Nicht ganz alltäglicher Alltag

von Jacques Ungar, October 9, 2008

Die Feste feiert man bekanntlich wie sie fallen, und so begaben wir uns zusammen mit vielen anderen Geladenen in die Jerusalemer Emek Refaim-Strasse im Süden der Stadt, um in einem hübsch hergerichteten Saal Amichais Barmizwa zu begehen. Alles war, wie es sich gehört. Ein reichhaltiges Buffet, prächtig gedeckte Tische und ohrenbetäubende Musik. Getrennt durch einen Vorhang, tanzten sich Männer und Frauen, Jung und Alt, in die geziemende Feststimmung, während das Servierpersonal seine Arbeit derart lärmig verrichtete, dass es den Musikern beinahe den Rang abgelaufen wäre.
Dass heute in Jerusalem die Feste aber nicht mehr ganz das gleiche sind wie noch vor wenigen Wochen, kam mir schlagartig zum Bewusstsein, als ich auf die Strasse trat, um mir die Beine etwas zu vertreten. «Bumm, bumm, bumm», tönte es bedrohlich nahe und unheilverkündend. Und dann ein zweites, und gleich noch ein drittes Mal. In einem Anflug von verzweifeltem Optimismus blickte ich zum Himmel empor, in der Hoffnung, dort ein herrliches Feuerwerk zu entdecken. Doch effektiv machte ich mir keine Illusionen: Nicht ein Feuerwerk verursachte den Lärm, sondern der schon zur Routine gewordene Schusswechsel zwischen den im kaum 2 Kilometer entfernten Viertel Gilo stationierten IDF-Soldaten und palästinensischen Heckenschützen (diesmal waren es, wie ich später hörte, Polizisten Arafats, die sich in einem christlichen Clubhaus verschanzt hatten) im gegenüberliegenden Bet Jala. Ich hatte übersehen, dass es inzwischen 20 Uhr geworden war, Zeit für die TV-Nachrichten mit ihren Live-Übertragungen vom Ort des Geschehens - Gelegenheit für die Palästinenser, gratis und franko von «Prime Time»-Sendungen des zionistischen Feindes zu profitieren.
Wieder zurück im Saal, stellte ich fest, dass auch dort der Feuerwechsel von Gilo inzwischen zum Haupt-Gesprächsthema an den meisten Tischen geworden war, auch wenn die musikalische Kakophonie, wie es sich für eine echt israelische «Simcha» nun mal gehört, wirkliche Unterhaltungen kaum zuliess. An Orten aber, an denen man mehr oder weniger unter sich ist und sozusagen zu schon Überzeugten predigt, ist das vielleicht sowieso nicht sonderlich wichtig.
Und noch etwas stellte ich fest: Die mobilen Telefonapparate hatten Hochbetrieb. Alleine an meinem Tisch waren deren drei in Aktion. Ein besorgter Vater versuchte, seinen irgendwo in der Westbank Militärdienst leistenden Sohn zu lokalisieren, während einer Mutter gleich zwei Apparate an den Ohren klebten. Links erkundigte sie sich, ob die eine Tochter wohlbehalten in der Bet Jaakow-Schule (religiöses Internat für Mädchen) in der Siedlung X angekommen war, während sie rechts vom Lehrer eines Sohnes wissen wollte, ob der für den nächsten Tag geplante Klassenausflug auch militärisch richtig abgesichert sei. Schwiegen die Telefone einmal für wenige Minuten, erhitzte sich in der Tafelrunde die Diskussion, wobei fast alle den politischen Durchschnittspfad des israelischen Normalverbrauchers dieser Tage beschritten: Nur Arafat kam noch schlechter weg als Premierminister Barak. Was schlecht und zu verurteilen war, wussten alle, Lösungen offerierte niemand.
Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Die Rede des Barmizwa-Jungen war perfekt und das Essen durchschnittlich. Unter dem Tisch war meine kleine Tochter inzwischen fest eingeschlafen - was mir den Vorwand bot, den Anlass frühzeitig zu verlassen. Auf der Heimfahrt hörte ich am Radio, Präsident Moshe Katzav und Gattin hätten beschlossen, zur Hebung der Moral der Einwohner in Gilo zu nächtigen.
Nicht ganz alltäglicher Jerusalemer Fest-Alltag. Traurig, aber wahr.