Oh Allah, oh Gott
Zehn Monate nach Ausbruch der grossen arabischen Erhebung hat sich das Bild geklärt: Allah hat gewonnen. Verschwunden sind die «Google-Boys» und die liberalen Intellektuellen, ebenso wie jene, die uns Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit versprochen hatten.
Wir wurden nicht mit der amerikanischen Revolution von 1776 oder mit der Französischen Revolution von 1789 gesegnet. Wir bekamen nicht einmal die Samtene Revolution, die Osteuropa 1989 heimgesucht hate. Die arabische Revolution von 2011 ist eine Religionsrevolution. Die Macht, welche die säkularen Diktaturen der korrupten arabischen Offiziere ersetzt, ist der Islam. Kein Martin Luther King, der sich am Horizont abzeichnen würde, kein Mahatma Gandhi und kein Václav Havel.
Barack Obamas Beschluss, Hosni Mubarak ein Messer in den Rücken zu stechen, hatte ein klares Ergebnis – er holte den religiösen Geist aus der nahöstlichen Flasche heraus. Unter dem Blick des sinkenden Westens kehrt Allah zurück. Allah regiert. Oh Allah.
Allah ist aber nicht alleine. Auch der mächtige Gott Israels kehrt zurück. Er ist präsent in dem Edikt, ein Erschiessungskommando sei besser als eine singende Frau. Er ist allgegenwärtig im Verbot, Bilder von Frauen in der Öffentlichkeit zu zeigen, in der Segregation zwischen Männern und Frauen auf jedem öffentlichen Platz. Jüdische Fanatiker lancieren eine Frontalattacke gegen Minderheiten, das
Individuum und die Menschenrechte. Sie belagern den Obersten
Gerichtshof, die freien Medien und die offene Gesellschaft.
Ein präzedenzloser Aufschwung von Rassismus gegen Araber, Hass auf säkulare Menschen und der Unterdrückung von Frauen droht, aus dem aufgeklärten ein dunkles Israel zu machen. Während die Leute hier darüber debattieren, ob Israel Iran bombardieren soll, versuchen andere, Israel in ein zweites Iran zu wandeln. Was die Muslimbruderschaft in Tunesien, Ägypten, Libyen, Jordanien und Syrien generiert, versucht die «jüdische Bruderschaft» im jüdischen Staat zu erreichen. Während die arabische Modernität zusammenbricht, wackelt die
israelische Modernität bereits. Gott ist zurück. Gott sprüht Funken. Oh Gott.
Wir sollten aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Zwischen den beiden Phänomenen besteht nämlich ein gewaltiger Unterschied. In der arabischen Welt umfasst es eine Mehrheit, in Israel dagegen eine Minderheit. In der arabischen Welt ergreift der Fanatismus die Macht, in Israel nagt der Fanatismus an den Rändern der Macht.
Im Gegensatz zu den Arabern sind die Israeli Bürger einer liberalen Demokratie, die noch immer ihre Rechte und Freiheiten respektiert. Die beiden Phänomene haben aber einiges gemeinsam, weil weder die arabische Welt noch das jüdische Volk die methodische laizistische Revolution des christlichen Europa durchgemacht hat. Weder die arabischen Staaten noch Israel haben die Religion wirklich vom Staat getrennt. Weder die Moschee noch die Synagoge werden aus der Politik herausgehalten. Aus diesem Grund enthalten sowohl die arabische als auch die
jüdische Identität noch immer eine tiefgehende religiöse
Komponente.
Wenn deshalb der säkulare arabische Nationalismus zusammenbricht, ist die Antwort die Rückkehr zu Allah. Wenn der jüdisch-säkulare Nationalismus abbröckelt, ist die Antwort eine Rückkehr zum mächtigen Gott Israels. Sowohl die Araber als auch die Israeli kehren zu einer dunkeln Vergangenheit zurück, von welcher sie zu flüchten versuchten.
Binyamin Netanyahu, Erziehungsminister Gideon Saar, Finanzminister Yuval Steinitz und Kabinettssekretär Zvi Hauser sollten begreifen, was vor sich geht. Sie sollten begreifen, dass sie mit dem Feuer spielen. Der einzige Weg für Israel, die wie eine Flut drohende islamische Welle zu kontrollieren, ist die Aufklärung. Nur indem wir ein Staat des Fortschritts sind, können wir uns schützen. Das Trojanische Pferd in unserer Mitte ist also nicht die Linke, sondern der religiöse Fundamentalismus. Doch die sogenannte nationalistische Regierung ist es, welche die Tore für das Trojanische Pferd öffnet. Die sogenannte
nationalistische Regierung ist es, die Israel schwächt und die Fun-
damente seiner Existenz untergräbt.
Es ist an der Zeit, dass die säkulare Rechte erkennt, dass Israel, wenn es zu Iran wird, keine Chance hat. Es wird implodieren und von der regionalen religiösen Dunkelheit verschluckt werden. Die einzige
Methode zur Aufrechterhaltung des zionistischen Projekts ist die Rückkehr zu dessen grundlegenden Wertvorstellungen – Fortschritt, Fortschritt, Fortschritt.
Um sich aber so verhalten zu können, muss die politische Landkarte von Grund auf verändert werden. Wir müssen schlechte Gefühle und Streitereien aus der Vergangenheit überwinden und zusammenarbeiten. Angesichts von Allah und dem mächtigen Gott Israels ist es ein Gebot der Stunde, den aufgeklärten Zionismus zu einigen.
Ari Shavit ist politischer Kommentator bei «Haaretz».