Neues Kapitel für die jüdische Presse
Journalismus und Tradition. Mit der Holocaust-Debatte wandelte sich auch die jüdische Presse der Schweiz, die bis dahin weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit agierte. Mit einem Male mussten und wollten sich jüdische Stimmen im öffentlichen Diskurs einbringen. Die unabhängige Schweizer Wochenzeitung «Jüdische Rundschau» avancierte damals mit einem kritischen, unabhängigen Journalismus unverhofft zur wichtigen Plattform der Debatte. Doch was publizistisch Sinn machte, für die jüdische und die Zivilgesellschaft generell wichtig war, zog massiv negative kommerzielle Konsequenzen nach sich.
Verantwortung und Handeln. Die Familie Braginsky erkannte die Not der Zeit, übernahm vor genau zehn Jahren die Zeitung und sicherte somit die Existenz einer der wenigen unabhängigen jüdischen Zeitungen weltweit und einer liberalen journalistischen Tradition. Zusammen mit Familie Hagemann-Ludwig (Verleger der Basler Zeitung) gründete sie im Jahre 2001 die JM Jüdische Medien AG (JMAG) mit den Magazinen tachles, revue juive und später aufbau. Damit garantierten die Verlegerfamilien unter der Ägide von Susanne Braginsky eine starke, jüdische Presse, die in den letzten Jahren innerhalb und ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft eine eigenständige Stimme und letztlich die Möglichkeit für professionellen lokalen, nationalen und internationalen Journalismus etablierte. Auch gegen viele Widerstände gerade jener, die innerhalb der jüdischen Gemeinschaft keinen offenen, pluralistischen, dialektischen und gesellschaftspolitisch durchaus liberalen Journalismus akzeptieren mochten, mussten sich Zeitungen und Verleger durchsetzen. Standhaftigkeit und die Kraft raubende Grösse, die unabdingbare Meinungsvielfalt in den Titeln des Verlags zuzulassen, sollte die Verlegerschaft fortan auszeichnen und den jüdischen Stimmen Profil verleihen.
Kontinuität und Aufbruch. Nun, nach intensiven, konstruktiven und erlebinsreichen Zeiten, übergeben die Verlegerfamilien die JM Jüdische Medien AG in jüngere Hände (vgl. Medienmitteilung). Über viele Jahre haben sie nicht nur ein unternehmerisch überaus stabiles Fundament für eine vielfältige jüdische Presse geschaffen, sondern auch eine ganz neue Generation von Redaktoren, Journalisten oder Verlagsfachleuten ermöglicht und gefördert, die der Tradition des Hauses verpflichtet sind. Mit diesen wird in die neu-alte publizistische Zukunft gestartet, eine Zukunft, die tief in der Tradition jüdischer Publizistik steht. Die JMAG hat in den letzten Wochen bereits damit begonnen, das redaktionelle Angebot in den bestehenden Titeln tachles und revue juive zu stärken sowie die Print- und digitalen Plattformen auszubauen, ebenso wie die neue Zukunft des Verlags in der Schweiz und im deutschsprachigen Ausland zu etablieren und wird in den nächsten Wochen im Detail informieren. Im Auftrag des Serenada Verlag wird die Redaktion der JMAG darüber hinaus das Monatsmagazin aufbau redaktionell betreuen.
Wechsel und Wandel. Den Verlegern bleibt zu danken für ihren jahrelangen Einsatz um die jüdische Presse, die Standfestigkeit in der Debatte und die Zurücknahme eigener Interessen zum Wohl einer offenen Diskussionskultur, die letztlich stets Menschen und Themen in den Mittelpunkt stellte. Zu danken vor allem aber auch für die Fortführung einer publizistischen Tradition und die Courage, einen jüdischen, diskursiven Journalismus zu profilieren.