«Niemand kann mehr sagen, es wäre nicht geschehen»

Interview Wilfried Weinke, February 3, 2011
Peter Hess, in Hamburg lebender Kunstsammler, ist Initiator der Verlegung von sogenannten Stolpersteinen in Hamburg. Es ist seinem Enthusiasmus, seiner Direktheit und seiner Ziel­strebigkeit zu verdanken, dass in der Hansestadt bereits mehr als 3000 dieser kleinen Gedenksteine verlegt werden konnten. Der aufbau traf den stets gepflegt gekleideten, rede­gewandten, fröhlichen Peter Hess in der Lobby eines Hamburger Hotels, um mit ihm über sein Engagement für diese spezielle Form deutschen Gedenkens zu sprechen.
Evelyn Karlsberg aus Edinburgh bei der Setzung eines Stolpersteins für ihre in Auschwitz ermordete Grossmutter Ilse Karlsberg



aufbau: Seit wann beschäftigen Sie sich mit sogenannten Stolpersteinen?
peter hess: Seit 2001. Ich sass damals im Berliner Café Einstein und las in einer Kunstzeitschrift einen Artikel, der sich mit Gunter Demnig beschäftigte. Ich kannte ihn aus der Ferne, er war mir als politischer Künstler bekannt, ich hatte mich aber bis dahin nicht richtig mit ihm beschäftigt. In diesem Artikel wurden nun die «Stolpersteine» erwähnt. Ich las, dass er in Köln ohne behördliche Genehmigung die ersten Steine verlegt hatte. In der Folge gab es grossen Ärger. Und da habe ich sofort gedacht, dass dies eine ganz wichtige Aktion ist. Und diese Aktion wollte ich nach Hamburg bringen.

Sie sind ja kein «professioneller Erinnerungsarbeiter», kein Historiker, kein Publizist. Was ist Ihr beruflicher Hintergrund? Können Sie die Motive Ihres Engagements benennen?
Keine leichte Frage. Ich stamme aus einer Kaufmannsfamilie, aber diesen Beruf habe ich nur kurz ausgeübt. Ich habe mich immer viel mehr mit Kunst und Geschichte beschäftigt, Kunst in allen Bereichen, bildender Kunst, mit Musik, mit Theater und Literatur. Ich sammle selber Kunst, arbeite zum Beispiel auch mit der hiesigen Kunsthalle zusammen. Ich habe natürlich immer die deutsche Geschichte im Kopf, weil meine Eltern, speziell mein Vater, Nationalsozialisten waren. Und Sie wissen es selbst, man konnte sich damals, als junger Mensch in den fünfziger und sechziger Jahren, mit den Eltern nicht über das «Dritte Reich», den Nationalsozialismus, unterhalten. Ich bin hier in Hamburg aufgewachsen. Wenn man sich damals für jüdische Geschichte interessierte, war es schwer, an Informationen zu gelangen. Wahrscheinlich sollte auch nichts mehr an die jüdische Geschichte erinnern, man wollte es zudecken, hat wohl auch geglaubt, dass erledigt sich von selbst. Als ich mich dann mit diesen Stolpersteinen beschäftigte, habe ich mir vorgestellt, dass, wenn eines Tages Tausende von diesen Steinen verlegt sind, niemand mehr sagen kann, es wäre nicht geschehen.

Wie kam es zu der Verlegung von «Stolpersteinen» in Hamburg?
Ich habe Gunter Demnig in Köln angerufen, damals habe ich ihn noch gesiezt, und gefragt, was ich tun müsse, um solche Stolpersteine in Hamburg verlegen lassen zu können. Er hat mir gesagt, dass ich eine Genehmigung von einer Behörde, am besten vom Tiefbauamt, einholen müsse. Erste Schreiben an das Tiefbauamt blieben unbeantwortet, erst als ich persönlich vorstellig wurde, hat man sich bequemt, mir auf meine Anfrage zu antworten. Allerdings wiederum mit einer Auflage: Ich sollte durch ein Ingenieurbüro nachweisen lassen, dass diese Stolpersteine rutschfest sind. Ich habe mich von dieser brüskierenden Auskunft aber nicht einschüchtern lassen, sondern mein Anliegen in der Bezirksversammlung meines Stadtteils erneut vorgebracht. Trotz aller Widerstände von der damaligen Schill-Partei und Teilen der CDU erhielt ich die Unterstützung des damaligen Bezirksamtleiters, der in namentlicher Abstimmung über meinen Antrag zur Verlegung entscheiden liess. So erhielt ich zuerst die Genehmigung für den Bezirk Eimsbüttel. Erst später kam es dann zur generellen Unterstützung des Vorhabens durch den ehemaligen Ersten Bürgermeister Ole von Beust.

