Offene Schleusen

January 14, 2010
Editorial von Gisela Blau

Absurd. Das Bauverbot für Minarette hat die Hemmschwelle nicht gesenkt. Es hat auch keine neuen Ressentiments geschaffen, sondern einfach die Schleusen für latent vorhandene geöffnet. Nichts scheint zu absurd, Fakten sind höchstens hinderlich.

Albernheiten und Strategien. Zu unterscheiden sind zwei Situationen: Es gibt Leute, die reden, bevor sie denken, und nicht einmal Denken würde etwas nützen, weil sie zu wenig wissen. Und dann gibt es Leute, die gewohnt kompetent Strategien und Kampagnen lancieren, um via alt-neue Feindbilder vielleicht den Wähleranteil zu erhöhen. Nach den Muslimen, die hinter Minaretten versteckt wurden, sind nun bei der SVP die deutschen Professoren dran. Es gebe zu viele und zudem immer mehr, behauptet die Partei und lässt einfach Zahlen weg, die das Gegenteil belegen. Clever gespielt auf dem Klavier der Angst um den eigenen Job ist das, obwohl die professurtauglichen potentiellen Wähler auch bei der SVP dünn gesät sein mögen.

Akademiker. Ein echter SVP-Professor hat dabei die wissenschaftliche Redlichkeit nicht restlos auf dem Strategie-Altar geopfert und ein alles in allem positives Résumée über die Geschichte deutscher Professoren in der Schweiz geschrieben («Weltwoche» vom 7.Januar). Es mag dabei eine Rolle spielen, dass Christoph Mörgeli an der von seiner Partei geschmähten Institution Institutsdirektor werden möchte. Ein anderer Akademiker, Chirurg, der für die SVP Zürcher Stadtrat werden möchte, macht dagegen ungeheuerliche Machtphantasien öffentlich: Verräter (wie Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf) gehörten viergeteilt, und er wäre dabei einer der vier Reiter. Diese Aussage soll laut armseliger Zürcher SVP-Sprachregelung aus dem Zusammenhang gerissen sein.

Reaktion. Dummerweise hat sich ein Professor, der sich via Zeitung gegen den angeblichen «deutschen Filz» wehren wollte, nicht entblödet, einen Kollegen zu zitieren, der ihm gesagt haben soll, die angestrebte Helvetisierung der Universitäten sei nichts anderes als die Arisierungen zur Nazizeit. Sind solche Hochschullehrer, ob Deutsche oder Schweizer, für ihr Amt wirklich geeignet?

Keine Ahnung. Für Thesen braucht es keine störenden Kenntnisse. Nur so konnte CVP-Präsident Christoph Darbellay jüdische Friedhöfe verbieten wollen (tachles berichtete). Und nur so konnte ein Männerrechtler (ja, das gibt es) in einem Positionspapier der Grünen über Gleichstellung einen Satz durchdrücken, der ausser dem unbestrittenen Verbot der Genitalverstümmelung bei Mädchen auch die Knabenbeschneidung «offen diskutieren» will, weil ein kleiner Bub nicht selber entscheiden könne. Für Franziska Teuscher, Vizepräsidentin der Grünen, gibt es «nichts, das die Grünen nicht offen diskutieren könnten». Gilt dies wohl auch für andere integrale Bestandteile einer Religion, beispielsweise die Taufe eines Kindes, das nicht selber entscheiden kann? Schwerer wiegt es allerdings, wenn die «Weltwoche» versucht, den antisemitischen Hintergrund der Schächt-Initiative im 19. Jahrhundert kleinzuschreiben.