Obamas Hochseilakt
Dass ihm seine Aufgabe Freude macht, ist für Amerika und die Welt die beste Nachricht von der Grundsatzrede, die Barack Obama am Dienstag dieser Woche vor dem US-Kongress gehalten hat. Der US-Präsident konnte im Wahlkampf zeigen, dass er sich exzellent auf politisches Theater versteht und so bot er auch bei seiner Premiere im Capitol eine perfekte Mischung aus Optimismus, ernsten Warnungen und mehr oder weniger deutlichen Rezepten. Doch während Finanzminister Tim Geithner einen Monat nach Amtsbeginn schon um Jahre gealtert scheint, strahlt Obama bei aller Gewandtheit im Rampenlicht doch eine Freude an der Herausforderung aus, die in seinem tiefsten Inneren gründen muss: Hier war ein Mann zu erleben, der die Not der Stunde erkannt hat und am glücklichsten ist, wenn er seinen Verstand und das beträchtliche Talent seiner Mannschaft auf die anstehenden Probleme wirft.
Schieflage. Dass diese kaum überschaubar sind, ist keine Neuigkeit. Nicht klar erkennbar ist indes, welche Ursachen Obama für die Krise Amerikas – und der Welt – verantwortlich macht und welche Konsequenzen er daraus zieht. Er nannte zwar kurzsichtiges Profitdenken, Abhängigkeit von Ölimporten und das ebenso teure wie ineffektive Gesundheitssystem sowie auch die Schwächen des Bildungssystems als Ursachen. Aber mit neuen Schulen, Sonnenkraftwerken und Strassen allein wird das Land aus seiner Krise nicht herauskommen: Amerika ist unter George W. Bush in eine gefährliche, strukturelle Schieflage geraten, in der seine imperiale Statur weltweit nicht mehr vom Erfindergeist und dem Fleiss der US-Bürger finanziert werden kann. Das Land exportiert weiterhin Krieg und importiert das dafür notwendige Geld.
Imperium zurückbauen. Obama steht damit ein Hochseilakt bevor. Er muss das amerikanische Imperium zurückbauen auf ein längerfristig bezahlbares Mass. Dies jedoch in einem Moment, da die Welt einerseits Amerika als Stabilitätsfaktor dringend benötigt; andererseits haben gerade die verblendeten Allmachtsphantasien der Bush-Regierung Unsicherheit und Chaos über den Rest der Menschheit gebracht – nicht zuletzt im Nahen und Mittleren Osten zwischen Mittelmeer und Indus. Obama hat im Wahlkampf ständig den globalen Führungsanspruch Amerikas betont. Aber wie viel davon war Taktik? Anscheinend traut sich kein US-Politiker den Wählern einzugestehen, dass ihr Land sich vielleicht doch nicht zum leuchtenden Vorbild für den Rest der Menschheit eignet. Sind der neue Präsident und Amerikas Eliten in Militär und Politik bereit, sich der Weisheit anderer Nationen zu beugen? Welche sicherheitspolitischen Positionen sind unverzichtbar für Obama und sein Team?
Pragmatismus. Hier ist die Erinnerung an den Pragmatismus Obamas hilfreich, den er nicht nur in seinem Bestseller «Hoffnung wagen» gepredigt, sondern seither immer wieder praktiziert hat. So hat er jüngst mit Blick auf Afghanistan kein Wort mehr zu Demokratie oder Bürgerrechten verloren, sondern allein von der Ausschaltung der al-Qaida dort gesprochen. Um sich selbst zu erneuern, bleibt Amerika kein anderer Weg als ein Pragmatismus bis hin zur Skrupellosigkeit. Auf diesem Weg dürfte Obama mitunter die Freude an seinem Job verlieren.