«Nur wer keine Wünsche hat, kann perfekt glücklich sein»
Der Satz, der sich nicht auf ein Letztes hin so einfach aufschlüsseln lässt. In diesem Wort stecken die Fragen nach dem Glück, den Wünschen, dem Sinnhaften und auch die Frage nach der Pflicht. Die Aussicht auf perfektes Glück hat es Branco Weiss nicht antun können, im Gegenteil, er hätte sich gelangweilt und gähnen müssen. Er war ein Mensch, der im Geiste lieber Wünsche, Rätsel und Unentdecktes als seinen Widerpart hatte, um deswegen gerade erst das Gelingen, das Vollendete oder insgeheim das Glück zu suchen. Was ihn, der das Risiko nicht scheute, interessierte, waren Ideen, die noch nicht existierten, und Menschen, deren Denken und Tun noch nicht wie ein Kristall glänzten. So lernten wir Branco Weiss kennen – als einen, der sich für gesellschaftlich berechtigte, menschlich vertretbare und praxisnahe Ideen interessierte. 1943, in dem Jahr, als seine Mutter mit einem erst jugendlichen Branco in die Schweiz flüchtete, schrieb Elias Canetti den Satz: «Es ist eine Zeit, die sich durch neue Dinge und gar keine neuen Gedanken auszeichnet.» Nicht ein weiteres Produkt hier oder ein Projekt dort, sondern neue Gedanken, konkrete Ideen, die uns teilnehmen lassen am Wandel der Gesellschaft und uns zwingen nachzudenken – und die solcherart danach verlangten und immer noch verlangen, dass man ihnen kundigen, professionellen und praktischen Geist einhaucht. «Nur wer keine Wünsche hat, kann perfekt glücklich werden!» – das hat Branco Weiss, Gott sei Dank, keine Ruhe gelassen. Denn wenn wir es nicht tun, hier und jetzt, dann sind wir auch nicht dabei.
Teilhabe an der Ganzheit des Lebens
Branco Weiss, geboren am 23. April 1929 in Zagreb, lebte seit Herbst 1943 in der Schweiz. Im thurgauischen Glarisegg und an der ETH Zürich erhielt er seine Grundausbildung, er studierte Chemie. Seit 1959 war er selbstständiger Unternehmer, er gründete und leitete eine Reihe von Firmen, die technologisch an der Spitze standen, national und international Innovationen hervorbrachten, mit Produkten, deren Exponate auch in angesehen Museen stehen. Zehn Firmen hat er gegründet oder aus einer schwierigen Situation gelenkt oder als Beteiligter begleitet – bis hin zu sinnvollen Kooperationen mit grossen Unternehmen. Zahlreiche Gefährten und Gefährtinnen hatten Anteil an seiner Fähigkeit als Mentor, der gleichzeitig Investor war. Wir könnten uns zufrieden geben und sagen, dass Branco Weiss schon nahezu ein perfekter Unternehmer gewesen ist – aber das entspräche nicht seinem Geist, der sich mit diesen Erfolgen noch lange nicht glücklich schätzte. Er wollte mehr, wollte teilhaben an der Entwicklung, die politisch und gesellschaftlich zu verstehen ist.
1981 legte Branco Weiss erstmals Mittel in einen ETH-Fonds, um zu einer beschleunigten Umsetzung von Forschungsergebnissen auf dem Markt und in der Praxis beizutragen. Forschung soll Menschen, der Wirtschaft, den Unternehmen und der Gesellschaft zugute kommen. Denn Wissenschaft – das war, aus einer Sicht, eine Teilhabe an der Ganzheit des Lebens. In diesen Jahren gehörte er zu den Mitorganisatoren der Cortona-Tagungen, die sich einer umfassenden, gleichsam interdisziplinären Betrachtung gewidmet haben. Zu solcher Ganzheit gehörte es auch, Geld nicht auf und für sich ruhen zu lassen, sowenig wie Wissenschaft und Kultur nur sich selbst genügen kann. Beides ist einzusetzen für sinnvolle, vertretbare und gerechte Anliegen in unserer Gesellschaft. Seit 1984 hat Branco Weiss dem nachgelebt, als Mitgründer und Präsident der ersten schweizerischen Gesellschaft für neues Unternehmenskapital, der Swiss Venture Capital Association. Zehn Mal ist der Branco-Weiss-Preis für Unternehmer des Jahres verliehen worden.
