Neue Freiheit an der Moskwa

March 18, 2010
Moskaus jüdische Organisationen erleben eine Renaissance. Antisemitismus ist in Russland keine Staatsdoktrin mehr. Doch mit der äusseren Freiheit nimmt die Konkurrenz unter den jüdischen Glaubensrichtungen zu.
OBERRABINER BEREL LAZAR Versuch, Juden an die Gemeinde heranzuführen

Von Klaus-Helge Donath

Adolf Schajewitsch erzählt: «Wenn ich unsere Kinder in der Synagoge tanzen sehe, kommt es mir immer noch wie ein unwirklicher Traum vor.» Vor 30 Jahren, als der Rabbiner seine Arbeit in der «choralnaja synagoga», der ältesten Synagoge im Moskauer Stadtzentrum, antrat, seien es nur einige versprengte ältere Seelen gewesen, die gelegentlich in der Spasoglinitscheskij-Gasse vorbeischauten. «Manchmal war es schon schwierig, zehn Gläubige für ein Gebet zu finden», erzählt Schajewitsch, der seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion als einer der beiden Oberrabbiner der Russischen Föderation amtet. Schajewitsch kam Anfang der siebziger Jahre nach Moskau. Aufgewachsen war er im Autonomen Jüdischen Gebiet Birobidschan, das Josef Stalin 1931 im Fernen Osten Russlands als kompakten Siedlungsraum für sowjetische Juden und begeisterte jüdische Kommunisten aus aller Welt gegründet hatte. Doch die sowjetische Nationalitätenpolitik hatte die Hoffnung auf einen Neuanfang ohne antisemitische Diskriminierungen bald zunichtegemacht. 1937 fegte die Stalin´sche Repressionswelle auch über Birobidschan hinweg und forderte das Leben Tausender Juden. Die versprochene Autonomie in Sprache und Kultur war fortan blosse Makulatur. «Ich kam nach Moskau und wusste eigentlich nur, dass ich ein Kind jüdischer Eltern war. Sprache und Traditionen waren mir fremd», erzählt der 1937 geborene Rabbiner. Seine Geschichte ist exemplarisch für das Schicksal der rund drei Millionen Juden, die in der Sowjetunion lebten. Die Umstände wollten es, dass Schajewitsch in Moskau nicht den ersehnten Job als Ingenieur fand, sondern dank der Hilfe der kleinen jüdischen Gemeinde die Möglichkeit erhielt, sich im Ausland zum Rabbiner ausbilden zu lassen. Nach dem Studium kehrte er nach Moskau zurück und übernahm die Leitung der «choralnaja», der Synagoge des Chorgesangs. «Es war traurig mitanzusehen, dass immer weniger Menschen in die Synagoge kamen», meint Schajewitsch. Die Zeit der grossen Ausreisewellen hatte eingesetzt. Erstmals in den siebziger Jahren lockerte die kommunistische Führung den Griff. Hunderttausende Juden reisten nach Israel oder in die USA aus. «Von Woche zu Woche wurden es weniger. Manchmal dachte ich, mir bliebe nichts anderes übrig, als die Synagoge in eine Sporthalle umzuwandeln.»

Vor diesem Hintergrund stellt sich das Leben der russischen Juden seit Ende des Kommunismus 1991 als der wahre Beginn jener neuen Zeit dar, die die Sowjetunion ihren Minderheiten einst verhiess. Zum ersten Mal verzichtet der russische Staat auf Diskriminierung und antisemitische Ideologie als politisches Regulativ nach innen wie aussen. «Wir sind frei, können unseren Glauben ausüben, Traditionen wiederbeleben und tun und lassen, was wir wollen. Staat und Behörden lassen uns in Frieden», erzählt Schajewitsch. Ruhe und Gelassenheit strahlt er aus.

Die Wiederbelebung der Tradition hat eine Fülle von neuen Organisationen entstehen lassen, die alle Lebensbereiche umfassen. Allein zehn Hochschul- und Forschungseinrichtungen, sieben Gymnasien, acht Kindergärten, ein Dutzend Sonntagsschulen, zehn Theater und Museen wurden in den letzten 20 Jahren eröffnet. Wohltätigkeitseinrichtungen kümmern sich um Rentner und Strafgefangene. Auch ärztliche Versorgung bietet die jüdische Gemeinschaft an. Neben jüdischen Verlagen, Zeitungen und Zeitschriften bietet auch das Internet eine breite Palette von Diensten an. Wer einen jüdischen Partner sucht, kann auch im Internet fündig werden.

