O die Schornsteine
Von Katarina Holländer
Fünfundfünfzig Blätter. Kariertes Papier, mit einer grossen
rostfreien Büroklammer zusammengehalten. Von Hand hatte ich «Teile
Dich Nacht», die «letzen Gedichte», das schmale Büchlein,
das 1971 bei Suhrkamp erschienen war, in den achtziger Jahren von Hand abgeschrieben.
Amazon gab es noch nicht. Ich war Studentin und fand das Buch nicht. So schrieb
ich es ab. Es hebt an mit einer Wiederkehr: «Steigt einer aus den Steinen
/ die Sonnenscheibe dem Feind vorhaltend / wenn die wurzellos rinnenden Rätsel
der Tränen / unter vier Augen wahrsagen / kreuzweis _ / (...) bis die Wunden
wissend / im Bruderblut fliessen / kreuzweis.» Nichts Geringeres als die
Sonnenscheibe. Metaphorische Höhen, die das romantische Erbe der deutschen
Literatur in ihren freien Versen nicht verleugnen. Nie haben in der Lyrik der
Nelly Sachs die Tränen zu fliessen aufgehört, ihre Nächte nicht
wie ihre Tage die Wiederkehr in Worten zu bannen aufgegeben. Der uralte Gestus
des Beschwörens fiel nicht in sich zusammen, wich der kühlen und coolen
Bestandesaufnahme nicht:
Teile dich Nacht
deine beiden Flügel angestrahlt
zittern vor Entsetzen
denn ich will gehn
und bringe dir den blutigen
Abend zurück
Nicht, dass Nelly Sachs in meinem Zürcher Germanistikstudium vorgekommen
wäre damals. Auch lag die Schweiz sehr weit weg von Deutschland und die
Auseinandersetzung mit dem, was Nelly Sachs' Gedichte in ihren Worten tragen
und nicht zu besprechen ablassen, schien leicht abwegig. Nelly Sachs, das war
etwas Vergilbtes. Das war, hörte man, doch schon so lange vergangen! Doch
für Nelly Sachs und manche anderen war das ihr Lebtag nicht sehr lange
her.
Es gab nicht viele, die jenem Schmerz und jenen Gefühlen des Verlusts,
der Hinterbliebenschaft, die dem Versuch, mit so viel Toten weiterzuleben und
mit dem Höchsten darüber Zwiesprache zu halten, Worte geben konnten.
Worte hätten zu finden versuchen wollen.
Wenn ich nur wüsste
Worauf Dein letzter Blick ruhte.
War es ein Stein, der schon viele letzte Blicke
Getrunken hatte, bis sie in Blindheit
Auf den Blinden fielen?
Das Gedicht beginnt, wie viele Elegien der Liebe beginnen könnten. Wäre da nicht dieses das menschliche Schicksal, das individuelle Schicksal gesteinigt wissende «schon viele». Wäre da nicht, in einer späteren Strophe, «Vielleicht die Gürtelschnalle deines Feindes» unter den in Erwägung gezogenen Dingen, auf denen der letzte Blick geruht haben mag: welch unmögliche vorletzte Ruhe, die auch der Dichterin Gedenken nicht in Ruhe lässt. Nelly Sachs' Dichtung geht mit all ihrer Empfindsamkeit dorthin so weit mit, wie sie es als Lebende, als eine Gerettete, die nicht retten konnte, nur kann. - «Wir dürfen nie vergessen!»: Bis heute spukt diese Parole von Politikermund zu Politikermund, von Podiumsgespräch zu Podiumsgespräch. Nelly Sachs vergass nicht und äusserte es. Sie verinnerlichte und äusserte auch den Schmerz, ohne den dieser moralische Befehl, der in seinem tiefsten Sinne ein kategorischer Imperativ sein müsste, zu der hohlen Parole verblasst, die er meistens bedeutet. Doch sie selber ist, trotz eines halben Nobelpreises, den man ihr 1966, gemeinsam mit Samuel Josef Agnon, «für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren» verlieh (also als einer «jüdischen», nicht einer «deutschen» Dichterin, was für die Autorin der bittere Beigeschmack dieser hohen Auszeichnung war), weitum vergessen. Man erinnert sich an ihren Namen. Liest man sie?
Zwiesprache
«In den Wohnungen des Todes», der Gedichtband, dem dieser Auszug entnommen ist, erschien 1947 in Deutschland. Die Berliner Dichterin, zurückgezogen in grossbürgerlichem Milieu aufgewachsen, war, fast 50-jährig, mit ihrer Mutter 1940 nach Schweden geflüchtet, fast zu spät, den Befehl für den Abtransport hatten sie bereits erhalten. Aber in Deutschland ist nach dem Krieg keine «Stimmung» für einfühlendes Gedenken verbreitet, Kahlschlag ist das Durchhalte-Stichwort der Nachkriegsjahre, auch wenn das ein frommer Wunsch war, er galt. Nelly Sachs war eine Dichterin, die jeden Schlag als das empfand, was er war. Als Schlag. Und ihre Dichtung hielt das Gesicht hin. Zeigte viel Geschundenes, Zermartertes, sich selbst in Trauer und Sehnsucht nach dem Toten zermarterndes Leben, das sich nicht abwendet. Keine Stunde Null für Nelly Sachs. Die Nacht ist geblieben. Und so kam es, dass auch ihre Gedichte, die «Sternverdunkelung» hiessen und 1949 erschienen, nicht das waren, was deutsche Leser lesen wollten - wie Paul Celans erster Gedichtband wurden sie eingestampft.