Wie gelang der Sprung von der privaten zur öffentlichen Initiative?
Ich stand ja völlig am Anfang, ich hatte keine Namen von Ermordeten, keine Adressen. Zudem musste ich ein Konto einrichten, um den Paten – eine Patenschaft für einen «Stolperstein» kostete damals 75 Euro – eine Spendenquittung ausstellen zu können. Nun bin ich ganz und gar kein «Vereinsmeier», ich bin und arbeite lieber unabhängig. Und in dieser Situation kamen mir meine Kontakte zur Hamburger Kultur- und Theaterszene zugute. Ich kannte Ulrich Waller und Ulrich Tukur, die damals die Hamburger Kammerspiele leiteten und die in dem Gebäude agierten, das bis zur zwangsweisen Schliessung das Haus des ehemaligen Jüdischen Kulturbundes Hamburg gewesen ist. Beide waren sofort von der Idee der «Stolpersteine» begeistert, ein Konto sollte bei den Kammerspielen für die «Stolpersteine» eingerichtet werden. Und um die Aktion publik zu machen, organisierten beide im Februar 2002 eine Matinee, zu der – für mich überraschend und erstaunlich – sehr, sehr viele Menschen kamen. So fing es an, erste Patenschaften wurden übernommen, durch diese Matinee beachtete auch die Hamburger Presse diese Aktion.

Kann man den Kreis der Paten charakterisieren? Wer übernimmt solche Patenschaften? Gibt es Widerstände gegen die Verlegung der Stolpersteine?
Ja, durchaus, von einer Minderheit kam wiederholt starke Ablehnung, vor allem aus Häusern, die Vorfahren der jetzigen Besitzer zu günstigen Preisen von den Verfolgten erworben haben. Oftmals handelte es sich um Zwangsverkäufe unter dem tatsächlichen Wert. Wir erlebten regelrechte Beschimpfungen. Das hätte ich so nicht erwartet, weil Hamburger sonst eigentlich reserviert reagieren und zurückhaltend sind. Man kann dies aber auch als besondere Qualität der «Stolpersteine» ansehen, weil es so zu Auseinandersetzungen, zu Dialogen kommt, die es sonst in dieser Form nicht gäbe. Da es aber zahlreiche weitere Patenschaften aus allen Teilen der Bevölkerung gibt, wird Gunter Demnig bald den 4000. Stolperstein in Hamburg verlegen können.

Durch diese Stolpersteine wird die Stadt, werden seine Bewohner ja auch an das schwärzeste Kapitel der Stadtgeschichte erinnert. Artikuliert sich der Protest gegen die Verlegung von «Stopersteinen» in offener Form?
Ja, durchaus. Ich habe Anrufe erhalten, ob denn diese Verlegung der «Stolpersteine» sein müsse. Und ich habe erlebt, dass selbst bei der Verlegung Anwohner aus dem Haus kamen und gegen die Verlegung protestierten.

Vergleicht man Hamburg mit anderen deutschen Städten, so fällt auf, dass die Stadt mit einer hohen Zahl – mittlerweile sind es 3474 «Stolpersteine» – positiv hervorsticht. In München sieht es ganz anders aus: Die dortige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Charlotte Knobloch lehnt eine Verlegung von «Stolpersteinen» vehement ab. Eine Haltung, der sich der Münchner Stadtrat angeschlossen hat. Ist diese Ablehnung für Sie nachvollziehbar?
Ich habe das persönliche Gespräch mit Frau Knobloch gesucht. Sie hat mir gegenüber betont, dass es für sie eine fürchterliche Vorstellung wäre, wenn diese Steine zum Beispiel von Skinheads mit Füssen getreten würden. Worauf ich ihr gesagt habe, dass diese Steine ja keineswegs Grabsteine seien, vielmehr symbolische Steinsetzungen. Ich habe ihr gegenüber darauf hingewiesen, dass es auch sehr viele Angehörige ehemaliger jüdischer Bürger Münchens gibt, die wenigstens auf diese Weise an ihre ermordeten Angehörigen erinnert wollen, für die es in vielen Fällen weder ein Grab noch einen anderen Ort der Erinnerung gibt. Es ist für mich übrigens eine der stärksten Erfahrungen, in welcher Weise diese «Stolpersteine» zu andauernden Auseinandersetzungen mit unserer Geschichte animiert haben.

Was sind für Sie die wichtigsten Aspekte Ihrer Initiative?
Mich persönlich berührt am stärksten die Reaktion der Angehörigen, die für ihre ermordeten Familienmitglieder «Stolpersteine» setzen lassen. Sie kommen aus aller Welt, und wir weihen dann gemeinsam die Steine ein. Für die Angehörigen ist es gut zu wissen, dass heutige Hamburger Bürger Patenschaften übernommen haben und wenigstens auf diese Weise die Namen der Opfer darauf hinweisen, dass sie in unserer Nachbarschaft gelebt haben.    ●

Wilfried Weinke ist Journalist und lebt in Hamburg.
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