Juden zurück zur Religion führen

Mit der äusseren Freiheit nahm jedoch auch die Konkurrenz unter den jüdischen Glaubensrichtungen zu. Anfang der neunziger Jahre war der neu gegründete Kongress Russischer Juden noch alleiniges Zentrum des jüdischen Lebens in Moskau. Schajewitsch und der Geschäftsmann Wladimir Gussinsky gründeten den Verband. «Wir hatten plötzlich Freiheit, aber kein Geld, um die Stromrechnung der Synagoge zu bezahlen», lacht Schajewitsch. Er klapperte damals die neuen «businesmeni» ab, einige von ihnen Juden, die es im politisch-wirtschaftlichen Umbruch zu sagenhaftem Reichtum gebracht hatten. Später gingen sie als «die Oligarchen» in die jüngste russische Geschichte ein, die ihnen pauschal eine – nicht immer gerechtfertigte – dubiose Rolle zuwies. Die meisten Oligarchen gaben dem Rabbi Geld, aber auch zu verstehen, er solle nicht mehr wiederkommen. Gussinsky indes fragte: «Was machst du nächstes Mal? Lass uns einen Verband gründen.» Mit dem ersten privaten Fernsehsender NTW und verschiedenen Printmedien war der Unternehmer zum Medienmagnaten des neuen Russlands aufgestiegen, der die kritische Funktion der vierten Gewalt ernst nahm. In einer seiner ersten Amtshandlungen liess Präsident Wladimir Putin den Oligarchen verhaften und den Sender gleichschalten. Schajewitsch und der Kongress Russischer Juden, bislang Ansprechpartner des Kreml, fielen als Gefolgsleute des Oligarchen mit in Ungnade. «Die Politik hat uns nicht bedrängt, aber zur Seite geschoben.»

Die Aufmerksamkeit des Kreml galt seither der Konkurrenzvereinigung, der Föderation jüdischer Gemeinden Russlands, die mit Berl Lazar einen eigenen Oberrabbiner wählte. Der Kongress Russischer Juden fühlte sich der orthodoxen Richtung verpflichtet. Auch die Föderation gehört zur Orthodoxie, folgt im Unterschied zum Kongress aber der chassidischen Schule von Chabad, die ihren Ursprung einst im westrussischen Lubawitsch hatte. Die einzelnen Gruppen des Chassidismus, dessen Zentrum sich seit dem Holocaust in die USA verlagert hat, betonen jeweils unterschiedliche Bereiche im Dienst Gottes. Bei Chabad stehen kontemplatives Gebet und ein systematisch intensives Studium der chassidischen Lehre im Mittelpunkt. Chassidische Rabbis unternehmen überdies allerlei Anstrengungen, um die Thora Juden näherzubringen, die bislang der Religion fernstanden. Davon gibt es in Russland besonders viele.

Laut einer wissenschaftlichen Studie haben 1995 nur zwei Prozent der russischen Juden ihren Glauben traditionell gepflegt. 55 Prozent waren jedoch sehr interessiert, sich jüdischer Wurzeln wieder bewusst und mit verschütteten Traditionen vertraut zu werden. Das Gleiche traf auf jene 20 Prozent zu, die sich damals mit dem Gedanken trugen, nach Israel auszuwandern. Trotz des massiven Assimilationsdrucks in den 70 Jahren sowjetischer Herrschaft büsste die Minderheit jüdisches Selbstverständnis und Identität nicht ein. Auffallend ist aber, dass die kulturelle und konfessionelle Identifikation im Vergleich zu jüdischen Gemeinden anderer Länder sehr schwach ausgeprägt ist. Zur Erhaltung der Identität trug nicht zuletzt bei, dass sich die Mehrheitsgesellschaft abgrenzte und das Anderssein auch jenen gegenüber noch betonte, die in der russischen Gesellschaft eigentlich aufgehen wollten. Das förderte sozusagen eine passive Identität. Die atheistische sowjetische Gesellschaft reduzierte überdies das Judentum auf die ethnische Zugehörigkeit. Trotz allem – oder gerade deswegen – gelten die russischen Juden als besonders assimiliert.

Auf die Frage, welcher Kultur sie näherstünden, entschieden sich 1995 immerhin 71 Prozent der Juden für die russische. Nur drei Prozent fühlten sich stärker der jüdischen Tradition verbunden, ein Viertel bekannte sich zu beiden Kulturkreisen. 2004 hat sich das Bild etwas verändert. 45 Prozent nennen noch die russische Kultur als wichtigsten Bezugspunkt, zehn Prozent bekennen sich zur jüdischen Tradition, während im Leben der Übrigen inzwischen beide Kulturkreise eine gleichbedeutende Rolle einnehmen. 85 Prozent nannten Russland ihre Heimat, in den schwierigen wirtschaftlichen Zeiten der neunziger Jahre waren es nur 76 Prozent.

