Nonkonformistische Kunst in Russland

March 18, 2010
Der sowjetische Staat machte Kunst und Kultur für seinen Machtapparat dienstbar. Opportun war der «Sozialistische Realismus», subversiv die Abweichung davon. Kunst bis 1989 zeugt von Systemtreue, aber die «Zweite Avantgarde» auch von kritischer Haltung unterdrückter Künstler in einer multiethnischen Diktatur.
DAS TOR ZUM WESTEN GEÖFFNET Ilya Kabakovs Installation «Landscape with pots» an der Art Basel 1994

Von Katja Behling

Als «Horde farbespritzender Brüllaffen» beschimpfte die Kritik die Künstler und den Galeristen beim Ersten Deutschen Herbstsalon 1913 in Herwarth Waldens Berliner Galerie «Der Sturm». Unter den geschmähten Künstlern waren die Russen Marc Chagall, Natalia Gontscharowa, Michail Larionow, Wassily Kandinsky, Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky (vgl. auch Artikel über Pavel Feinstein, S. 16). Radikal abstrakt malende Künstler der russischen Avantgarde prägten in den zwanziger Jahren das Kunstleben nicht nur in Russland. Anschliessend entwickelte sich eine kühle Genremalerei, die «Neue sowjetische Bildlichkeit». Ab 1932 wurde das kreative Potenzial zunehmend gegängelt und auf das Gleis der ideologischen Propaganda im Sinne des «Sozialistischen Realismus» gelenkt.

Die russische Avantgarde wurzelt im vorrevolutionären Russland, fusst also auf der traditionellen Volkskunst des Russischen Reiches, der Ikonenmalerei, auf Einflüssen der orthodoxen Kirche – und des Judentums. Die intellektuelle und kulturelle Unruhe zu Beginn des Jahrhunderts stand für die Möglichkeit, sich, nun frei von zaristischer Zensur, von sozialen und ästhetischen Zwängen der Vergangenheit zu befreien. Die Avantgardisten und ihre abstrakte Kunst führten Russland in die Moderne. Maler wie Wassily Kandinsky und Pavel Filonov sowie Gontscharowa, Larionow und Tatlin beeinflussten die Kunst des 20. Jahrhunderts in hohem Masse – allen voran Kazimir Malevic mit seinen schwarzen Quadraten. Die tonangebende Avantgarde hatte sich um 1930 beinahe überlebt, als mit dem Dekret «Über den Umbau der literarisch-künstlerischen Organisatoren» 1932 die staatliche Einflussnahme durch das Zentralkomitee der KPdSU zementiert wurde. Man forderte von den Künstlern eine «wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung». Und diese Wahrheitstreue und historische Konkretheit hatte zudem mit den Aufgaben der «ideologischen Umformung und Erziehung der Werktätigen im Geiste des Sozialismus» in Einklang zu stehen.

Totalitäre Systeme machten – und machen – Kunst und Kultur für ihren Machtapparat dienstbar. Freie Kunst heisst freies Denken, und dies begründet die Angst vor ihr. Zwei Striche oder ein Quadrat zu malen und als Bild zu präsentieren, zeugt von Fantasie, Mut und freiem Denken: Wohl deshalb hatten und haben die Diktatoren Angst vor der freien Kunst. Dass die sowjetischen Bürger in den fünfziger bis siebziger Jahren, der Zeit nach Stalins Tod, immer noch Kommunisten sein und nicht aufbegehren sollten, bereitete den Boden für die Nonkonformisten.

Zweite Avantgarde

Moskau, Ort der Migration, erlebte im vorigen Jahrhundert künstlerische Avantgarden und deren Missachtung, geistigen Aufbruch und Restriktionen des Totalitarismus, von Deutschland entfesselte Weltkriege und das durch die Judenverfolgung ausgelöste Leid. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust prägte auch das Werk des russisch-jüdischen Künstlers Marc Chagall, einer der bedeutendsten Maler des vorigen Jahrhunderts. Die russische Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (1955–1988) gilt als «Zweite Avantgarde». Ihre Vertreter verschrieben sich einem Kunstschaffen jenseits der allein opportunen Richtung des «Sozrealismus». Der Bruch mit der Linientreue vollzog sich Mitte der fünfziger Jahre, ausgehend von einem Kreis von Künstlern, die jeglichem Kollektivismus abgeneigt waren – in der Kunst wie im Leben. Bis zum Tauwetter im Zuge von Gorbatschows Perestroika war die inoffizielle Avantgarde der Künstler gezwungen, ausserhalb der offiziellen Institutionen zu arbeiten.

