Neuer Publikumsliebling

Joël Wüthrich, March 25, 2010
Die Eishockeymannschaft mit den weltweit meisten Fans, die Montreal Canadiens, haben einen neuen ­Publikums­liebling: Mike Cammalleri. Er sprach mit tachles über seine Karriere und seinen familiären ­Background.
Eishockeyspieler Mike Cammalleri (r.) «Ich versuche, einen fast wissenschaftlichen Ansatz zum Eishockey zu entwickeln»

Mike Cammalleri ist der neue Stolz der jüdischen Sportfan-Gemeinde. Der derzeit wohl beste Eishockeyspieler mit jüdischem Background ist einer, der die Leute begeistert, ohne aufgesetzt zu wirken. Und Arroganz ist ihm komplett fremd. Was ihn ebenfalls auszeichnet, ist sein unkomplizierter Umgang mit den Medien, mit Fans und mit seiner Herkunft. Die Wahl, nach Montreal zu kommen und für die prestigeträchtigen Canadiens zu spielen, hatte für ihn vorerst nur sportliche Gründe. Dazu sagt er: «Montreal war sicherlich die richtige Wahl als nächster Karriereschritt. Der Aufbau des Teams und die Spielweise passen ausgezeichnet zu meinen Fähigkeiten. Ich kann hier auch viel Verantwortung übernehmen. Das gefällt mir. Und die Tatsache, dass die Fans hier auch die kleinen, versteckten Dinge des Eishockeyspiels schätzen und dafür applaudieren, ist für einen Eishockeyprofi eine grandiose Sache. Hier kannst du dich sowohl sportlich wie auch privat nicht verstecken. Alles wird registriert.» Cammalleri hat eine jüdische Mutter,
einen italienischstämmigen Vater und einen kanadischen Pass. Er sagt: «Ich geniesse es, dass ich hier gleich von zwei Gruppen lautstark unterstützt werde. Die jüdische Community und die italienische sind in Montreal gross, und es ehrt mich sehr, dass sie mir zu spüren geben, dass sie speziell meinetwegen noch intensiver die Canadiens verfolgen. Ich merke das natürlich und ich fühle keinen Druck, sondern es ehrt mich.»

Heterogene Familie

Und was sagt er zu seinem Background? Cammalleri: «Ich bin stolz auf meinen Background, und zwar beidseitig. Ich wurde nicht einseitig erzogen und man lehrte mich, dass ich beide Herkünfte und Familien zu respektieren habe. Ich freue mich jeweils sowohl auf Chanukka als auch auf Weihnachten. An Chanukka gehe ich zu meiner Mutter und zu meiner Grossmutter, an Weihnachten bin ich bei meinem Vater und seiner Familie.» Und es entstand auch nie ein Konflikt, wenn er an hohen jüdischen Feiertagen spielen sollte: «Es gibt eigentlich nie einen inneren Konflikt, wenn es darum geht, ob ich an hohen jüdischen Feiertagen spiele oder nicht. Wenn es um den Job geht, bin ich in erster Linie ein Profisportler und erst dann ein Privatmensch. Und so spiele ich auch an einem Tag wie Jom Kippur. Darin werde ich von meinen Eltern auch unterstützt. Sie würden das auch so wollen. Ich spielte ja auch im gleichen Team mit Mathieu Schneider und Eric Nystrom, die beide einen jüdischen Background haben. Und ich kenne andere jüdische NHL-Spieler. Sie denken ähnlich wie ich. Ich kenne nur wenige jüdische Sportler, die religiös sind. Eigentlich kenne ich gar keinen, der seine Karriere wegen der Religion aufs Spiel setzen würde.»

Spezielle Eigenschaft

Mike Cammalleri galt in seiner Karriere lange Zeit als sogenannter Sniper, als Vollstrecker, aber man registriert in Fachkreisen, wie enorm er nun auch in allen anderen Bereichen Fortschritte gemacht hat, unter anderem auch in der Spielübersicht, im Skating und im Passspiel. Cammalleri: «Es ist schön, dass dies so genau registriert wird. Fortschritte zu machen ist eine Art Lebenseinstellung für mich. Ich versuche, einen fast wissenschaftlichen Ansatz zum Eishockey zu entwickeln. Jeder Schritt ist gut überlegt, aber natürlich registriere ich jede Entwicklung in meinem Spiel genau. Besonders wenn ich spontan etwas feststelle. Einige Sachen kann man einfach nicht trainieren, sondern man hat das Talent dazu. Einige fragen mich, wie ich mir den Torriecher angeeignet habe. Ich muss dann jeweils antworten: Ich weiss es nicht. Ich mache halt eben einige Sachen instinktiv. Ich halte mich an das Tiger-Woods-Prinzip: Je mehr du übst und automatisierst, desto besser bist du in den Grundlagen. Das gewisse Plus, das einige Eishockeyspieler haben, kann dann halt das Talent, der Körperbau, die Arbeitseinstellung, die Psyche, die Konstanz oder eine andere spezielle Eigenschaft sein.»