Nicht reflektiert, sondern verdrängt
Auf dem «Hasenberg» ob Bremgarten/Aargau liegt ein Ferienheim. In den zwanziger Jahren wurde es von Badener «Stadtkindern» bewohnt, die in der guten Landluft mit kräftiger Nahrung aufgepäppelt werden sollten. Ab 1938 aber war das Heim eines der rund 80 im Kanton Aargau bestehenden dauernd oder vorübergehend benutzten Flüchtlingslager. Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hatte es für die Unterbringung jüdischer Flüchtlinge gemietet. Der zeitweilige Leiter des Heims, der engagierte Badener Lehrer und spätere sozialdemokratische Mentor des Aargauer Grossen Rates Albert Räber, beschrieb in den «Badener Neujahrsblättern» von 1977, wie die zumeist jüdischen Flüchtlingen nur unter Aufsicht und auf festgelegten Routen ausgehen konnten und wie sie von der Bremgarter Ortswehr bewacht werden mussten. Sie seien «Ausgestossene» gewesen, schrieb Räber. Die Bremgarter Bevölkerung, in der damals wie heute auch eine jüdische Gemeinde bestand (und noch besteht, obzwar selten noch ein Minjan zusammengebracht wird), wollte diese Flüchtlinge nicht in ihrer Nähe haben. Der reformierte Stadtpfarrer von Bremgarten Erich Ölhafen aber besuchte die Flüchtlingsunterkunft - in durchaus kontrollierender Absicht. Im Hasenberg gab es Beanstandungen, die wurden an die zuständigen privaten Hilfswerke weitergeleitet.
Bei einer weiteren Bremgarter Flüchtlingsunterkunft, dem Arbeitslager «Geisshof» an der Reuss, zeigte der Stadtpfarrer die diskriminierende Haltung des dortigen Lagerleiters dem verantwortlichen protestantischen Hilfskomitee zwar an, allerdings eher indirekt und wenig auf Änderungen zielend. Sein zwölfjähriger Sohn (und spätere Aarauer Kantonsschullehrer und EVP-Politiker) Friedrich Ölhafen begleitete den Vater und war traumatisiert: Wie viele Kinder zur Kriegszeit hatte er stets ein Rucksäcklein für eine eventuelle eigene Flucht gepackt neben dem Bett stehen; er lebte fortan in der Angst, selbst auch einmal in einem solchen Lager hausen zu müssen.
Solche konkreten Aargauer Geschichten und Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus und der ersten Nachkriegszeit sind jetzt in einer am Montag vom Aargauer Kirchenrat in einer Erinnerungsfeier zu seinem zweihundertjährigen Bestehen vorgestellten Studie der Historikerin Alexandra Binnenkade nachzulesen. Binnenkade war vor rund zwei Jahren, als sich auch die politische Schweiz endlich zu einer Aufarbeitung ihrer Kriegsgeschichte aufraffte, vom evangelisch-reformierten Kirchenrat des Kantons Aargau mit einer historischen Untersuchung dieser «Sturmzeit» - so ist das Werk betitelt - beauftragt worden. Denn auch die reformierte Kirche im Aargau war 1945 nicht bereit gewesen, sich mit ihrem «Tun und Unterlassen» zur Kriegszeit, auseinanderzusetzen. Verschiedene ihrer Exponenten, machten damals auch im Aargau beim grossen «Reinemachen» mit, das die Mitschuld des Staates und seiner Verantwortlichen verdrängte. Die 1978 vom Historiker Willi Gautschi in seiner «Geschichte des Kantons Aargau» als «Katharsis» bezeichnete Säuberungswelle hatte die einzelnen Täter und extrem rechts politisierenden Mitläufer im Visier und «mistete aus», wo eher Rückbesinnung und selbstkritische Analysen am Platz gewesen wären. Auch der fliessende Übergang von der Nachkriegszeit zum Kalten Krieg, der eine Zuweisung politischer Verantwortlichkeiten aus den Kriegszeiten verunmöglichte, ist in der Aargauer Kirchengeschichte wiederzufinden.
Die Aufarbeitung Binnenkades geht sorgfältig den verschiedenen kirchlichen Strömungen jener Jahre und deren politischer Wirkung nach. Eine politische Wirkung, ja ein explizit politisches Verhalten zur Tagesaktualität waren zwar bei den meisten Kirchenexponenten, Pfarrern wie Kirchenbehörden, verpönt. Gerade dieses Verharren im religiösen Abseits aber war typisch für ein damals verbreitetes politisch abstinentes Verhalten weiter Bevölkerungskreise und hatte natürlich auch politische Auswirkungen. Das Vorwort des Kirchenrats zur «Sturmzeit»-Studie stellt gerade diese Haltung in Frage: «Haben sie (die Kirchen) die Zeichen der Zeit erkannt oder verpasst, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen sind?» Die Frage stellt sich wirklich, und sie stellt sich auch heute angesichts der wieder stärker verbreiteten Fremdenfeindlichkeit und des nicht mehr verborgenen Antisemitismus bei Teilen des Volks und angesichts einer stark ausgrenzenden und verschärften offiziellen schweizerischen Flüchtlingspolitik.
Im kirchenrätlichen Vorwort wird denn auch der Bezug zur Gegenwart gemacht: «Wagen wir heute das Zeugnis der Mitmenschlichkeit oder bleiben wir im ängstlichen Abwägen und Absichern stehen?» Eine Frage, die hier vorsichtig gestellt, aber nicht beantwortet wird. Die Arbeit Alexandra Binnenkades arbeitet zum ersten Mal eine grosse Zahl von kirchengeschichtlichen Quellen und Zeugnissen zu dieser Zeit auf und geht ausführlich auf die bestehende und auf die aktuelle (und teils noch gar nicht publizierte) historische Forschung ein. Sie beschönigt nichts, beschreibt zeittypische Kirchenstrukturen wie deren Verbindungen zu den weltlichen politischen Gefügen. Ohne jede Anklage bezeichnet sie die verschiedenen kirchlichen Repräsentanten und deren teils offene und tatkräftig wirksame, teils ängstliche oder nur auf die eigene religiöse Gruppe beschränkte Haltung. Die karitative Tätigkeit der kirchlichen Hilfswerke und deren religiöse wie praktische Wirkung, aber auch die ideologischen wie faktischen Grenzen dieses als «Mitmenschlichkeit» definierten Tuns werden belegt und kritisch ausgeleuchtet. So bringt diese vom aargauischen evangelisch-reformierten Kirchenrat angeforderte und diesem deshalb auch zu verdankende Studie auf knappem Raum für allgemein am Thema Interessierte wie für Kennerinnen und Kenner des politischen und kirchlichen Aargaus, der Kirchengeschichte und der historischen Erforschung und Diskussion dieser Zeit viele neue historische Einblicke und auch wertvolle Erkenntnisse.
Alexandra Binnenkade: «Sturmzeit». Die Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Aargau zwischen 1933 und 1948. 112 Seiten, illustriert. Verlag hier und jetzt, Baden 1999. 24 Franken.