Obamas jüdische Doppelgängerin?
Entschlossen. Elena Kagan als Doppelgängerin von Barack Obama zu bezeichnen, wäre übertrieben, wenn auch nicht sehr: Der Weg der 50-jährigen Juristin zu ihrer Nominierung für das amerikanische Verfassungsgericht gleicht dem Obamas in vielerlei Hinsicht, auch wenn sie in wesentlich stabileren Umständen aufgewachsen ist, als ihr Freund und Arbeitgeber im Weissen Haus. Kagan wurde im linksliberalen, jüdischen Milieu an der Upper West Side Manhattans gross und hatte im Gegensatz zu Obama nie Zweifel an ihrer Identität oder ihren Berufszielen: Bevor sie an den Eliteuniversitäten Princeton und Harvard studierte, liess sich die 17-jährige Kagan in einer Richterrobe für das Jahrbuch ihrer Schulklasse ablichten. Heute attestieren Studienkollegen Kagan nicht nur eine hohe Intelligenz, sondern auch Geduld und Entschlossenheit beim Verfolgen ihrer Ziele.
Pragmatisch. Diese Eigenschaften teilt sie ebenso mit Obama wie dessen politischen Pragmatismus. Wie der Präsident, dem sie seit 15 Monaten als Regierungsvertreterin vor dem Verfassungsgericht dient, hat Kagan es stets vermieden, sich ideologisch festzulegen. Kritiker nennen Obama und seine Kandidatin daher «unbeschriebene Blätter». Bislang haben die Konservativen nicht zuletzt deshalb kaum Angriffsflächen bei Kagan gefunden, weil sie sich weder als Direktorin der Juristischen Fakultät von Harvard, noch zuvor als Professorin an der University of Chicago grundsätzlich zu gesellschaftspolitischen Streitfragen geäussert hat. Eine Richterrobe hat Kagan zuletzt auf ihrem Schulbild getragen. Dies spricht keineswegs gegen ihren Sachverstand, erklärt aber Kagans fehlende «Papierspur»: Amerikanische Richter müssen sich in ihren Urteilen nicht selten zu gesellschaftlichen Fragen äussern. Eben deshalb laufen linke Kommentatoren wie der Jurist und Blogger Glenn Greenwald seit Wochen gegen eine Nominierung Kagans Sturm: «Sie hat keine erkennbaren Prinzipien und passt sich perfekt ihrem institutionellen Umfeld an.»
Talentiert. Aus Prinzip kompromissfreudig, hat Obama seine Kandidatin dagegen als «Brückenbauerin» annonciert, die in dem ideologisch gespaltenen Verfassungsgericht Konsens stiften könnte. Das dürfte ein Wunschtraum bleiben, spricht aber für das Vertrauen des Präsidenten in Kagan. Dieses geht auf die fast 20-jährige Freundschaft der beiden zurück. Kagan hat Obama in Chicago kennengelernt, als sie schon Professorin auf Lebenszeit, er jedoch nur Teilzeit-Dozent war. Angeblich wollte Kagan ihren etwas jüngeren Kollegen überreden, sich ebenfalls um eine Festanstellung zu bewerben. Aber Obama liebäugelte Mitte der neunziger Jahre bereits mit einer politischen Laufbahn. Dass er nun in der Lage ist, Kagans Karrieretraum zu erfüllen, haben beide jedoch ihrem gemeinsamen Freund und Mentor Abner Mikva zu verdanken. Als ehemaliger Kongressabgeordneter, Berufungsrichter, Jusprofessor und Mitarbeiter Bill Clintons im Weissen Haus ist der 84-Jährige eine graue Eminenz der Demokraten. Kagan war seine Assistentin bei Gericht, später hat Mikva ihr einen Job bei Clinton vermittelt. Und seit Monaten rührt der alte Strippenzieher die Werbetrommel für Kagans Einzug ins Verfassungsgericht. Daneben hat der Altrichter frühzeitig das politische Talent Obamas erkannt, der in seinem alten Wahlkreis in Chicago gelebt hat. Seither ist Mikva «Türöffner» und Fürsprecher Obamas zumal jüdischen Wählern und Parteispendern gegenüber.