Nur Erster sein ist gut genug

von Gabrielle Rothschild, May 28, 2009
Er sammelt Yachten und Flugzeuge, ist ein Frauenheld, und beim America’s Cup gehört sein Team zu den Favoriten. Gemeint ist Larry Ellison, der kalifornische Software-Tycoon.
MILLIARDÄR LARRY ELLISON Der Sportfanatiker und Frauenliebhaber gehört zu den erfolgreichsten Computerpionieren im Silicon Valley

Mit seinem weltweit zweitgrössten Software-Unternehmen Oracle zählt der als exzentrisch geltende Milliardär Larry Ellison zu den erfolgreichsten Computerpionieren von Silicon Valley. Im Gegensatz zu seinem grössten Konkurrenten Bill Gates, der aus einer wohlhabenden Anwaltsfamilie stammt, musste sich Larry Ellison seinen Weg nach ganz oben hart erkämpfen. Und mög-
licherweise, so schrieb das Magazin «Vanity Fair» kürzlich, ist seine schwere Kindheit der Grund für sein ständiges Bemühen, immer im Mittelpunkt zu stehen.
Lawrence Joseph Ellison, genannt Larry, wurde am 17. August 1944 in der Bronx geboren. Da ihn seine Mutter Florence im Alter von 19 Jahren als uneheliches Kind zur Welt brachte und weder für ihn sorgen konnte noch wollte, gab sie ihn mit neun Monaten zu ihren Verwandten nach Chicago. Dort wurde er von seiner Tante Lilian und deren Ehemann Louis Ellison in bewusst jüdischer Tradition erzogen. Während seines Studiums der Naturwissenschaften glänzte er stets durch hervorragende Leistungen. Doch als seine Tante Lilian 1966 starb, sein Onkel daraufhin zu trinken begann und ihn als Versager beschimpfte, fiel er in eine tiefe Depression und verliess die Hochschule ohne Abschluss. Mit seinem letzten ersparten Geld kaufte er sich ein türkisfarbenes Cabrio und fuhr nach Berkeley in Kalifornien, wo er seine Computerkenntnisse erweiterte. Damals hatte er noch nichts von dem stilvollen, weltgewandten Milliardär, zu dem er später werden sollte. Er ernährte sich hauptsächlich von Teigwaren mit Käse, und an der Tankstelle konnte er gerade so viel einfüllen, wie das Kleingeld in seiner Tasche hergab. In dieser Zeit lernte er das jüdische Mädchen Adda Quinn kennen, die er bereits nach zwei Monaten heiratete. Zu Beginn ihrer Ehe arbeitete er für mehrere grosse Konzerne als Programmierer, während Adda als Lehrerin tätig war. Sie lebten in einer Einzimmerwohnung, vor deren Fenster Alufolie hing, damit Ellison nach seinen Nachtschichten tagsüber schlafen konnte. Er lebte damals über seine Verhältnisse: Obgleich beide nur 1600 Dollar im Monat verdienten, leistete er sich das teuerste Fahrrad, liess sich seine Nase von einem renommierten Schönheitschirurgen in Beverly Hills korrigieren und gestattete sich ausgiebige Diners in Nobelrestaurants. «Er hatte einen Champagnergeschmack, aber leider nur ein Bierbudget», erinnert sich Adda Quinn noch heute. Schliesslich wurden ihr die Eskapaden ihres Ehemannes zu viel und sie liess sich nach fünf Jahren scheiden.

