Nicht ins Zeug schiessen!

Yoel Marcus zur Lage in Israel, May 6, 2011

Im Zweiten Weltkrieg hat die Führung des Jischuw, der jüdischen Gemeinschaft im damaligen Palästina, den Slogan geprägt: «Wir werden Hitler bekämpfen, als ob es kein Weissbuch gäbe, und wir werden das Weissbuch so bekämpfen, als ob es Hitler nicht gäbe». Mit einem Konzept dieser Art konnte aber nur ein Mann vom Format David Ben Gurions aufwarten. Nur eine Führungsperson von seinem Ansehen konnte die Gründung einer Jüdischen Brigade innerhalb der britischen Armee fördern und gleichzeitig dafür sorgen, dass Waffen in Verstecken der Hagana (Vorläuferin der israelischen Armee) verborgen und Pläne für Operationen gegen die britischen Herrscher im Lande ausgetüftelt wurden.

Binyamin Netanyahu ist nicht unbedingt eine Führungsperson vom Kaliber Ben Gurions. Als Premierminister, der bereits einmal kläglich versagt hat, wird er so lange der Situation nicht gerecht, wie um ihn herum alles auseinanderfällt. Einige der Extremisten in seiner unmittelbaren Umgebung sagen: «Welches Glück, dass wir nicht in einer Situation stecken, die den Frieden mit Syrien und den Verlust der Golanhöhen bringen soll. Dann müssten wir das dort entstehende Blutvergiessen absorbieren und würden sowohl den Golan als auch den Frieden verlieren.» Dummes Geschwätz. Obwohl Hosni Mubarak, während Jahrzehnten loyaler Garant des Friedens, abgesetzt worden ist und vielleicht sogar zum Tode verurteilt wird, bleibt der Frieden zwischen den beiden Staaten intakt, und viele glauben, dass er auch weiterhin bestehen wird.

Sogar Amr Mussa, Generalsekretär der Arabischen Liga und nicht unbedingt ein Freund der Israeli, betont immer wieder, der Friede zwischen den beiden Ländern sei im Interesse Ägyptens, egal wer am Nil an der Macht sitze.

Der Ansicht einer Schlüsselfigur im israelischen Kabinett zufolge wird die Regierung nichts tun, falls es zu einer Regelung mit den Palästinensern kommt. Gerade in Jerusalem fürchtet man, dass es nach den Aufständen in Syrien zur palästinensischen Intifada Nummer drei kommen wird, auch wenn Präsident Mahmoud Abbas indirekt verkündet, eine Intifada werde für die Palästinenser nicht gut sein. Ex-Mossadchef Ephraim Halevy betont, es dürfe nicht zu einer «Null-Lösung» kommen. Beim gegenwärtigen Stand der Dinge gibt es zugegebenermassen keine Chance auf eine definitive Lösung, doch beiden Seiten liegt viel an partiellen oder vorübergehenden Vereinbarungen.

Wer den Geschmack des Friedens kennengelernt hat, der geniesst ihn in vollen Zügen. Tatsache ist, dass die Ägypter die Israeli nicht unbedingt mögen und weder kulturelle noch sonst andere enge Beziehungen pflegen wollen, aber durchaus an den israelischen Touristen im Sinai interessiert sind (allerdings viel weniger an israelischen Massen im Herzen von Ägypten). Eine Liebesaffäre anderer Art herrscht, trotz den Kriegen, mit dem jordanischen Königreich. Auch die Jordanier halten nicht viel von einer allzu warmen Umarmung, doch vertrauen sie uns immer noch, dass wir keine Palästinenser an ihrer Grenze im Jordantal ansiedeln.

Ungeachtet der Geschehnisse in unserer Region müssen wir sowohl initiativ als auch grosszügig sein. Andererseits müssen wir sicherstellen, dass die Rückzüge, die man von uns fordert, proportional sind und stufenweise erfolgen. Noch wichtiger ist, dass sie mit soliden internationalen Garantien, vor allem amerikanischen, versehen werden. Unter keinen Umständen sollten wir eine Situation entstehen lassen, in der wir als Hauptverantwortliche für die Blockierung des Fortschritts bezüglich einer Regelung hingestellt werden.

Netanyahus bevorstehende Rede vor beiden Häusern des US-Kongresses muss betonen, dass Israel wirklich bereit ist, für den Frieden Risiken einzugehen – von der Annahme ausgehend, dass auch die Palästinenser sich einsetzen und auch bereit sind, ihrerseits Risiken einzugehen. Man geht davon aus, dass es vor September zu einem Dialog zwischen Obama und Netanyahu kommen wird. Führende Juden in Amerika liessen gegenüber einer zu Besuch weilenden Knessetdelegation durchblicken, sie sollte «Bibi» sagen, er müsse in seiner Rede und in seinen Argumenten guten Willen erkennen lassen. Gleiches gelte auch für Netanyahus Frau Sara, die ihm oft beim Verfassen von Ansprachen hilft.

Es ist nicht an uns, zu entscheiden, welche Art von Regierung Syrien bekommen wird und ob dort eine Demokratie entsteht oder nicht. Als Israel mit Hafez Assad, dem Vater des jetzigen syrischen Präsidenten Bashar Assad, Gespräche führte, war wohl bekannt, dass seine Hände mit dem Blut der 20 000 ermordeten Bewohner von Hama beschmiert waren. Dessen ungeachtet erklärten wir wiederholt in aller Öffentlichkeit, dass wir die Möglichkeit eines Friedens mit Hafez Assad untersuchten. Tatsache ist, dass Syrien sich haargenau an jedes mit Israel unterzeichnete Abkommen hielt. Gleiches gilt auch für Ägypten: Der Friede mit diesem Land hält seit Jahrzehnten. Er beweist, wie sehr Friedensabkommen Kriegen vorzuziehen sind und wie wichtig für Israel die Unterstützung durch die regionalen Grossmächte ist.

Die Versöhnung zwischen Hamas und Fatah ist nicht unbedingt eine negative Entwicklung, wenn die Palästinenser um jeden Preis ein Abkommen haben wollen. Vielmehr schuf die Versöhnung eine Öffnung für eine Initiative Obamas, Ordnung zu schaffen in der Gegend und gleichzeitig den Terrorismus zu neutralisieren.

Unklar ist, warum Netanyahu in Panik geriet und das Ultimatum «entweder Hamas oder Israel» präsentierte. Oder, wie der israelische Kabarettist Uri Zohar es formulierte: «Musste er so ins Zeug schiessen?»  

Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».