Nichts zu entschuldigen
In der autorisierten Biografie des Journalisten Markus Somm über Christoph Blocher ist ein Kapitel in den Rezensionen unbeachtet geblieben: «Kampf um die Geschichte», knapp 28 Seiten von rund 530. Es handelt von der sogenannten Holocaust-Debatte, in der Christoph Blocher die Meinung an den Stammtischen beherrschte.
Akurat, gut informiert und recherchiert stellt der Autor die Turbulenzen der Jahre dar, die den Zürcher Nationalrat Blocher in weiten Teilen der Bevölkerung, vor allem der grauhaarigen, so beliebt machten wie sein Kampf gegen den Europäischen Wirtschaftsraum und die EU. Der Erfolg war allerdings nur verbal und emotional. Nur eine einzige Abstimmungsschlacht gewann Blocher, jene gegen die von einem beratungsresistenten Bundesrat plump und unbeholfen ins Rennen geschickte Solidaritätsstiftung, die eigentlich eine prima Idee gewesen war, aber zur falschen Zeit mit falscher Wortwahl lanciert wurde. Dennoch gilt Blocher bis heute als der einzige Politiker, der die Schweiz mannhaft gegen die amerikanischen Vorwürfe der Komplizenschaft mit den Nazis verteidigte.
Ein aussenpolitisches Desaster
Natürlich beginnt das Kapitel mit dem denkwürdigen und atmosphärisch phänomenal missratenen Mittagessen, das die Schweizerische Bankiervereinigung für Edgar Bronfman, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, und seine Entourage an einer der nobelsten, aber dennoch dem New Yorker Milliardär kärglich erscheinenden Adresse gab, in der Grande Société, die nur Angehörigen der adeligen Bernburger offen steht.
Diese edle Geste hätte man Bronfman, Israel Singer und Avraham Burg erklären müssen, wären sie nicht mit ungebührlicher Verspätung erschienen, weil Michael Kohn sie vorher noch zu Bundespräsident und Finanzminister Kaspar Villiger führen wollte. Somm, damals stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche», in der er wöchentlich einen innenpolitischen Kommentar rechts der Mitte publizierte, fand es so amüsant wie alle anderen, die es wussten, dass Bronfman sich schrecklich ärgerte, weil auf der Tischkarte sein Name mit zwei «n» stand, um dann freilich in seinen Erinnerungen ebenfalls Namen jenes Tages falsch zu schreiben (Villager statt Villiger).
Treffsicher skizziert Somm den Weg der Schweiz ins aussenpolitische Desaster, über renitente Schweizer Banken, die Erben von ermordeten Kontoinhabern nach dem Krieg ihr Guthaben nicht aushändigen wollten, und die oberflächlichen Suchaktionen, die hie und da ein paar Milliönchen zutage förderten, bis zu den ersten Zeitungsartikeln des Jahres 1995, mit happigsten Vorwürfen, was die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg betraf.
Ein bitteres Kapitel
Die Hilflosigkeit, das Unverständnis und die Borniertheit der offiziellen Schweiz gegenüber den jüdischen Anliegen ist gut getroffen. «Schattenaussenminister» Ernst Mühlemann, Thurgauer Nationalrat und Brigadier, sagte dem Autor, es sei das «bitterste Kapitel, wo ich mir selber grosse Vorwürfe mache», und das will etwas heissen. «Wenn ich zurückdenke», wird Mühlemann auf Seite 331 zitiert, «dann muss ich feststellen: Wir haben alle versagt. Der Bundesrat, wir Parlamentarier, mich eingeschlossen. Der Einzige, der gehandelt hat, war Blocher – natürlich nicht als Aussenpolitiker, sondern als Innenpolitiker.»
Auch Blocher wachte nicht rechtzeitig auf. Aber dann stellte er sich an die Spitze der wackeren Kämpen, die eine Schweiz verteidigten, die als einziges europäisches Land wehrhaft und unversehrt den Krieg überstanden überstand. Allerdings ist es nicht richtig, wenn Somm behauptet, sozusagen über Nacht hätten sich «die Linken» daran gemacht, «die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg umzudeuten». Linke Historiker hatten die rechte Sicht der Dinge schon lange vorher publiziert.
