Neue Töne, neuer Stil

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Abgesehen von seinem gewandten Auftreten, seiner geschliffenen Sprache und seinem Können, diese je nach Bedarf ruhig, sachlich und knapp oder dann donnernd und blumig einzusetzen, demonstrierte Avraham Burg (44) anlässlich seines ersten Auftritts als Knessetsprecher am Dienstag Nachmittag auch, dass er in der Lage und gewillt ist, neue Töne hören zu lassen.

Alle Anwesenden im Plenum hatten das Gefühl, dass die Gebete, die er zu Beginn und zum Abschluss der Sitzung rezitierte, von Herzen kamen und keine Farce waren. Auch musste Burg sich für die Zitate aus der Bibel nicht speziell ein Käppchen aufsetzen, trägt er dieses doch immer. Als den höchsten Wert in seiner politischen Arbeit bezeichnete er in seiner Antrittsrede seine Unabhängigkeit. «Ich will zu meiner Wahrheit stehen, für meine Werte kämpfen und manchmal sogar den Preis dafür zahlen können.» Demokratie ist für Burg u. a. das «Recht von Minderheiten auf Repräsentation». Er hofft, ein Knessetsprecher zu sein, «dessen Tür den Minderheiten offensteht und dessen Ansichten von der Mehrheit akzeptiert werden». Avraham Burg wird auch im neuen Amt seine bisherige Linie fortsetzen, die darin besteht, auch dann konsequent seiner Überzeugung nachzuleben, wenn er riskiert, damit anzuecken. Als er der Arbeitspartei beitrat, war dies eine stille Revolution gegen seinen Vater Josef Burg, den langjährigen Vorsitzenden der National-religiösen Partei. Seine aktive politische Karriere begann der neue Knessetsprecher, Vater von sechs Kindern (darunter zwei adoptierte), als er im Libanonkrieg Mitglied der «Frieden jetzt»-Bewegung wurde. Mit Yitzchak Rabin focht Burg jun. zahlreiche Sträusse aus, und Ehud Barak nannte ihn einmal einen «subversiven Schnösel». Dass er eine dicke Haut hat und seinen Weg unbeirrt geht, bewies Avraham Burg, als er sich 1992 nicht entmutigen liess, als Rabin ihn nicht in die Regierung aufnahm, obwohl er in den IAP-internen Primärwahlen den ersten Rang belegte. Barak tat dieses Jahr das Gleiche, als er Burg überging, obwohl dieser bei den Primärwahlen auf Rang fünf gelandet war. 1995 besiegte Burg im Kampf um den Vorsitz der Jewish Agency Yehiel Leket, den Kandidaten Rabins. Der neue Knessetsprecher verbirgt sein Interesse an einer Kandidatur für das Amt des IAP-Parteichefs nicht. Möglicherweise wird er dabei Hand in Hand mit seinen guten Freunden Haim Ramon und Yossi Beilin arbeiten, die heute beide im Kabinett Barak sitzen.