«Nur mit Humor können wir überleben»

July 4, 2008
Anlässlich seines Debütromans «Das Ministerium für besondere Fälle» spricht der amerikanische Autor Nathan Englander über Heldentum, Vater-Sohn-Beziehungen und das Schöne an Übersetzungen.
<strong>Nathan Englander </strong>&laquo;Es f&uuml;hlt sich sehr romantisch an, dass eine Idee in andere Sprachen &uuml;bersetzt werden kann&raquo;

tachles: Sie haben eine jüdische Familiengeschichte geschrieben, die zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur spielt. Eine der ergreifendsten Stellen in Ihrem Buch ist, als sich Kaddisch und sein Sohn Pato erbittert streiten und der Vater sagt, es wäre ihm lieber, nie einen Sohn gehabt zu haben. Plötzlich kommt die Miliz und schafft Pato für immer weg. Woher rühren die starken Spannungen zwischen Vater und Sohn?

Nathan Englander: Das ist ein Buch über Loyalität in vielerlei Hinsicht und über das Versagen von Gesellschaft und Regierung. Dass Vater und Sohn miteinander kämpfen, ändert nichts an ihrer Bindung oder ihrer Liebe zueinander, die über den Streit hinausgeht. Ich habe eine Dekade damit zugebracht, dieses Buch zu schreiben und fand es interessant, Realitäten mit multipler Fassade darin abzubilden. Ich hätte Vater und Sohn auch den ganzen Morgen zusammen im Park spazieren lassen können, sie hätten schöne Blumen bewundert und dann gemeinsam gegessen, aber das wäre mir weniger interessant erschienen. Ich denke, es gibt wesentlich mehr solcher Väter und Söhne wie Kaddisch und Pato als solche, die glücklich zusammen fischen gehen. Sind die beiden tatsächlich ganz unterschiedlich und doch identisch? Ich denke, dass darin für den Sohn der wesentliche Teil der Vater-Sohn-Auseinandersetzung besteht, nämlich anzuerkennen, dass er nicht sein Vater, sondern der Sohn seines Vaters ist.

Warum ist eigentlich Kaddisch ein solcher Versager? Alles, was er beginnt, misslingt ihm.

Ich wollte mit Kaddisch eben der Frage auf den Grund gehen, was es im literarischen Sinne bedeutet, ein Held zu sein. Für mich ist er ein Held, weil er sich weigert, zu vergessen, wer seine Mutter war, auch wenn sie sich als Hure verdingen musste. Alle anderen mit dieser Herkunft leugnen sie. Wir erkennen Heroismus an, wenn jemand bereit ist, für eine Sache zu sterben. Aber wenn jemand versucht, sein Bestes zu geben, was dann? Ich wollte genau diese Frage aufwerfen: Ist er ein Versager, weil am Ende alles schief geht? Oder eben nicht, weil er doch immer alles gibt, was in seiner Macht steht? Reicht es denn, alles zu geben, auch wenn es dann schief geht?

Mit welchen Figuren in Ihrem Buch konnten Sie sich am meisten solidarisieren?

In diesem historischen Kontext sind so viele Menschen verschwunden, so viele haben gelitten und so viel ist verloren gegangen. Für mich geht es in der Literatur in erster Linie darum, alles in einer Geschichte zu verdichten, eine Mutter, ein Vater und ein Sohn, mir ging es nur um ihre Geschichte. All die Jahre habe ich mich ganz auf diese drei konzentriert. Nach dem Verschwinden von Patos bleiben nur Mutter und Vater, und ich habe versucht, sie beide mit gleichem Respekt zu behandeln, die unterschiedlichen Realitäten, in denen sie leben, gleichermassen zu respektieren und zu gewichten. Das war mir sehr wichtig.

Sehen Sie sich als einen jüdischen Autor?

