Nonchalant und arrogant
Es sind alte Wunden, die wieder aufgerissen werden. Wer damals dabei war, wird die heulende Sirene nie vergessen, die die Menschen am höchsten Feiertag beim Beten in den Synagogen erreichte. In dieser Woche jährte sich der Jom-Kippur-Krieg, der am 6. Oktober 1973 das Land und vor allem seine Führungseliten derartig überraschte, dass man sich danach noch lange mit den Ursachen der fatalen Fehleinschätzung beschäftigten sollte.
Anlässlich des 37. Jahrestags hat nun das israelische Staatsarchiv die Protokolle der Kabinettssitzungen zur Veröffentlichung freigeben. Die Dokumente enthüllen die militärischen und diplomatischen Versuche, die – quasi im letzten Moment – nur wenige Stunden vor Kriegsbeginn unternommen wurden. Wirklich neue Fakten tauchen dabei nicht auf, doch irritieren, milde gesagt, die Nonchalance und Arroganz mancher Entscheidungsträger. Im Zentrum der Kritik steht der damalige Verteidigungsminister Moshe Dayan, der bislang – auch dank seiner eigenen Darstellungen etwa in seiner Autobiografie – relativ ungeschoren aus dem Kriegsdebakel hervorgegangen war. Der berühmte Kriegsheld mit der Augenklappe, schon zu Lebzeiten in Israel zur Legende geworden, präsentierte sich der Öffentlichkeit im Nachhinein als ein Mann, der in diesen schweren Stunden keinesfalls verzweifelte, sondern mit Skepsis und Realitätssinn reagierte. Tatsache ist, dass Dayan noch wenige Stunden vor dem arabischen Angriff von einer Mobilisierung der Reservisten abgeraten hatte. «Wenn die Dinge sich verschlimmern, und es Feuer gibt, dann würde ich alle einberufen», riet Dayan während der 80-minütigen Lagebesprechung um acht Uhr morgens. Er wollte das Land «nicht in Kampfstimmung bringen». Er dachte auch an die internationalen Reaktionen, die eine Mobilisierung hervorrufen könnte. «Eine totale Mobilisierung noch bevor ein Schuss gefallen ist – da werden sie gleich sagen, dass wir die Aggressoren sind.»
Israel war unvorbereitet
Ministerpräsidentin Golda Meir aber entschied anders und berief 200 000 Reservesoldaten ein, auch gegen die Einschätzung des Chef des militärischen Nachrichtendiensts Eli Zeira, der immer noch im Glauben verharrte, dass Ägyptens Präsident Anwar Sadat keinen weiteren Krieg mit Israel anfangen würde. Aus den Dokumenten geht hervor, wie wenig die israelische Führung von der Schlagkraft der arabischen Armeen hielt und wie selbstsicher sie – im Vorfeld – auf die vermeintliche Übermacht des eigenen Militärs setzte. «Sie wissen, dass sie verlieren werden», sagte Zeira, «und Sadat ist nicht in der Lage, Krieg zu führen.»
Als dann der Sturm über das Land losbrach, herrschte zumindest in den ersten Tagen das Gefühl, dass man den Kampf – und damit das ganze Land – gegen die feindlichen Truppen verlieren könnte, wenn es nicht bald gelänge, das Ruder herumzureissen. Moshe Dayan jedenfalls verfiel zunächst in tiefen Pessimismus, was er später nur ungern zugab. Fakt ist: Israel war unvorbereitet gewesen: Während die ägyptischen Truppen gleich zu Beginn im Süden relativ ungehindert über den Suezkanal stürmten, griffen im Norden die Syrer mit Artilleriefeuer und aus der Luft an. Zugleich drangen die ersten von 1400 syrischen Panzer über die auf die (von Israel besetzten) Golanhöhen und hielten Kurs auf das nordisraelische Kernland. Das Undenkbare war passiert: Ägyptische und syrische Soldaten, die es nach israelischer Logik nie wagen würden, sich mit Israel anzulegen, steuerten auf das Herz Israels zu – und niemand stand ihnen im Weg.