Menschliche Klugheit
Und dann hat Branco Weiss auch sein Wissen «preis»-gegeben – er lehrte junge Ingenieure und Ingenieurinnen an der ETH Zürich, wie man neue Unternehmen planen, gründen, aufbauen und führen kann. Auch an der Universität Tel Aviv hat er in dieser Absicht Vorträge gehalten. Für ihn war das kein irgendwie «vornehmer» Akt, sondern ein aus Vernunft und menschlicher Klugheit resultierendes Herzensanliegen. Er hat diese von Bertolt Brecht eingegebene Haltung als eine Pflicht, die der Wissenschaft aus der Freiheit resultiert, verstanden. Vielleicht hat es auch mit seiner Kindheit und Jugend im Zeichen der Verfolgung zu tun. Branco Weiss kam 1943 als Flüchtling in die Schweiz, mit seiner Mutter, von der er berichtet, dass sie während der Jahre der Verstecke und der Flucht in Italien stets besorgt war, ihn zu unterrichten und unterrichten zu lassen. In seinen Lebensbildern wären Eindrücke aus den Lebenswelten Kroatiens einzuschreiben, die Flucht nach Italien und in die Schweiz, die Aufenthalte in schweizerischen Flüchtlingsheimen und die Chance, in der Schweiz bleiben zu können und in Glarisegg eine verständige Pflegmutter und gute Lehrer gefunden zu haben. Das Studium an der ETH war eine neue Welt, in der sein Geist sich öffnen und flanieren konnte. Dafür hat er in unseren Gesprächen das Bild gegeben, wie er dieses Empfinden in der damaligen ETH-Bibliothek, mit ihrem Meer an Büchern unter einer weiten Kuppel, hat stärken können. Er liebte es, Bücher zu lesen – zu Hause gab es gleich zwei Bibliotheken!
Aus diesem Geist heraus hat er auch den Antrieb geschöpft, Studierende mit Fragen des Unternehmertums – und das hiess gleichsam mit dem Leben – vertraut zu machen. Dieser Wandel umfasst alle Bereiche des Lebens. Bei Branco Weiss schärfte sie das Empfinden für Ideen, Kommunikation, Verantwortung und Gerechtigkeit. Als die damalige Sowjetunion implodierte und ein auch politisch schwieriges Vakuum hinterliess, hat er nicht gezögert, sich mit einem Stipendienfonds für den beidseitigen Austausch von jungen Ingenieuren zwischen der Schweiz und GUS-Staaten zu beteiligen. Die Förderung weiblicher Studierender, von jungen Forscherinnen und von Unternehmerinnen war ihm ein besonders eindringliches Anliegen. Auch hier liegt eine biografische Erfahrung zugrunde: Seine Mutter und seine Pflegemutter waren wichtige Personen für sein Studium gewesen. Seine erste Frau, die aus St. Gallen stammende Annamaria Weiss, geborene Weber, die 1972 erkrankte und starb, begleitete seinen Weg zum Unternehmer mit hoher Umsicht, und seine zweite Frau, Eva Weiss, seinen weiteren Weg mit Takt und Liebe.
Für die Gerechtigkeit
Branco Weiss ist in der Schweiz und in Israel mit Ehrendoktorwürden, Verdienstmedaillen und Ehrenmitgliedschaften ausgezeichnet worden. Er freute sich jeweils darüber, aber dies war ihm kein Anlass, sich damit aufzuhalten oder einen dieser Titel auch nur auszuhängen. 1998 kam es zur Schenkung von Lehrstühlen an der ETH Lausanne und an der Universität Basel, zur Förderung des Collegium Helveticum, zur Beschaffung von unerlässlichen Apparaturen an der Universität Zürich, und zur Errichtung eines Zentrums an der ETH Zürich. Und nebenbei bemerkt: Zahlreiche Forschende im In- und Ausland haben dank Branco Weiss, ohne dass je viel Aufhebens gemacht wurde, ihre Projekte und so sich selbst auf den Weg bringen können.