Mir ging es in erster Linie um die jüdische Akzeptanz von negativen Bildern, die absorbiert und als jüdisches Konzept weitergesponnen werden. Jeder wird sagen, es gibt eine jüdische Nase, aber das stimmt nicht, so etwas gibt es gar nicht. Wir verzichten alle in vielfältiger Weise auf Macht, die wir tatsächlich haben, zum Beispiel in politischer Hinsicht. Wenn wir etwa paranoide Angst vor einer Regierung haben, fangen wir an, uns selbst zu zensieren. Wenn eine Regierung uns terrorisiert, nehmen wir ihr eine Menge Arbeit ab, indem wir uns selbst terrorisieren. Ich sehe mich nicht als jüdischen Schriftsteller. Ich erzähle nur meine Geschichten. So bin ich eben aufgewachsen, in einem orthodoxen Umfeld. So sehe ich die Dinge. Ich würde nie schreiben, ich sehe einen Juden auf der Strasse, ich würde nur betonen, wenn es sich dabei nicht um einen handeln würde. Ich würde nie etwas akzentuieren, was für mich so natürlich ist. Ich sehe das nicht als eine jüdische Geschichte, sondern als die Geschichte einer Familie, die in Argentinien lebt. Buenos Aires sehe ich dabei als fiktionalen Ort. Meine Protagonisten sind halt jüdisch, was sollen sie auch sonst sein. Für mich sind das einfach Menschen. In meine Geschichte sind viele Dinge eingewoben, die jüdisch sind, aber auch solche, die nur jemand aus Argentinien verstehen würde, weil sie tief in der Geschichte dieses Landes verwurzelt sind. Das ist mein Job, meine Aufgabe als Schriftsteller, etwas Universelles zu schreiben und darin überzeugend zu sein.

Mit Patos' Verschwinden wollte ich zeigen, dass Mord eine Form ist, die Realität auszulöschen und damit nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und die Zukunft zu tilgen. Über den «schmutzigen Krieg», über den ich geschrieben habe, gibt es keine Erinnerungsmonumente, weil er in den Köpfen der Menschen in Argentinien immer noch nicht vorbei ist.

Ist es für Sie etwas Besonderes, Ihr Buch hier in Deutschland vorzustellen?

Für mich ist das eine ganz spezielle Erfahrung, mein Buch jenseits des Ozeans vorzustellen. Man hört und sieht hier alles anders. Ich gehe nach Italien und lese vor 800 Leuten, die nicht zur jüdischen Bevölkerung Manhattans zählen, das sind eben nur Italiener. Sie sind alle gekommen, um meine Geschichte zu hören. Das gibt mir sehr viel.

Glauben Sie, in Deutschland kommen auch so viele zu Ihren Lesungen?

Das weiss ich nicht. Es wäre schön, aber wenn ich mir anfange vorzustellen, was in meinem Leben alles schief gehen kann, komme ich nie zu einem Ende. Schön an Übersetzungen ist, dass sie einem das Gefühl von Grenzenlosigkeit geben. Ich habe es wahnsinnig genossen, in Oslo zu lesen. Es ist ein sehr reines Gefühl. Es gefällt mir, wenn meine rumänische oder türkische Ausgabe erscheint. Es fühlt sich sehr romantisch an, dass eine Idee in andere Sprachen übersetzt werden kann. Die meisten meiner Lieblingsbücher sind Übersetzungen. Ich liebe die russische Literatur, ich liebe auch Thomas Mann und Kafka, Camus und viele andere. Ich liebe den Gedanken, dass das Buch auch an anderen Orten lebt.

Wie kommt eigentlich ein so erfolgreicher, junger Autor wie Sie dazu, sich so intensiv mit dem Tod zu beschäftigen?

Als ich in Israel lebte, war der Tod ein sehr dominantes Thema, weil viele Menschen aus unsinnigen Gründen sterben mussten. Ich weiss nicht, warum das Thema in meinem Buch so zentral ist. Es ist seltsam, nach all den Jahren, in denen es entstanden ist, plötzlich aussen zu stehen und von der anderen Seite darüber nachzudenken. Das einzige, was ich mit Bestimmtheit weiss, ist, dass ich genau diese Geschichte erzählen musste. Die Obsessionen haben sich gewandelt. Mein erstes Buch war viel witziger, oder auch nur anders, aber Humor spielt auch in meinem Roman eine wesentliche Rolle. So funktioniert die Welt. Ich denke, wir alle scherzen, auch in unseren traurigsten Stunden. Nur so können wir überleben.

Interview: Susanne Simon

Nathan Englander: «Das Ministerium für besondere Fälle». Luchterhand Verlag, München 2008.