Auch für den Dichter Paul Celan gab es nicht viele, mit denen er nach
dem Krieg über Dichtung hätte sprechen können in einverständlichem
Austausch. Für den Czernowitzer Juden, den es mit seiner deutschen Sprache,
der er einen ihrer lyrischen Höhepunkte schenkte, nach Paris verschlagen
hatte, war Nelly Sachs «die Freundin», zu der er sprach, in Briefen,
zunächst, und später, nach der ersten persönlichen Begegnung,
auch in einem Gedicht, das sehr gesprochen daherkommt und dessen «einiges
Gold» täglich bei gutem Wetter nachzuvollziehen ist:
Zürich, Zum Storchen
Für Nelly Sachs
Vom Zuviel war die Rede, vom
Zuwenig. Von Du
und Aber-Du, von
der Trübung durch Helles, von
Jüdischem, von
deinem Gott.
Da-
von.
Am Tag einer Himmelfahrt, das
Münster stand drüben, es kam
mit einigem Gold übers Wasser.
Von deinem Gott war die Rede, ich sprach
gegen ihn, ich
liess das Herz, das ich hatte,
hoffen:
auf
sein höchstes, umröcheltes, sein
haderndes Wort –
Dein Aug sah mir zu, sah hinweg,
dein Mund
sprach sich dem Aug zu, ich hörte:
Wir
wissen ja nicht, weisst du,
wir
wissen ja nicht,
was
gilt.
Das Münster, das ist das Zürcher Grossmünster, das über
die Limmat weg sein Gold als Reflex übers Wasser schickt, hinüber
zum Hotel Zum Storchen, in dem sie sassen. Paul Celan und Nelly Sachs. Sie hatte
ihn gebeten, sie zu treffen, als sie aus Anlass der Verleihung des Meersburger
Droste-Preises für Dichterinnen erstmals wieder in Richtung Deutschland
reiste, und er war gekommen. Sie waren beide auch in den folgenden Jahren von
schweren psychischen Krisen heimgesucht, sie wussten aufgrund ihrer Erlebnisse,
ihres Ringens um das noch zu setzende Wort, umeinander wie wenige Menschen wohl
sonst; «neben den wahrsten Büchern» standen Nelly Sachs' Werke
in Paul Celans Bibliothek. So fühlte sie sich, gab sie zu, beheimatet.
Sie schrieb schreib ihm zurück: «Ihre Gedichte leben bei mir.»
Der Meridian
In dem Gedicht ist nicht nur an-, sondern ausgesprochen, was die beiden dabei trennte: «dein Gott». Am 26. Mai 1960 notierte sich Celan: «4 h Nelly Sachs, allein. ‹Ich bin ja gläubig.› Als ich darauf sage, ich hoffte, bis zuletzt lästern zu können: ‹Man weiss ja nicht, was gilt.›» In ihr «man» fasst Celan in dem Gedicht sich in seinem «wir» schliesslich mit ein, als einen Nichtwissenden, die beiden als an dasselbe Geheimnis von unterschiedlichen Orten aus Pochende.
In seiner berühmten Rede, die er 1960 anlässlich der Entgegennahmen des Georg-Büchner-Preises hielt, hat er seiner Dichter-Freundin eine versteckte Reverenz erwiesen: 1959 hatte sie ihm geschrieben: «Zwischen Paris und Stockholm läuft der Meridian des Schmerzes und des Trostes.» Später zitierte er diesen Satz und nannte schliesslich seine Rede «Der Meridian». Im Meridian ist das Getrennte durch Konstellation und Betrachtung verbunden. Es kann, jenseits der Bedeutungsfülle, mit der Celans Rede dieses Wort auflädt, auch als ein Inbegriff dessen gelesen werden, was Nelly Sachs' Gedichte immer wieder entwarfen: Meridiane, ob der herrschenden Kräfte gekrümmte Verbindungsachsen eines Hier mit einem Dort.
Das Hier, das war für Sachs nicht nur die Nachkriegszeit - was sie davor veröffentlicht hatte, sah sie nur noch als «Jugendwerke» -, es war auch der Nachkriegsort: Stockholm. Viele Jahre kümmerte sie sich hier um ihre Mutter, mit der sie eine winzige Wohnung teilte, bis diese 1950 starb. Sie lebten vor allem von Nelly Sachs' Übersetzungen schwedischer Literatur, zu der sie schon früh gefunden hatte. Bereits als 15-Jährige hatte sie einen jahrzehntelangen Briefwechsel mit Selma Lagerlöf eröffnet. Die betagte Schriftstellerin – 1909 als erste Frau mit dem Literaturnobelpreis, einem ganzen, ausgezeichnet - war 1939 um Hilfe angegangen worden; sie starb kurz vor der rettenden Ankunft der Dichterin und ihrer Mutter.
Nelly Sachs fand über die Jahre einige Freunde in Schweden. Es blieb ihr
aber die grosse Einsamkeit. In dieser schwedischen Einsamkeit verknüpfte
sie das zu verknüpfen fast unmöglich Erscheinende, das «O»
der deutschen Dichtung mit dem Inbild der jüdischen Vernichtung, und hörte
und hörte nicht auf zu knüpfen:
O die Schornsteine
Auf den sinnreich erdachten
Wohnungen des Todes,
Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch
Durch die Luft -
Als Essenkehrer ihn ein Stern empfing
Der schwarz wurde
Oder war es ein Sonnenstrahl?