Sie konnten nur versteckt agieren, nur in Privatwohnungen ausstellen. Aus diesem marginalen Status heraus entstanden innovative Merkmale – formal wie inhaltlich. Vieles konnte nur vorsichtig angedeutet werden, war erst auf den zweiten Blick sinnbeladen: Die Kunst der Auslegung war, anders als in westlicher Freiheit, in einer Welt omnipräsenten ideologischen Diktats von besonderer Bedeutung. Aus den Werken spricht die Angst vor einem bedrohlichen Feind, und die gebräuchlichste Metapher ist «Leere». Im Bereich des Erlaubten und Legalen wiederum war das Beste auf irgendeine Weise «naiv-infantil», heisst es in dem Buch «Kunst im Verborgenen», das die nonkonformistische Kunst in Russland in den Jahren 1957 bis 1995 beleuchtet. Grenzübertretungen konnten liberale Künstler sich höchstens unter dem Deckmantel kindlicher Ausgelassenheit erlauben. Übermütiger Individualismus kratzte am glatten, strengen Bild des staatlich verordneten Stils, man schmuggelte ein paar gemässigt giftige Pfeile oder Scherze gegen die offizielle Ideologie ins Werk. Auf die Gräueltaten vor allem des Stalin-Regimes, das ungezählte Intellektuelle und Andersdenkende verschwinden liess und liquidierte, und auf generelle staatliche Unterdrückung versuchten die Kulturschaffenden eine künstlerische Antwort zu finden. Nicht aber eine stilistisch einheitliche Sprache. Der künstlerischen Zitate gab es viele: expressive, surrealistische, symbolbefrachtete. Die Nonkonformisten einte die Tatsache, ihre Randexistenz in einen Vorteil gewandelt, aus der Not eine Tugend gemacht zu haben. Und anders als das träge Establishment der Kunstszene war die inoffizielle Kunst dynamisch und mobil, was ihr ermöglichte, im Zeitraffer von nur 20 Jahren die Entwicklung von der Moderne bis zum postmodernen Konzeptualismus zu durchlaufen.

Von der Muse zur Perestroika

In der offiziellen Sowjet-Kunst unerwünscht waren Einflüsse aus der Welt jenseits des Eisernen Vorhangs. Doch Entwicklungen wie die sexuelle Revolution und der durch sie ausgelöste Kulturumbruch im Westen schlugen sich auch in der russischen Kunst nieder. So schuf Vadim Sidur in den sechziger Jahren eine an Picassos Stil erinnernde Filzstiftzeichnung eines nackten Mutter-Kind-Paares sowie eine Reihe von freizügigen Werken mit dem Titel «Lovers». Eine Richtung des Nonkonformismus der siebziger Jahre war die «Soz Art», die Ideen und Methoden der Pop Art umdeutete, um die ideologischen Ikonen des Kommunismus zu entzaubern. Ilya Kabakov parodierte die offizielle Sowjetkunst. Sergei Volokhov schuf eine Reihe hochsymbolischer Bilder mit dem Titel «Russland». Der geblähte Leib der am Boden liegenden Figur scheint zum Zerreissen gespannt: Das System geht an sich selbst zugrunde. Die Unterdrückung Andersdenkender durch das Regime thematisierte 1978 Vladimir Yakovlev in seinem «Portrait im Profil»: Der Kopf der Figur ist umfangen von einem Helm, der Mund mit einem Kreuz durchgestrichen: Denken und Sprechen ist offensichtlich nicht erwünscht. Und im 1981 entstandenen, realistisch gemalten Bild «Stalin und die Musen» von Komar & Melamid knicksen die Musen der Künste vor dem mächtigen Despoten mit seiner majestätischen Aura.

