Nicht alle Fragen beantwortet
Der dieser Tage publizierte Matteoli-Bericht über das Verhalten des Vichy-Regimes gegenüber jüdischem Besitztum im 2. Weltkrieg beantworte nicht alle Fragen, meint der Jüdische Weltkongress (JWK). Vor allem geht es darum, ob die staatlichen Kunstmuseen Frankreichs zugegeben haben, von Juden geraubte Gemälde zu besitzen. Die Kommission erklärt in ihrem Bericht zwar, Frankreich habe bisher das Ausmass «unterschätzt», in welchem Nazi-Deutschland und seine französischen Kollaborateure den im Lande lebenden Juden Geld und Wertsachen entwendet haben. Es wird ein Gesamtbetrag von rund 1,3 Milliarden Dollar genannt. Gleichzeitig jedoch betont der Bericht, über 90 Prozent der Raubgüter seien inzwischen an Überlebende oder deren Erben zurückerstattet worden.
Breit angelegter Rechenschaftsbericht
Kommissionsvorsitzender Jean Matteoli, ein nicht-jüdischer ehemaliger Widerstandskämpfer, der auch im KZ gesessen hatte, nannte es «speziell verwerflich», dass das Vichy-Regime schon 1940 Massnahmen ergriffen habe, die über die Forderungen der Nazis hinausgegangen seien. Das habe man, wie er sagte, im Bericht nicht verbergen wollen. Mit der Veröffentlichung des 3000 Seiten starken Berichts, an dem Historiker und Überlebende mitgearbeitet haben, gelangen die französischen Bemühungen, ihre Rolle im Holocaust darzustellen, zu einem Abschluss. Der Bericht legt Rechenschaft ab über beschlagnahmte Bankkonti und Versicherungspolicen, über konfiszierte Heime, Kunstwerke und Möbel, aber auch über die letzten Besitztümer, die den Juden auf dem Weg in die Todeslager der Nazis in den französischen Transitlagern abgenommen worden sind. Von den 330000 Juden, die 1940 in Frankreich lebten, wurden rund 76000 in die KZs deportiert. Nur 2500 kehrten zurück. Die Kommission empfiehlt der französischen Regierung und den Banken, als Kompensation für nicht zurückerstattete jüdische Wertsachen rund 350 Mio. Dollar an eine Erinnerungsstiftung beizutragen. Ferner schlägt der Bericht vor, diverse Kunstwerke, für die keine Erben gefunden werden konnten, als Zeugnis für die Raubzüge in der Nazi-Periode dem Jerusalemer Israel-Museum zu spenden.
Premierminister Lionel Jospin akzeptiert die Schlussfolgerungen des Berichts und versprach, in den kommenden Wochen mit der Verwirklichung der Empfehlungen zu beginnen. Der JWK begrüsst den Bericht, betont aber, seine eigenen Untersuchungen trotzdem fortzusetzen. In der Vergangenheit hatte der JWK der Kommission vorgeworfen, «unausgegorene» Statistiken zu verwenden. Er hatte auch mit juristischen Schritten und Boykottmassnahmen gegen französische Unternehmen gedroht, welche sich weigern sollten, Restitutionszahlungen zu leisten. Die Kritik am Bericht konzentriert sich auf das Ausmass, in welchem die staatliche französische Museumsbehörde Informationen über bestimmte Gemälde vertuschen bzw. verfälschen wollte. Gemäss dem Matteoli-Bericht stammten nur 163 von den zehntausenden von Gemälden, die nach dem Krieg den Nazis abgenommen worden waren, aus jüdischem Besitz. Über 2000 Gemälde hängen heute noch in den Museen. «Ist es möglich», fragt Elan Steinberg, Exekutivdirektor des JWK, «dass französische Museen von den Raubzügen der Nazis profitiert haben? Sind diese Gemälde Einzelpersonen entwendet worden, heisst das, dass sie nicht dem Staat gehören. Für uns sind diese Kunstwerke die letzten \"Kriegsgefangenen\", und ich glaube, es ist an der Zeit, sie auf freien Fuss zu setzen».
Unklarheiten in der Berechnungsfrage
Auch die französischen Medien fragen sich, ob der Bericht die Rolle Frankreichs in Bezug auf die jüdischen Wertgegenstände klar genug darstellt. Für «Le Monde» etwa sind die Fragen des JWK fundiert, hätte die Museumsbehörde bis vor kurzem doch Anspielungen darauf, dass sie Raubgut besitze, «stets stillgeschwiegen oder dementiert». Henri Hajdenberg demgegenüber, der Präsident des CRIF, des Dachverbandes des organisierten Judentums Frankreichs, nennt die Arbeit der Kommission «aussergewöhnlich». Er hegt allerdings einige Zweifel an der Umrechnung des «alten» Francs von 1940 in heutige Dimensionen. Stimmt man seiner Berechnung zu, dann müsste die vorgeschlagene Stiftung nicht 350 sondern 570 Mio. Dollar betragen.
Der Anteil der französischen Regierung
Was am Bericht auffällt, ist das Fehlen der Namen der Banken und Firmen, die an den Raubzügen beteiligt gewesen waren und aufgefordert werden, zur Stiftung beizutragen. Ebenfalls unklar ist der Anteil der französischen Regierung und der Zeitrahmen, in dem die Gelder aufzubringen sind. Diese Informationen würden laut Matteoli vertraulich behandelt, da es nicht «französischer Gewohnheit» entspreche, bestimmte Institutionen an den Pranger zu stellen. Der Bericht legt genaue Rechenschaft darüber ab, wie unter dem Vichy-Regime über 50000 Geschäfte in jüdischem Besitz arisiert oder an nicht-jüdische Personen transferiert worden seien. In französischen Transitlagern internierten Juden habe man allen Besitz abgenommen, und in vielen Fällen hätten die Unglücklichen noch für ihre eigene Deportation zahlen müssen, d.h. sie mussten ein Zugsbillett erstehen. Die Nazis räumten rund 30000 jüdische Wohnungen aus und transportierten etwa 2000 Gemälde und 8000 Pianos nach Deutschland. Von den Raubzügen wurden allle französischen Juden betroffen, «vom ärmsten Schneider bis zum reichsten Kunstsammler», wie die Historikerin Annette Wieviorka es formulierte.
JTA