Offizielle jüdische Kritik an Chávez bleibt aus
In einer der sonst ruhigen Wohnstrassen in der venezolanischen Hauptstadt Caracas dominiert in diesen Tagen der Lärm von Baumaschinen. Arbeiter bringen Marmorplatten an den Aussenwänden eines zweistöckigen Synagogenbaus an. Die Arbeiten gehen unter dem wachsamen Auge der lokalen Polizei vor sich, welche die Strasse rund um die Uhr bewacht. Von ihrem an der Strassenecke postierten Fahrzeug überwachen die Sicherheitskräfte die Baustelle seit Ende Januar, nachdem an dieser Stelle eine ältere Synagoge im Mariperez-Quartier von Caracas angegriffen und geschändet worden ist. Die Juden der Stadt, die an ihre Zukunft an diesem Ort glauben, bauen nun eine neue Synagoge, welche das 50 Jahre alte sephardische Gotteshaus ersetzen soll.
Boykott jüdischer Geschäfte
Am 30. Januar waren über ein Dutzend Angreifer in die Synagoge Tiferet Israel eingedrungen, hatten zwei Wachen überwältigt und das Überwachungssystem ausser Kraft gesetzt. Sie schändeten Kultgegenstände, entwendeten eine Computer-Datenbank mit persönlichen Informationen über die Gemeindemitglieder und versetzten die Juden der Stadt in Aufruhr. «So etwas hat es in Venezuela noch nie gegeben», meinte Federica Palomero, Kuratorin eines kleinen Museums in der Synagoge. «In Venezuela herrscht eine Tradition von Koexistenz, Toleranz, Respekt und gegenseitiger Bewunderung.»
Laut Synagogenmitgliedern tauchten die ersten antisemitischen Sprayereien im Januar an den Synagogenwänden auf, nachdem Präsident Hugo Chávez den israelischen Botschafter aus Protest gegen die militärische Operation im Gazastreifen des Landes verwiesen hatte. Chávez nannte Israel einen «Genozidstaat» und die offiziellen Medien nahmen den Ton auf und forderten den Boykott lokaler jüdischer Geschäfte – es sei denn, deren Besitzer verurteilten Israel öffentlich.
Welle des Antisemitismus
Es folgte eine präzedenzlose Welle des Antisemitismus gegen die Juden Venezuelas, deren Vorfahren im 17. Jahrhundert ins Land gekommen waren. «Die Leute werden zum Hass aufgeputscht», sagte Oberrabbiner Pinchas Brenner. «So etwas hat das Land noch nie zuvor gesehen. Bisher kannten wir keine Art politischer oder gesellschaftlicher Probleme in Venezuela. Die Leute hier sind ausgesprochen tolerant, sie akzeptieren Unterschiede.»
Nach dem Angriff gegen die Synagoge gab es weitere feindselige Attacken und Äusserungen. So warfen im Februar Unbekannte einen Sprengstoff in ein jüdisches Gemeindezentrum in Caracas. Und die lokale Produktion des Musicals «Fiddler on the Roof» wurde dadurch beeinträchtigt, dass der Leiter des Orchesters dem Musical eine Absage erteilte, vermutlich wegen dessen jüdischen Inhalts. Laut Michel Hausmann, dem Produzenten der Aufführung, habe Mauel Torres, der früher schon bei «Fiddler on the Roof» mitwirkte, das Gefühl gehabt, sein Auftritt sei ein politischer Fehler. Er soll befürchtet haben, mit diesem Stück die finanzielle Unterstützung des Orchesters durch den Staat zu gefährden. Torres verweigerte zunächst jede Reaktion, meinte in einem Zeitungsinterview aber, er stehe unter keinem Druck. Das Orchester, sagte er, konzentriere sich einfach auf andere Anlässe.
Im Auftrag von Chávez?
Die Reaktionen der Regierung auf die Angriffe auf die jüdische Gemeinde waren zwiespältig. Zuerst verurteilten Chávez und Mitglieder seines Kabinetts den Anschlag auf die Synagoge und versprachen rasches Ergreifen der Täter. Gleichzeitig machte Chávez aber Gegner der Regierung für den Angriff verantwortlich und forderte die jüdische Gemeinde auf, sich nicht manipulieren zu lassen. Dann verkündete das Innenministerium die Verhaftung von elf Personen und erklärte, es habe sich um einen Raubüberfall gehandelt. Offiziell haben lokale jüdische Persönlichkeiten ihre Dankbarkeit angesichts der «zügig vor sich gehenden Untersuchung» geäussert, doch hinter vorgehaltener Hand zweifeln viele Gemeindemitglieder daran, dass die wirklichen Täter je zur Rechenschaft gezogen werden.
Als Palomero einen Besucher durch eine kleine Fotoausstellung führte, welche die durch den Anschlag verursachten Schäden dokumentiert, sagte sie, der Angriff sei nicht typisch für die Haltung der Venezolaner den Juden gegenüber. Vielmehr stehe eine «kleine, aktive, gefährliche und von aussen unterstützte Gruppe» hinter der Sache. Wie viele Juden in Caracas wollte auch die Kuratorin aber nicht konkret sagen, wer ihrer Meinung nach hinter dem Attentat stehe. Jüdische Persönlichkeiten aus dem Ausland nehmen hingegen kein Blatt vor den Mund. «Jetzt, da ich das Ganze mit meinen eigenen Augen gesehen habe», meinte Rabbi Shmuel Herzfeld von der Gemeinde Ohev Sholom in Washington nach einer Visite in Caracas mit einer nordamerikanischen Delegation, «gibt es für mich keine Zweifel mehr, dass die Spuren der Attacke gegen die Tiferet-Synagoge direkt vor Hugo Chávez’ Türe führen. Ohne die Erlaubnis des Präsidenten wäre die Sache nicht durchführbar gewesen.»
Israelisches Interesse
Auch Israel unternimmt einiges, um die Situation der jüdischen Gemeinde in Venezuela im Brennpunkt des öffentlichen Interesses zu halten. So ersuchte das Jerusalemer Aussenministerium 15 Staaten, die Beziehungen zu Caracas unterhalten, das Thema zur Sprache zu bringen. In Venezuela habe es einen «bedeutenden Ausbruch von Antisemitismus» gegeben, meinte ein hochrangiges Mitglied der israelischen Regierung, und man wolle Präsident Chávez durch Botschaften über verschiedene Kanäle klar machen, dass die Angelegenheit in Israel als sehr schwerwiegend angesehen werde.
Die jüdische Gemeinde von Caracas hat Chávez nicht direkt kritisiert. Das Leben müsse weitergehen, meinten diverse Gemeindemitglieder. «Die Juden hier», sagte Palomero, «sind ebenso Venezolaner wie die Muslime, Protestanten oder Katholiken. Wir sind beides: Venezolaner und jüdisch.»