Nur Geist und Gottesglaube sind von Dauer
Für viele Juden beginnt mit der Zerstörung des Tempels die Zeit der zwangsweisen Deportation und Zerstreuung in alle Welt. Den im Lande Zurückbleibenden wird von Roms Gnaden eine gewisse interne Autonomie zugebilligt. Das Synhedrion, die geistig-religiöse Repräsentanz, bleibt erhalten, auch wenn es nicht mehr in Jerusalem tagen darf. Die Römer wollen den Juden beweisen, dass ihr Kampf um die politische Unabhängigkeit zu Ende ist. Die Besiegten sehen die Dinge anders. Ihr Widerstandswille ist ungebrochen. Nur eine grosse Schlacht, nicht der Krieg ist für sie verloren. Männer wie Rabbi Jochanan ben Sakkai, Rabban Gamliel II und Rabbi Akiwa bestärken das Volk im Vertrauen auf eine bessere Zukunft. Sie mobilisieren alle Kräfte für den Widerstand und die letzte Entscheidung.
Der Sternensohn
Diese Entscheidung kommt. Im Jahre 132 bricht die offene Revolte aus. In Jerusalem will Kaiser Hadrian auf den Trümmern der zerstörten jüdischen Metropole eine neue Stadt bauen: Aelia Capitolina. Auf dem Tempelplatz soll ein heidnischer Tempel stehen. Wo es um den Glauben geht, kennen die Juden keine Kompromisse. Sie greifen zu den Waffen. An ihrer Spitze steht ein bis anhin kaum bekannter Mann: SimonBar Kosiba. Rabbi Akiwa glaubt, in ihm den verheissenen Messias aus der Davidsdynastie zu erkennen und nennt ihn mit dem Ehrentitel: Bar Kochba, Sternensohn.
Drei Jahre dauert der äusserst hart geführte Krieg. Nach anfänglichen Erfolgen der Juden siegen die römischen Legionäre. Die Verluste auf beiden Seiten sind schrecklich. Bei der Verteidigung von Betar, der letzten Bergfestung etwa 10 km südwestlich von Jerusalem, findet Bar Kochba den Tod. Die Entscheidung ist gefallen. Nach Bar Kochba hat es nie mehr einen offenen Kampf gegen die Römer gegeben. Militärisch hat das kleine Israel verloren. Nicht mehr Judäa nennen die Feinde sein Land, sondern Syria Palaestina, nach den Philistern, die 1000 Jahre früher die Mittelmeerküsten besiedelt hatten. Von den Juden wollen sie keine Notiz mehr nehmen. Der Kaiser erkennt, dass auf den Sieg der Waffen der Sieg der römischen Religion und Kultur folgen muss. Solange die Juden an ihren eigenen Gottesvorstellungen festhalten können, werden sie nie zu guten Vasallen. Daher erlässt Hadrian eine Reihe von Massnahmen gegen den jüdischen Kult. Die Beschneidung wird bei Androhung der Todesstrafe verboten. Wer die Torah öffentlich lehrt, riskiert Kopf und Kragen. Eines der ersten Opfer ist Rabbi Akiwa, der desillusionierte Verkünder des Messias. Er stirbt den Märtyrertod, und 13 der angesehensten Weisen werden getötet.
Der Optimismus wird siegen
Die Römer machen aber die Rechnung ohne den Wirt. Sie kennen die Juden offensichtlich nicht gründlich genug. Ihr Glaube an den einzigen Gott lässt sie nicht resignieren. Mochten sie über Sinn oder Unsinn eines offenen Kampfes gegen das mächtige Rom auch unterschiedlicher Meinung gewesen sein, jetzt sind die Differenzen überwunden. Israel muss überleben, und es wird überleben. Auch Rom wird, wie einst die Assyrer und Babylonier, die Perser und die Griechen, von der Weltbühne abtreten. Die unverbesserlichen Optimisten sollten recht behalten. Die Besiegten überdauern die Grossmacht.