Erik Bulatov gilt als «Künstler der Perestroika», dessen Werke den ökonomischen und politischen Wandel der Sowjetunion antizipierten. Er steht mit Arbeiten wie «Perestroika» von 1989 und dem ein Jahr später entstandenen Werk «Liberté» für den Umbruch in der UdSSR. Auch der jüdische Künstler Ilya Kabakov und seine Partnerin Emilia Kabakov sowie Yuri Dyshlenko und Dimitri Prigov gehörten zu denen, die schon in den Jahren vor Glasnost halfen, das Tor zum Westen zu öffnen. In einem 1988 entstandenen Gemälde von Dimitri Plotkin gerieren sich Sowjet-Soldaten einer russischen Mutter und ihrem Baby gegenüber als die titelgebenden «Verteidiger der Heimat». Allerdings steht dem einen Uniformierten der Tod in Form eines Schädelskelettes ins Gesicht geschrieben und das seines Kameraden ist geschminkt wie das Antlitz eines Clowns: Verteidiger? In seinem Ölgemälde «Aufgeblühter Stab» bedient sich Lev Kropivnitsky 1989 der Symbolik aus dem Reich der Märchen: Eine Fee mit Zauberstab scheint – im Jahr des Mauerfalls – ein Wunder vollbracht zu haben. Und ebenfalls 1989 sah auch der Moskauer Konzeptualist Eduard Gorokhovsky blühende Zeiten voraus: Sein Aquarell «Hammer, Sichel und Blumen» verbindet Silhouetten modern-westlicher Frauen mit rosaroten Sowjet-Symbolen. Leonid Sokov stellte 1990 westliche und östliche Ikonen einander gegenüber.

Er lässt «Marilyn Monroe und Stalin» einander zuprosten. Wie eine Zeitungsannonce ist das 1993 entstandene Acrylgemälde «Space For Rent» von Alexander Kosolapov gestaltet: Unter Hammer und Sichel ist es leer geworden. In einem späteren Werk setzt Kosolapov einen der grössten russischen Künstler in kritische Beziehung zu Insignien und Werten des Westens: «Malevic Sold Here» ist zu lesen – was war aus der Utopie der Avantgardisten geworden, aus der Idee einer neuen Gesellschaftsordnung mit spiritueller Freiheit? Der Untergang der UdSSR hatte den Schlusspunkt auch unter die Epoche der «Zweiten Avantgarde» gesetzt.

Sammler

Der existenziellen Bedrohung der Künstler in ihrer Heimat konnte man am besten entgegentreten, indem man sie und ihre Werke im westlichen Ausland bekannt machte. Ohne Chance, subversive Arbeiten im eigenen Land zeigen zu können, gelangte Nonkonformisten-Kunst auf verschlungenen Wegen in den Westen. Dort wurde sie teils noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs ausgestellt. Das Ehepaar Irene und Peter Ludwig gehörte in den siebziger Jahren zu den ersten Sammlern, die die Entwicklung zeitgenössischer Kunstaktivität in der poststalinistischen Sowjetunion verfolgten. Von ihnen zusammengetragene Werke sind etwa im Ludwig-Museum Köln zu sehen, das sich dem Sammlungsschwerpunkt «Russische Avantgarde im 20. Jahrhundert» verschrieben hat. Der 1925 in Berlin geborene Fabrikant und Kunstsammler Dieter Rosenkranz und seine Frau Si haben sich unter anderem auf den russischen Avantgardisten El Lissitzky verlegt. Auch das Sammler-Paar Gera engagierte sich einflussreich für die sowjetische Kunst. Kenda Bar-Gera wuchs in Lodz in einer orthodoxen jüdischen Familie auf. Sie und ihr 2003 verstorbener Mann Jacob waren selbst Verfolgte beziehungsweise Holocaust-Überlebende: Ghetto in Lodz, Auschwitz, Arbeitslager in Niederschlesien, nach der Befreiung durch die Rote Armee Ausreise nach Palästina. 1963 zog das Paar nach Köln, wo Kenda Bar-Gera sich in den folgenden Jahren den Ruf einer international anerkannten Kunstexpertin erwarb. Sie sammelte Werke verfolgter jüdischer und nicht jüdischer Künstler, darunter Felix Nussbaum und Vertreter der Bauhaus-Schule. «Möglicherweise war hier der tatsächliche Hintergrund, dass ich selbst ein Kind der Verfolgung bin», erklärte sie in einem Interview ihre Motivation. In der israelischen Stadt Ashdod wurde 2003 das weltweit erste Internationale Museum für verfolgte Kunst und Künstler gegründet. Grundstock der dortigen Bestände ist die Sammlung russischer Kunstobjekte von Nonkonformisten aus der Zeit von 1955 bis 1988 aus dem Besitz des Ehepaars Bar-Gera. Das Engagement des Sammlerpaares trug massgeblich dazu bei, dass jüdische und nicht jüdische russische Künstler wie Kabakov, Bulatov oder Stejnberg internationale Anerkennung fanden, lange bevor die Perestroika die vehemente Repression der Kunstszene in der Sowjetunion beendete.