Ein hoher Preis
Der Preis, den Israel nach 21 Tagen für seinen bitteren Sieg bezahlen musste, war hoch: 2550 tote Soldaten und 7500 zum Teil Schwerstverletzte. Als die Verhandlungen über einen Waffenstillstand begannen, standen Dayans Armeecorps nicht nur vor Kairo, sondern auch 70 Kilometer vor Damaskus – in Artillerie-Entfernung. In den Protokollen ist dokumentiert, daß der Verteidigungsminister sich beim Kampf wenig um das Ethos der Armee scherte, der es zur obersten Pflicht macht, verwundete Soldaten vor der Kriegsgefangenschaft zu bewahren. «Wen wir retten können, den retten wir, wen nicht, der muss zurückbleiben», lautete Dayans Order. Leben sollten deshalb nicht riskiert werden.
Tagelang hat man nun in Israel über die Kälte diskutiert, mit der solche Sätze ausgesprochen wurden. Sie mag der ernsten Lage oder dem schieren Pragmatismus geschuldet sein, aber die Veröffentlichung der Protokolle hat manche Wunden wieder aufgerissen. Eitan Haber, damals Armeereporter, ruft den grandiosen Vertrauensverlust in die Führung in Erinnerung, der mit dem Debakel des Jom-Kippur-Kriegs verbunden ist. Bis heute sei er verfolgt von den Geschichten der Soldaten auf dem Feld, die ausbaden mussten, was die Verantwortlichen des Landes mit verschuldet hatten.
Lügen auf Kommando
Die Protokolle bestätigen, dass es durchaus eine Nachrichtenquelle gab, die Israel mit glaubwürdigen Informationen über einen umittelbaren arabischen Angriff versorgte. Die damalige Führung jedoch entschied sich, diese zu ignorieren. Eine Aussage des damaligen Generalstabschefs David Elazar gibt auch Aufschluss darüber, wie man sich in Sachen Informationspolitik gegenüber der Bevölkerung zu verhalten gedachte. «Wenn es kleinere Gefechte gibt, sagen wir die Wahrheit, aber in Kriegszeiten dürfen wir die Wahrheit nicht sagen.»
Avner Shilo, einstiger Büroleiter des Generalstabschefs, plädiert nun für mehr Milde bei der Beurteilung der Verantwortlichen. Man müsse vor allem den Kontext verstehen. So habe Dayan zu diesem Zeitpunkt längst an Einfluss verloren und seine Erklärungen «waren weder Befehle noch Anweisungen, sondern einfach Dinge, die er geäussert hat. (...) Der Generalstabschef hat den Krieg mit Stabilität und Vertrauen gemanagt und schliesslich zum Sieg geführt.» Die Führung sei sehr stabil gewesen und weder Elazar noch Golda Meir hätten das Vertrauen verloren. Meir habe sich an Elazar gehalten und nicht an den überaus pessimistischem Dayan, «der die Landkarte nicht korrekt gelesen hatte».
«Warum tut es uns so weh, wenn jetzt die Rolle Moshe Dayans neu belichtet wird?», fragte die diplomatische Korrespondentin des ersten Fernsehkanals, Ayalah Hasson. Sie gab dann auch gleich die Antwort: «Weil es sich um jemanden handelt, der zum Mythos und nationalen Helden hochgelobt wurde.»
Dayans Sohn Assi verteidigte seinen Vater. «Pessimismus lag in seinen Adern, er war bis zu einem gewissen Grad ein Zyniker. Er war unglaublich schockiert von der Zahl der Toten und dem Überraschungsangriff.»
Die Stärke des Feindes unterschätzt
Dass er das auch zugab, steht ebenfalls in den Protokollen. Es handelt sich um ein Eingeständnis wenige Tage nach Kriegsausbruch, das die Öffentlichkeit so allerdings bisher noch nicht erreicht hat. «Ich habe die Stärke des Feindes und seine Kampfkraft nicht hoch genug eingeschätzt», heisst es da. Und: «Ich habe auch übertrieben, was die Schlagkraft unserer Truppen angeht und ihre Fähigkeit, mit einem Anschlag fertig zu werden. Die Araber sind viel bessere Kämpfer als bisher. Sie haben viele Waffen zu ihrer Verfügung.» Was das von Dayan bis dato gerne wiederholte Klischee von «Qualität versus Quantität» anging, bemerkte er: «Die Quantität der Waffen (der Araber) ist offensichtlich.» Der qualitative Vorteil Israels könne dieser Masse nicht wiederstehen. In den hiesigen Medien debattierte man über relevante Lehren, die aus den Protokollen für das heutige Israel zu ziehen wären. Für Eitan Haber, den damaligen Armeereporter und späteren engen Berater von Ministerpräsident Itzhak Rabin, ist es vor allem die Erkenntnis, dass militärische Macht ihre Beschränkungen habe.