Nur eine Minderheit will Alija machen
Interessante Ergebnisse offenbart eine kürzlich veröffentlichten Studie «Identity à la Carte», die sich mit Dingen wie der jüdischen Identität, Zugehörigkeit und Teilnahme am jüdischen Leben in der Zeit nach dem Kommunismus befasst. Marcelo Dimentstein, Direktor des Internationalen Zentrums für Gemeindeentwicklung des American Jewish Joint Distribution Committee (JDC), der die Studie in Auftrag gegeben hat, meint dazu: «Die wichtigste Erkenntnis für die postkommunistische Generation ist die Tatsache, dass das Judentum nicht länger ein Stigma ist, das es zu verbergen gilt. Die Generation ist vielmehr stolz auf ihr Judesein und empfindet es als positiv.»Bei der in den Jahren 2008 bis 2009 von führenden Demografen durchgeführten Arbeit handelt es sich um die umfassendste und am tiefsten gehende vergleichende Untersuchung von Leben und Gewohnheiten von Juden in Zentraleuropa seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor über 20 Jahren. Man kann von einer europäischen Version des alle zehn Jahre in den USA ausgeführten National Jewish Population Survey sprechen. Die europäische Identitätsstudie konzentrierte sich auf jüdische Erwachsene in fünf Staaten, die nach dem Kommunismus eine jüdische Renaissance erlebt haben: Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien und Lettland.
Hilfreiche Forschung
Oberste Zielsetzung war es nach Aussage der Verfasser des Berichts, in Zentraleuropa aktiven jüdischen Gemeinden und Organisationen zu helfen, zu denen auch das JDC gehört. «Es ist sehr wichtig», sagte der ungarische Soziologe Andás Kovács, Koordinator der Studie, «dass eine jüdische Organisation realistische Daten bekommt und sich mit der Realität befassen kann, in welcher sie zu arbeiten hat». Luciana Friedman, Präsidentin der jüdischen Gemeinde im rumänischen Temeswar: «Als angewandte Forschung wird die Studie unsere Politik und Programme bereichern und mit Informationen versehen.» Die Arbeit konzentrierte sich auf verschiedene Schlüsselbereiche wie religiöse Observanz, jüdische Identität, Antisemitismus, Israel, jüdisches Wissen und Zugehörigkeit zu Organisationen. Die Demografen befragten 1270 Juden im Alter von 18 bis 60 Jahren in urbanen Zentren, wo die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung zu leben pflegt. Persönliche Interviews wurden aufgrund eines allen Ländern gemeinsamen Fragebogens durchgeführt. Für alle fünf Staaten mit einer jüdischen Bevölkerung von 5000 (Bulgarien) bis 100 000 (Ungarn) Menschen galten identische Kriterien und Terminologien.
Starke jüdische Identität
Die Resultate der Studie sind in einem über 200 Seiten starken, mit Grafiken und Analysen gespickten Bericht zusammengefasst, der klare Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern offenbart. Einige der Resultate bestätigen bekannte Vermutungen, wonach Juden einen höheren Bildungsstand und einen besseren Lebensstandard haben als ihre nicht jüdischen Mitbürger. Andere Ergebnisse wiederum stellen Vorurteile in Frage. In
allen Staaten erklärten die Interviewten, die jüdische Identität sei ihnen heute wichtiger als noch in ihrer Jugend. In diesem Sinne antworteten 81 Prozent in Polen, 73 Prozent in Ungarn, 66 Prozent in Bulgarien sowie 63 beziehungsweise 62 Prozent in Rumänien und Lettland. Rund ein Fünftel der Befragten gab zu Protokoll, ihre jüdische Abstammung sei ihnen in ihrer Kindheit verborgen worden. Mindestens ein Drittel der Juden in den untersuchten Ländern – in Polen und Rumänien waren es sogar mehr als die Hälfte – erklärte, heute mehr im jüdischen Leben engagiert zu sein als noch vor fünf Jahren. Zwischen einem Viertel und einem Drittel unterstrichen ihren Willen, in Zukunft aktiver jüdisch engagiert zu sein. Angesichts des unterschiedlichen Hintergrunds der Teilnehmer an der Studie bezeichnete Dimentstein die Stärke der jüdischen Identität als «recht überraschend». In allen fünf untersuchten Staaten spielt die religiöse Observanz eine klar sekundäre Rolle verglichen mit kulturellen, gesellschaftlichen, erzieherischen und anderen nicht religiösen Gemeindeaktivitäten. Dazu heisst es im Bericht: «Eine Mehrheit der Befragten in jedem Land bestätigt die Ansicht, wonach jemand ein guter Jude sein könne, ohne am organisierten jüdischen Leben teilzuhaben.» In jedem Land, Ungarn ausgenommen, wurde Israels Rolle als Identitätsfaktor von mehr als der Hälfte der Interviewten als «bedeutungsvoll» ein-gestuft. 85 Prozent sind bereits in Israel gewesen, 66 Prozent gar mehrere Male. Trotzdem fassen nur 15 bis 22 Prozent eine Einwaderung nach Israel ernsthaft ins Auge.
Antisemitismus und Europa
In allen Ländern verursacht der Antisemitismus Sorge, doch hält dies die Juden in den untersuchten Staaten nicht davon ab, ihre jüdische Identität zu formen. Nur in Ungarn erwartet laut der Studie eine Mehrheit der Befragten eine wesentliche Zunahme des Antisemitismus. In Polen dagegen erklärte fast die Hälfte, sie würden mit einem Rückgang dieses Phänomens rechnen.Die meisten der Befragten waren der Ansicht, europäische Juden würden sich «wesentlich» von Juden in Israel und den USA unterscheiden. Die Äusserung, Europa sei heute ein «sicherer Platz für Juden», wurde in Ungarn von 77, in Bulgarien von 67, in Rumänien von 61, in Polen von 59 und in Lettland von 57 Prozent der Befragten bestätigt. Für die Forscher war es kein Problem, in Lettland und Ungarn mit Juden Kontakt aufzunehmen, die keiner Gemeindestruktur angehörten. In Polen und Rumänien hingegen war dieses Unterfangen schon viel schwieriger. «Diese Leute haben keinerlei Verbindungen zu den jüdischen Gemeinden», sagte Kovács. Programme, die sich an nicht organisierte Juden richten, könnten in Zukunft daher mit «extremen Schwierigkeiten» konfrontiert sein.