das Leben nur annehmbar sei, wenn man es jeden Tag neu erfinde.
Fernand Cuche, Regierungspräsident des Kantons Neuenburg und Nationalrat der Grünen bis zu seiner Wahl in den Staatsrat, betonte die Politik der Öffnung in seinem Kanton. In der neuen Kantonsverfassung sei das Stimm- und Wahlrecht der ansässigen Ausländer festgeschrieben worden. Er bekannte sich auch zur Aufgabe des Erinnerns.
Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Zum ersten Mal sprach ein Vertreter einer der Landeskirchen an einem DV-Eröffnungsabend des SIG. Pfarrer Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und des Rates der Religionen, bedauerte, dass mit dem Rücktritt von Alfred Donath eine gemeinsame Wegstrecke ende, auf der auch die ersten Gehversuche des SCR stattgefunden hätten. Donath habe es verstanden, dem SIG auch im interreligiösen Bereich Profil zu verleihen. Den muslimischen Vertretern habe Donath zur Geduld geraten.
Mit dem Engagement gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nehme der SIG eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahr, sagte Wipf. Nun gebe es vermehrt Interesse. So habe das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten angefragt, bei der Schaffung einer Schweizer Plattform der Uno-«Allianz der Zivilisationen» mitzuwirken. Es habe gemeinsame Positionen vor wichtigen Abstimmungen gegeben, so Wipf, und er kündigte eine gemeinsame Stellungnahme mit dem Aufruf zur Ablehnung der Einbürgerungsinitiative an. Auch in der Minarettfrage plädiere man zusammen für die Ablehnung.
Bundespräsident Couchepin erfreute die Anwesenden mit einer launigen Grussbotschaft voller Esprit. Er sei sehr gerührt gewesen von der Veranstaltung im Gedenken an die Ermordeten der Schoah, sagte Couchepin, und er wünschte Israel Frieden, Prosperität und Weiterbestehen in friedlichen Umständen. Der Bundespräsident erwähnte sein Gespräch mit WJC-Präsident Ronald Lauder, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Er streifte auch die Debatte um die nachrichtenlosen Vermögen, bei der er, damals noch Wirtschaftsminister, der Überzeugung war, jetzt müsse darüber gesprochen werden. Auch den Kampf um die Schächtfrage sprach er an, die er gerne gelöst hätte. Alfred Donath dankte der Bundespräsident im Namen des Bundesrates, aber auch persönlich für die gute Zusammenarbeit und die guten Gespräche.
Vorwärts gehen
Alfred Donaths Rückblick ging weit über die acht Jahre seines SIG-Präsidiums hinaus. Er sagte, unsere Generation hätte mit der Schoah und der Gründung des Staates Israel vor 60 Jahren zwei historische Wendepunkte durchlebt. Aber Leben bedeute vorwärts zu gehen. Zur Dimension Zeit habe sich jene des Raums gesellt, und sie heisse Israel. Der Hauptteil des Rückblicks galt dem Kampf des Staates Israel, der komplexen Einstellung der Schweizer Juden und dem Einsatz des SIG für Israel.
In der letzten Dekade, sagte Donath, seien die Schweizer Juden von «einer ganzen Reihe von Krisen durchgeschüttelt» worden, zuerst von der «Affäre um die Nachrichtenlosen Vermögen, die sie brutal in den Vordergrund riss». Der SIG habe im Streit zwischen dem WJC und den Banken versucht, «zu vermeiden, die einen zu desavouieren und die anderen zu verletzen». Dank der Geschicklichkeit von Rolf Bloch sei dies gelungen, sagte Donath bei seiner Rede; das verdiente Lob für Bloch hatte im Manuskript der Rede gefehlt. Das Tierschutzgesetz, die bedrohte Strafnorm gegen Rassismus und andere Ernstfälle hätten ihn beschäftigt, und er sagte, heute sei der SIG ein «Teil der politischen und medialen Landschaft, seine Meinung ist gefragt, seine Stellungnahme begehrt, seine Unterstützung gesucht, und sein Präsident ist eine öffentliche Figur geworden».
Engagement für den Frieden
Als Hauptreferent war Ronald Lauder angekündigt. Der neue WJC-Präsident behauptete vor den rund 300 Anwesenden, in den USA finde er an einem jüdischen Anlass nie ein so zahlreiches Publikum vor. Als Thema war «Die Gemeinde als ethisches Laboratorium für die Zivilgesellschaft» angekündigt gewesen, aber Lauder hielt ein freies politisches Referat. Er erinnerte daran, dass der WJC in der Nähe, in Genf, gegründet wurde und dass Gerhart Riegner 1942 in seinem berühmten Telegramm die Welt von der geplanten Endlösung in Kenntnis gesetzt hatte, was aber in Washington niemand habe thematisieren wollen. Er selber, der sich als Mitglied der Republikanischen Partei der USA deklarierte, sei als US-Botschafter in Wien durch die Waldheim-Affäre zur Arbeit für die jüdische Gemeinschaft gelangt. Zum Besuch der Schweizer Aussenministerin in Iran sagte er, er hoffe, dass die Schweizer Regierung auf den Gas-Deal zurückkommen würde und einsehe, dass sie damit nicht das Richtige getan habe.
Mehrmals kehrte Lauder zur Gefahr zurück, die von Iran ausgehe, das Israel bedrohe und Terrororganisationen finanziere. Diese Bedrohung richte sich nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen Christen. In diesem Zusammenhang kritisierte Lauder nochmals die Reise der Schweizer Aussenministerin nach Iran. Er sehe das Wachstum einer relativ kleinen Gruppe radikaler Islamisten und die weltweite Verbreitung von Hass. Wer sage, er sei nicht antisemitisch, sondern antiisraelisch, sei einfach zu feige, seinen Antisemitismus zuzugeben, denn das sei das gleiche. Der WJC, sagte Lauder, arbeite mit allen Regierungen zusammen und informiere die Medien über diese Gefahr. Das sei eine furchteinflössende Aufgabe. Und er forderte die Anwesenden auf, sich ebenfalls zu engagieren: «Tun Sie, was Sie können. So wird es eines Tages Frieden geben.»
Lauder wollte offensichtlich das Image des WJC in der Schweiz aufpolieren, denn er dankte für die Einigung in der Aufarbeitung den sogenannten Nachrichtenlosen Vermögen. Und er bedankte sich bei Alfred Donath für dessen Kampf gegen finanzielle Unregelmässigkeiten im WJC bis zum Rücktritt der früheren Führungsspitze: «Ohne Sie wäre ich jetzt nicht hier.» Das mit zahlreichen Behördenmitgliedern und Kirchenvertretern durchsetzte Publikum genoss zum Schluss einen von der CILV offerierten und vom Basler Restaurant Topas gepflegt ausgerichteten Apéro riche.