Am Ende seiner Rede zum 80. Geburtstag sagte Branco Weiss im Rückblick auf die Schweiz: «Dankbarkeit ist auch ein Akt der Gerechtigkeit». Wenn er in einer Angelegenheit das Mass der Gerechtigkeit verletzt sah, konnte er ärgerlich werden. Er war es gewohnt zu kämpfen, sich zur Wehr zu setzen, wenn eine rote Linie – und dazu brauchte es viel bei einem grosszügigen, toleranten Menschen wie ihm – überschritten war. Nichts vermochte ihn mehr zu einer harschen Haltung zu veranlassen als Akte der Verleumdung, der Miesmacherei, der Hinterlist, der Schleimerei. Er hat in solchen Fällen, wo solcherart die Gerechtigkeit verletzt war, nicht gezögert, den Kampf auf sich zu nehmen – und er hatte dabei für jedes Ringen stets einen festen Blick für die Grenze des Erlaubten und des Machbaren. Am Ausgang der Sache konnte dann jeweils ein Satz stehen wie: «Kann ich nun davon ausgehen, dass Sie Ihr Wort halten?» So spricht der Menschenfreund – besser kann man ein Angebot für gerechten Ausgleich nicht ausdrücken. Branco Weiss hatte denn auch Sinn dafür, eine Auseinandersetzung beizulegen, indem er dafür die Form eines guten Essens wählte – sofern sein Gegenüber für den Appetit geeignet war.
Das geistige Erbe
Was ist die geistige Erbschaft von Branco Weiss? Zwei Leistungen sind ihm Anliegen gewesen und verdienen, hervorgehoben zu werden: Als Erstes die Gründung von Society in Science an der ETH, einem Fonds, der seit 2002 besonders begabte jüngere Akademiker fördert. Sein Zweck besteht darin, aus aller Welt junge Wissenschaftler einzuladen, die sich mit dem Komplex von Wissenschaft beziehungsweise Technologie und Fragen der Gesellschaft in allen ethischen, sozialen und politischen Dimensionen auseinandersetzen wollen. Als Maxime dient, dass Stipendiaten und Stipendiatinnen eine eigene Wahl – wie und wo – haben, produktiv zu werden, weil erst solch definierter Freiheit der Kompass für unternehmerische Inspiration eingeschrieben bleibt.
Zweitens die Branco-Weiss-Stiftung in Israel. Gewiss, die private Spitzenforschung in Israel und auch die Umsetzung universitärer Forschung in Wirtschaft und Gesellschaft sind vorbildhaft und haben Branco Weiss, dem ein Ehrendoktor der Universität Tel Aviv zukam, beschäftigt. Doch es ist für ihn wiederum charakteristisch, dass er dort über 20 Jahre ein Werk aufgebaut hat, das in den Kern einer Immigrationsgesellschaft gehört, die wissensbasiert ihre Zukunft sichern will. Die Stiftung und das Branco-Weiss-Institut und seine angeschlossenen zahlreichen Schulen und Trainingsprogramme gehen auf junge Menschen ein, die wir als gesellschaftlich «niederschwellig» oder «peripher» betrachten würden, auf Begabte und Hochbegabte, die aber der sozialen Kategorie der «Drop-outs», mit dem Risiko der Randständigkeit, entstammen. Die Bildungsangebote und Interventionsprogramme des Branco-Weiss-Instituts sind zahlreichen Lehrpersonen, Schulen, Jugendlichen und Studierenden zugutegekommen, die Idee und die Methoden weltweit mit Anerkennung bedacht worden. Hier – mit dieser Botschaft für Selbstvertrauen und die Dignität der Schule und aller ihrer Angehörigen – ist die zweite grosse Erbschaft, vor der wir uns verneigen. Es sind gute Lehrer und über sich selbst hinauswachsende Schüler und Schülerinnen, die dereinst in der Welt etwas bewegen!
Ich brachte ihm, in den letzten Wochen, aus den Alpen einen Bergkristall mit ans Spitalbett. Er sinnierte mit einigem Augenzwinkern, dass dies für einen Chemiker ein zumindest geeignetes Symbol sei, sich die Endlichkeit und die Nacktheit des Lebens vor Augen zu halten.
Jacques Picard ist Inhaber der Branco-Weiss-Professur für Jüdische Geschichte und Kulturen in der Moderne und Forschungsdekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel. Picard hielt, stellvertretend für viele im Text erwähnte Institutionen die Trauerrede bei der Abdankung für Branco Weiss am letzten Dienstag.