Die Wall Street liebte das Genie

Damals arbeitete Ellison bei der Firma Ampex und entwickelte für die CIA ein komplexes Datenbanksystem, das unter dem Geheimcode Oracle firmierte. Nach ihm benannte Ellison sein eigenes Unternehmen, die Oracle Corporation, die er 1977 mit Bob Miner gründete, kurz nach der Heirat mit seiner zweite Frau Elisabeth Wheller. Die Firma basierte auf einem Stammkapital von nur 2000 Dollar und brachte eine eigene Software auf den Markt, die begabte Programmierer und junge, aggressive Vertreter verkauften. Der eigentliche Erfolg der Firma ist aber auf Ellison selber zurückzuführen. Als wahres Marketing-Genie war er nicht nur schlau und unermüdlich, ein Schnellredner und ein noch schnellerer Denker, sondern auch bereit, fast alles zu behaupten, damit die Leute an ihn und sein Produkt glaubten. In diesen Tagen enttäuschte er viele Kunden, indem er Produkte lieferte, die stets weniger boten, als er versprochen hatte. Andererseits war seine Datenbanksoftware gerade gut genug, dass die Kunden zurückkehrten. Nach und nach schaffte es die Software von Oracle, die Behauptungen ihres Firmenchefs zu erfüllen. Mit Larry Ellison am Steuer konnte das Unternehmen in den ersten zwölf Jahren seinen Umsatz Jahr für Jahr verdoppeln, und an der Wall Street liebte man das Genie mit der grossen Klappe. Bis zum September 1990. Qualität und Service hatten unter der arroganten Geschäftsführung gelitten, der Umsatz war zurückgegangen. Zudem hatten kreative Buchhalter fiktive Bestellungen und Einnahmen verbucht, um das Minus zu stopfen, was schliesslich zum freien Fall der Aktie an der Börse führte.
Im japanischen Garten seiner Villa fasste Ellison den Entschluss, nicht aufzugeben, sondern von vorne anzufangen; ihm gelang das stärkste Comeback in der Geschichte der neuen Technologien. Verträge mit Grossfirmen wie American Airlines, Pacific Bell, Ford, British Telecom, Intel und Kellogg trieben den Umsatz 1996 auf 4,2 Milliarden und den Profit auf über 600 Millionen Dollar, und auch der Wert der Firma stieg auf 28 Milliarden Dollar.

Spektakuläre öffentliche Auftritte

Heute produziert und vertreibt Oracle Corporation mit über 70 000 Mitarbeitern in 145 Ländern und einem Unsatz von 22,4 Milliarden Dollar jährlich nicht nur das Datenbankprodukt Oracle Database, sondern ist auch im Markt für Unternehmenslösungen stark vertreten.
Anders als Bill Gates ist Larry Ellison kein blasser Strebertyp. Er lebt ganz nach dem Grundsatz: Selbst auf dem zweiten Platz ist man ein Verlierer. Mit der gleichen Lust, mit der er seine beruflichen Ziele verfolgt, geniesst er sein Leben sowie spektakuläre öffentliche Auftritte. Als er, kurz nach seiner Scheidung von Elisabeth Wheller, bei Amerikas beliebtester Talkmasterin Oprah Winfrey auftrat, um seinen NC-Computer vorzustellen, endete das Gespräch mit dem Geständnis, dass er als einsamer Junggeselle noch nicht die Frau seines Lebens gefunden hätte. Tatsächlich fand er bald darauf seine dritte Ehefrau, Barbara Boothe, heiratete sie 1982 und wurde 1983 Vater seines Sohnes David, drei Jahre später der Tochter Margret Elizabeth. Allerdings scheiterte auch diese Ehe nach einigen Jahren. Seit 2003 ist er mit seiner vierten Frau, der bekannten Buchautorin Melanie Craft, verheiratet.
Vielleicht ist die Kürze seiner Ehen und Beziehungen darauf zurückzuführen, dass der viertreichste Mann der Welt, mit einem Vermögen von 22 Milliarden Dollar, ein leidenschaftlicher Sportfreak ist. Als Ellison mit der 24 Meter langen Segeljacht Sayonara die Regatta von Miami bis Montego Bay in Jamaika mit vier Stunden Vorsprung gewann, schwang er sich siegestrunken in seinen Jet und attackierte, vor Vergnügen jauchzend, seine Verfolgerboote aus der Luft. Lediglich den heiss geliebten sowjetischen Jetfighter vom Typ MIG-29 durfte sich der Tycoon nicht kaufen. Die US-Zollbehörden betrachten das Flugzeug als Waffe. Also kaufte er sich eine italienische Marchetti, die er selbst fliegt, da er natürlich die vorgeschriebene Ausbildung dazu absolviert hat. Nur einmal musste Larry Ellison eine für ihn schmerzliche Niederlage akzeptieren: Als er 2001 seine ersten Schritte im America’s Cup machte, verlor er im Final des Louis Vuitton Cup gegen Alinghi. Mittlerweile stehen die beiden Milliardäre, Ernesto Bertarelli und Larry Ellison, im Rechtsstreit. Aber wie gewohnt wird Ellison mit allen Mitteln versuchen, diesen für sich zu gewinnen.