Vor einigen Jahren begeht ein Israeli eine kleine kulturelle Schandtat. Auf dem alten römischen Marktplatz ritzt er in den Titusbogen grosshebräische Buchstaben. Nicht etwa die Lettern seines Namens. Nein, weithin sichtbar steht auf dem Symbol des Triumphes über die geschlagenen Juden: Am Jisrael Chaj, das Volk Israel lebt. Rund 1840 Jahre nach dem, wie die Römer glaubten, definitiven Ende jüdischer Eigenstaatlichkeit kommt ein Bürger der wiedererstandenen Medinat Israel und zeigt jedem, der es wissen will: Wir sind noch da, wir sind wieder ganz dabei. Der Schalk hätte sich für seine stille Demonstration keinen besseren Ort aussuchen können, auch wenn die Hüter antiker Sehenswürdigkeiten sein Tun missbilligen. Am Jisrael Chaj, das Volk Israel lebt. Von Bar Kochba, dem Krieger, und Rabbi Akiwa, dem Weisen, sprechen wir heute noch. Während des ganzen Jahres, vor allem aber an Lag Baomer, dem Freudentag, der dieses Jahr in der Nacht des 22. Mai beginnt. Omerzeit heissen die sieben Wochen zwischen Pessach und Schawuot. Lag Baomer ist der 33. Tag dieser Epoche. Kalendarisch fällt er auf den 18. Tag des Monats Ijar. Bei Einbruch der Dunkelheit werden überall in Israel grosse Feuer entzündet, um die Kinder und Jugendliche stundenlang herumtanzen. Am Tage selber üben sich viele in sportlichen Wettkämpfen, vor allem im Bogenschiessen, auch wenn die meisten den Grund des Brauches nicht mehr kennen. Im Talmud heisst es: «12000 Schülerpaare hatte Rabbi Akiwa... und alle starben in einem bestimmten Zeitabschnitt» in den Wochen zwischen Pessach und Schawuot. Zusatznotiz: Alles starben eines bösen Todes. Deshalb werden, so sagen spätere Bücher, in der Omerzeit Trauerbräuche beachtet. Manche Juden lassen sich die Barthaare wachsen und besuchen keine festlichen Veranstaltungen. Insbesondere werden keine Hochzeiten arrangiert. Doch an Lag Baomer treten zahllose Brautpaare unter den Baldachin, und die Trauer ist unterbrochen. An Lag Baomer nämlich hat das seltsame Massensterben aufgehört, wie es im 13. Jahrhundert Rabbi Menachem Me’iri aus Frankreicher klärt. Nicht ganz klar ist dabei zunächst, weshalb am 33. Tag die Gefahr vorüber gewesen sein soll, nachdem der Talmud von sieben Wochen, also von 49 Tagen spricht. Was jedoch deutlich hervorsticht, ist das Motiv für die Trauer. Der «böse Tod», der die Schüler heimsucht, ist kaum einer schlimmen Seuche zuzuschreiben. Diese Schüler sind nämlich identisch mit den Partisanen Bar Kochbas. Sie sterben nicht im Bett, sondern auf dem Schlachtfeld. Ihnen zu Ehren führt die israelische Jugend, ohne dass sie es immer weiss, die Pfeil- und Bogenspiele durch. Zugleich wird jetzt der Sinn der Lagerfeuer verständlich. Sie weisen auf jene Feuerzeichen auf den Bergkuppeln hin, mit denen einst wichtige militärische Botschaften von Ort zu Ort signalisiert worden sind.
Lag Baomer ist allerdings nicht bloss ein Erinnerungstag für Rabbi Akiwa und Bar Kochba. Am Vorabend reisen Chassidim und viele orientalische Juden zum kleinen Ort Meron in der Nähe von Safed in Galiläa. Am Grab des Rabbi Schimon Bar Jochai verbringen sie die ganze Nacht in Gebet und Meditation, mit Gesang und Gruppentanz. Das Grab selbst ist wegen der vielen von den Gläubigen entzündeten Erinnerungskerzen in eine einzige Flamme gehüllt. Rabbi Schimon Bar Jochai, dessen Todestag am Lag Baomer ist, gilt als Verfasser des Sohar, des Hauptwerkes der jüdischen Mystik. Allerdings erst seit dem 14. Jahrhundert, und die wissenschaftliche Forschung hat diese Autorschaft bestritten. Das ändert freilich nichts daran, dass alljährlich an Lag Baomer die Hilula, das Freudenfest, zu seinen Ehren begangen wird. Schimon Bar Jochai war einer der Schüler Rabbi Akiwas. Wenn von seinem Leben und Wirken auch nicht allzu viel bekannt ist, so steht fest, dass er ganz im Geiste seines Lehrers engagiert gegen Rom aufgetreten ist. Bei einer Diskussion sagte jemand zugunsten der Römer: «Bedenkt, wie viel Vortreffliches man den Römern zu verdanken hat. Sie haben die städtischen Plätze renoviert, Brücken gebaut und wohleingerichtete Bäder angelegt». Rabbi Schimon entgegnete: «Was sie geleistet haben, geschah in ihrem eigenen Interesse. Sie haben die Marktplätze verschönert, um dort Dirnen zur Schau zu stellen, sie richteten Bäder ein, um sich körperlichen Vergnügungen hinzugeben. Brücken bauten sie, um von den Reisenden Zölle zu erheben.» DieKritik kommt den Behörden zu Ohren. Rabbi Schimon muss fliehen und versteckt sich mit seinem Sohn 12 Jahre lang in einer Höhle. Eine nahe Quelle und ein Johannisbrotbaum bieten ihm Trank und Speise. Nach dieser Zeit unfreiwilligen Exils kehrt er zurück und kann in den Heilbädern von Tiberias seine angeschlagene Gesundheit wiederherstellen. Die Ereignisse des Lag Baomer, der Kampf gegen Rom und die heidnische Glaubenswelt gehören längst vergangenen Epochen an. Das Brauchtum freilich ist lebendig geblieben. Lagerfeuer und Wettspiele, die Pilgerfahrt nach Meron und die Erzählungen von Bar Kochba, Rabbi Akiwa und Rabbi Schimon Bar Jochai geben diesem Tag ein besonderes Gepräge. Sie bestärken den kleinen israelischen David zu jeder Zeit, dass auch Goliaths Macht zerbröckelt und im letzten nicht die Waffen, sondern nur Geist und Gottesglaube von Dauer sind.