Nichts zu entschuldigen
Der Wendepunkt, schreibt Somm, kam in der Aula des Zürcher Gymnasiums Rämibühl, wo der Historiker und SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli an der Maturafeier von Christoph Blochers jüngster Tochter ein Referat hielt. Nacher habe der Universitätsprofessor dem erfolgreichen Unternehmer gesagt, jetzt müsse er etwas sagen. Daraus wurde eine Rede, die unter dem Titel «Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg. Eine Klarstellung» wie eine Bombe einschlug. Gegen 2000 Leute wollten sie im März 1997 im Zürcher Hotel International in Oerlikon hören. Blitzartig stieg Blocher zum Helden derjenigen auf, die schon immer das Gleiche dachten, aber nicht hatten artikulieren können – vor allem in der Aktivdienstgeneration.
Blocher, der die Rede laut Somm elfmal um- und in den Winterferien in Arosa fertigschrieb, während Mörgeli den wissenschaftlichen Unterbau und den Fussnotenapparat lieferte, verschwieg nicht, dass «einzelne Entscheide falsch, das Verhalten einzelner Personen damals fragwürdig und anpasserisch war», aber insgesamt verdiene die damalige Schweiz Respekt, Hochachtung und Bewunderung, hier gebe es nichts zu entschuldigen. Als antisemitisch wurde es Blocher ausgelegt, dass er ausführte, eigentlich gehe es nicht um Moral, sondern um Geld. Gegen die nur ganz leicht verkürzte Wiedergabe dieses Gedankens als Schlagzeile im «Sonntagsblick» klagte Blocher und verlor. Somm schreibt sogar über die Rolle des damaligen NZZ-Redaktors Max Frenkel, der die Rede auf Wunsch von Blocher auf Ausdrücke durchsah, die Juden beleidigen könnten, aber er rügt nicht, dass Frenkel dann trotzdem darüber schrieb, ohne den Sachverhalt aufzuzeigen.
Auschwitz in der Schweiz?
Drei Monate zuvor hatte der abtretende Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz in einem Interview in zwei welschen Zeitungen Ähnliches gesagt, nur hatte er gröber von Erpressung und Lösegeldforderungen gesprochen. Auch er wollte sich
eigentlich dafür nicht entschuldigen. Endgültig räumt Somm mit den Vorwürfen auf, die beiden bösen Worte seien vom Taskforce-Chef Thomas Borer in einem internen Memo genannt worden. Laut Somm schrieb der heutige Chef des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes und damalige Staatssekretär Jakob Kellenberger, der auf Wunsch von Borer das Memo vervielfältigen und an die Bundesräte verteilen musste, einen Satz mit diesen Ausdrücken auf das Deckblatt.
In diesem Interview sagte Delamuraz zudem, manchmal habe er das Gefühl, Auschwitz liege in der Schweiz. Diesen Zusammenhang thematisiert Somm nicht, wenn er über den Schriftsteller Adolf Muschg herzieht, der ein dünnes Büchlein mit eben diesem Titel publizierte. Seither, schreibt Somm, seien die Intellektuellen die Feinde von Blocher, die sich über seine Abwahl als Bundesrat gefreut hätten.
Als Bundespräsident Arnold Koller in eine von Borer geschriebene Grundsatzrede vor der vereinigten Bundesversammlung ohne Wissen des Taskforce-Chefs eine Passage über eine Solidaritätsstiftung (angeregt vom damaligen Nationalbankchef Hans Meyer) vortrug, die aus Verkäufen eines Teils der Goldreserven geöffnet werden und humanitär verteilt werden sollte, durchaus auch an Opfer des Holocaust, stürmte Blocher wütend aus dem Nationalratssaal und bellte in alle Mikrofone und Kameras, jetzt habe der Bundesrat den Kopf völlig verloren. Er bekämpfte die Abstimmung mit einer eigenen, die verlangte, das Nationalbankgold solle der AHV zufliessen. Beide Abstimmungen gingen verloren, aber die eine hatte Blocher gewonnen, diejenige gegen die Solidaritätsstiftung. Und er gilt im Rückblick als der Politiker, der die Position der heilen Schweizer Mythen gegen alle Fakten am Leuchten hielt.