Postsowjetische Kunst

Nach dem Untergang der Sowjetunion 1991 hat sich die Kunstszene in Russland, speziell in Moskau, sehr gewandelt. Das bislang isolierte Land integrierte sich in die internationale Szene. Viele Künstler, die unter kommunistischer Herrschaft Dissidenten gewesen waren, inspirierten ihrerseits ihre Künstlerkollegen und die zeitgenössische Malerei. In Russland entstand, wie einem Nachholbedürfnis gehorchend, viel Konzeptkunst nach westlichem Vorbild. Hatte sich die russische Kunst lange praktisch ohne westliche Impulse entwickelt, war der Einfluss vor allem amerikanischer und europäischer Kunst nach 1991 umso grösser. Neue Ausdrucksformen wie Installationen, Performances, Happenings stülpten sich über die russische Kulturlandschaft und belebten die vielen neu gegründeten Moskauer Galerien. Diese stürmische Entwicklung faszinierte und beunruhigte zugleich: Wo blieb dabei die russische Identität? Und das technische Niveau? Denn in Osteuropa ausgebildete Künstler lernten – als Folge des Ideals der «harten Arbeit» – ihr Malhandwerk zumeist traditionell und von der Pike auf, während im auch in dieser Hinsicht liberaleren freien Westen die Losung galt: «Jeder ist ein Künstler». Kurz: Ging der abrupte Wandel in der postsowjetischen Kunstszene auf Kosten der Kunst?

Seit den neunziger Jahren sind viele der Nonkonformisten, die sich auf einer schmalen Gratwanderung zwischen Linientreue, offiziellem Funktionieren und innerer Distanzierung vom Regime befanden, in bedeutenden Museen Europas und den USA präsentiert worden. Einige der Künstler, von denen manche schon lange ausserhalb Russlands leben, hat sich der westliche Kunstmarkt sehr erfolgreich einverleibt, darunter Ilya Kabakov, Erik Bulatov, Grisha Bruskin. Andere sind Aussenseiter geblieben. Weiter zu entdecken wären etwa Wladimir Jakowlew oder Waleri Jurlow. Arbeiten von den jüdischen Künstlern Michael Grobmann, Vitali Stessin und Wladimir Jakowlew sowie von Eduard Gorokhovsky, Lew Kropiwnizkij, Wladimir Nemuchin, Viktor Pivovarov, Michail Schwarzman, Boris Smertin, Eduard Stejnberg und Tschujkow sowie Jankilewski wurden von bedeutenden Museen international mit Retrospektiven gewürdigt. Grisha Bruskin ist einer von denen, die das jüdische Erbe in der russischen Kunst heute repräsentieren. Geboren 1945 in Moskau, thematisierte Bruskin die sozialistische Arbeitswelt seiner Kindheit. Seine Themen: der Kommunismus und die Entfremdung des Einzelnen von der Gesellschaft. Relativ spät erst fand er zur Auseinandersetzung mit dem Judentum. Bruskin gestaltete auf Einladung der Bundesregierung als künstlerischer Repräsentant der sowjetischen Siegermacht das Triptychon «Leben über Alles» für den Bundestag in Berlin.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs rissen sich Sammler um die in Abschottung entstandenen Werke. Speziell der Realismus, die figürliche Malerei, die sich auch in der DDR («Leipziger Schule») auf ganz eigene Weise weiterentwickelt hat, erlebt derzeit weltweit eine neue Blüte. Wenn Ordnungen und Übersichtlichkeit verloren gehen, scheint das Bedürfnis grösser zu sein, die Wirklichkeit wenigstens im Bild festzuhalten, sich dessen zu versichern, was existiert. Auch und gerade in Zeiten digitaler Manipulierbarkeit ist der Mensch offenbar gewillt, den Bildern zu vertrauen. Die Möglichkeiten fotorealistischer Perfektionierung am Computer scheint neue Ansprüche an hypergenaue Darstellung auch in der Malerei sogar zu verstärken. Realismus gilt dementsprechend mittlerweile als Oberbegriff für eine bestimmte Weltsicht. Zumal die Übertreibungen eines politisch motivierten Realismus, wie es der sozialistische war, überwunden sind. ●

Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.