«Occupy Judaism»
Am 17. September kam eine Gruppe von zumeist jungen Demonstranten zusammen, um ihrem Unmut über soziale Ungerechtigkeit Ausdruck zu verleihen. Die etwa 150 Demonstranten besetzten den Zuccotti Park im Finanzbezirk New Yorks und die sogenannte «Occupy Wall Street»-Bewegung nahm ihren Anfang. Zunächst als naiven Aufstand von Unterpriviligierten angesehen, entwickelte sich aus der Besetzung des kleinen Parkes unweit von Ground Zero ein Massenphänomen. Allein in den USA gibt es nun in etwa 200 Städten ähnliche Protestveranstaltungen.
Eine neue Bewegung
Von Anfang an waren auch viele Juden an den Demonstrationen beteiligt, jedoch ohne eine spezifisch jüdische Stimme. Als Daniel Sieradski, ein selbsternannter New Media Activist, Ende September ein paar Freunde zu einem Schabbatabendessen in den Zuccotti Park einlud, änderte er dies. Trotz Regen kamen etwa 20 Jugendliche zusammen (vgl. tachles 40/11). Motiviert von dem Erfolg lud Sieradski zu Jom Kippur ein, einen Kol-Nidre-Gottesdienst in Solidarität mit den Protestierenden zu veranstalten, den er kurzerhand «Occupy Judaism» taufte.
Die Resonanz auf seine Einladung, die er über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter public machte, war überwältigend. Zwischen 800 und 1200 Menschen kamen zu dem Gottesdienst am Freitagabend, sodass man auf die gegenüberliegenden Liberty Plaza ausweichen musste, da nicht genügend Platz im Zuccotti Park zur Verfügung stand. Sieradski wurde über Nacht zum Gründer einer neuen Bewegung, doch angesprochen auf seine zentrale Rolle winkt er bescheiden ab. «Es geht hier nicht um mich, sondern um all diejenigen, die ihren Glauben durch Taten leben», sagt der 32-Jährige. «Als Juden haben wir die Pflicht, Solidarität mit den Armen und Unterdrückten zu zeigen und für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle einzutreten.»
In einem Leitartikel im «Forward», nannte Chefredakteurin Jane Eisner «Occupy Judaism» einen Wendepunkt in der Geschichte des amerikanischen Judentums, da hier junge, religiöse Juden als solche kühn ihre Solidarität zur Schau stellten, ohne dabei die etablierten jüdischen Organisationen zu repräsentieren.
Jüdische Werte
Motiviert von dem Erfolg der jüdischen Solidaritätserklärung in New York fanden in vielen amerikanischen Städten, unter ihnen Atlanta, Boston, Chicago, Philadelphia und Seattle, zu Sukkot ähnliche Veranstaltungen statt, die durch die von Sieradski erstellten Webportale miteinander verbunden wurden. Er sagt: «Ich bin lediglich derjenige, der alles online gesetzt hat, die eigentlichen Aktionen kamen von anderen.»
Zu diesen «anderen» zählt auch Naomi Less, die ihre Motivation folgendermassen erklärt. «Die Bewegung verkörpert auf höchstem Niveau jüdische Werte: soziale Gerechtigkeit und Nächstenliebe.» Es geht ihr auch darum, «die Inselmentalität der jüdischen Gemeinschaft zu durchbrechen». Das jüdische Establishment sei oft zu abgeschirmt von dem nicht jüdischen Umfeld, meint sie, aber sie kritisiert auch die insulare Sichtweise der einzelnen
jüdischen Strömungen. «Ich bin so stolz darauf, ein Judentum mit verschiedenen Meinungen zu fördern. Pluralismus bedeutet, wirklich zusammenzuarbeiten. Hier (bei «Occupy Judaism», Anm. d. Red.) feiern, beten, gedenken und arbeiten wir wirklich alle zusammen!»
Diese Zusammenarbeit zeigte sich etwa bei den Simchat-Thora-Gottesdiensten, bei denen Juden aus verschiedensten Strömungen zusammenkamen, darunter auch viele Prominente der jüdischen Kulturszene New Yorks. Obwohl einige der Teilnehmer liberal und andere orthodox waren, wurden die Gottesdienste egalitär durchgeführt, und man sah Hunderte Kippot tragende Männer und Frauen in Tallits mit Thorarollen tanzen. Zu den Höhepunkten der Feierlichkeiten gehörte das Ausrollen einer Thorarolle. Amichai Lau-Lavie erklärte die Bedeutung der Zeremonie, in der die Teilnehmer einen Kreis bildeten: «Der Fokus lag auf der Idee, das Buch zu öffnen und uns durch Erzählungen an die zentrale Bedeutung sozialer Gerechtigkeit zu erinnern. Meine Absicht war es, einen heiligen Kreis zu kreieren, in dem es kein ‹Wir-gegen-euch›, kein Reich und Arm, kein Jude und Nichtjude, sondern lediglich einen Kreis von Menschen gibt, die eine bessere Welt schaffen wollen.»
Eine soziale Angelegenheit
Viele, wie etwa Laura Silver, waren sehr angetan von diesem symbolischen Akt. Für sie war es der erste Besuch von «Occupy Wall Street». «Um ehrlich zu sein, ging es mir weniger darum, Solidarität mit ‹Occupy Wall Street› auszudrücken», gesteht sie jedoch ein. «Ich hörte, dass hier ein Gottesdienst im Freien stattfindet, zu dem viele meiner Freunde kommen.»
Auch wenn viele Menschen aus ähnlichen Gründen zu den Veranstaltungen von «Occupy Judaism» kommen, so scheint das Thema soziale Gerechtigkeit viele zu mobilisieren, die sich sonst nicht unbedingt engagieren. «Wir hoffen, dass viele unserer Teilnehmer sich in verschiedenen ‹Occupy Wall Street›-Arbeitsgruppen engagieren werden und ihre Rolle in der Bewegung finden. Wir sind ein erster Einstieg», erklärt Sieradski.
Langfristig hofft er, auch etwas in der eigenen Gemeinde verändern zu können. «Wir wollen die Werte von ‹Occupy Wall Street› in Richtung unserer eigenen Gemeinde lenken, um ein längst überfälliges Gespräch über die Rolle von Reichtum und Macht bei der Gestaltung jüdischer Gemeindepolitik zu fördern.» Vielleicht hat Jane Eisner ja recht, und dies ist wirklich ein Wendepunkt in der Geschichte des amerikanischen Judentums.