Für jüdische Missionsarbeit bleibt Russland ein aufregendes Versuchsfeld, eine Erfolgsgarantie ist damit aber nicht verknüpft. Nach Schätzungen nehmen nur zehn bis 15 Prozent der russischen Juden aktiv am Gemeindeleben teil. In der letzten Volkszählung 2002 gaben 230 000 russische Bürger als «Nationalität» – womit das Russische auch die ethnische Zugehörigkeit meint – Jude an. Vor diesem Hintergrund sind auch 15 Prozent aktive Gemeindemitglieder eine recht kleine Zahl. Der liberale russisch-jüdische Publizist Leonid Radzikowsky kommt denn auch zu der paradoxen Schlussfolgerung: Die Freiheit der letzten Jahre, die Möglichkeit, nach Israel oder in andere Länder zu emigrieren, aber auch nach Belieben wieder nach Russland zurückkehren zu können, hätte nicht zu einer Konsolidierung des russischen Judentums beigetragen, sondern dessen weitere Zersplitterung und Heterogenisierung befördert.

Geplantes Museum der Toleranz

Der umtriebige Oberrabbiner der Föderation, Berl Lazar, gibt jedoch nicht auf. Wer das imposante Zentrum der Gemeinde in Marina Roschtscha im Norden Moskaus besucht, erhält auch einen ganz anderen Eindruck. Nach dem Passieren der Sicherheitskontrolle, mit Schleuse und Gepäcklaufband wie auf einem Flughafen, trifft der Besucher auf pulsierendes Leben. Kindergarten, Synagoge, Chabad-Einführungen, Sporthalle, Bibliothek und Diätunterweisungen werden angeboten. Alle möglichen Sprachen, auch Deutsch für potenzielle Emigranten, stehen auf dem Lehrplan. Im sechsten Stock des geschmackvoll-edlen Neubaus residiert Alexander Moissejewitsch Boroda, der Präsident der Föderation. Der langbärtige 42-jährige Vermessungstechniker steht Oberrabiner Lazar an Agilität und Erfindergeist in nichts nach. Auch er hat Grosses vor. Anstelle des Zentrums für moderne Kunst in der Bachmetjewskij-Garage soll bis 2014 ein jüdisches Museum der Toleranz entstehen. Hier soll am Beispiel der Geschichte des jüdischen Volkes von seinen Anfängen bis heute die Bedeutung von Toleranz zwischen Menschen, Völkern und Religionen dargestellt werden. Im Mittelpunkt steht natürlich das jüdische Leben in Russland. Besonders junge Besucher möchte man ansprechen, um Tendenzen zu Extremismus und Rassismus in der Gesellschaft vorzubeugen. Der letzte Stand der Ausstellungstechnik und ausgefallen cooles Design werden als Lockvögel eingesetzt. Premierminister Putin sagte Unterstützung zu und stiftete auch schon ein Monatsbudget. Die Nähe der Föderation zu den Machthabern im Staat ist den vielen Fotos an den Wänden in Borodas Büro zu entnehmen, die Wladimir Putin, Kremlchef Dmitri Medwedew und die Vertreter der Gemeinde zeigen. Auch Gesprächen auf dem Flur ist zu entnehmen, dass das russische Führungstandem in der Gemeinde hoch im Kurs steht. Das traditionelle jüdische Dissidententum ist hier nicht zuhause.

Lazar stammt aus Italien und studierte in den USA. Mit Russland verband ihn vor der missionarischen Tätigkeit nicht viel. Dass der Kreml, der sich aussenpolitisch gegen westliche Beeinflussung strikt verwahrt, den Immigranten zum offiziellen Ansprechpartner erhob, rief zunächst Verwunderung hervor. Religiöse Erwägungen gaben wohl nicht den Ausschlag. Die Föderation ist die finanzkräftigste der jüdischen Verbände. Zu den generösesten Gönnern zählt der Oligarch und Milliardär Roman Abramowitsch, der Besitzer des englischen Fussballvereins Chelsea und nicht zuletzt Intimus Wladimir Putins. Unter den Messingplaketten der Stifter im zweiten Stock nimmt Roman Abramowitschs Tafel den grössten Platz ein.

Die Föderation lässt sich allerhand einfallen, um reservierte russische Juden doch noch an die Gemeinde und den orthodoxen Glauben heranzuführen. Dabei greift sie auch auf unkonventionelle Techniken zurück, die einem New Yorker Vorbild entlehnt wurden: In der Moskauer Innenstadt sind Rabbis mit einem «mizva tank» unterwegs. «Mizva» steht im Hebräischen für Gebote und menschenfreundliche Taten, während «tank» – auf Englisch wie auf Russisch – Panzer bedeutet. Mit den «gepanzerten Geboten» oder dem «Gebotspanzer» suchen sie im Fussgängerstrom nach potenziellen Partnern. «Sind sie jüdisch?», fragen sie alle Passanten, die ihnen auffallen. Ausgefallen ist indes die Methode Rabbi Josef Chersonskis. In einem gutbürgerlichen Vorort der Hauptstadt gibt er einmal wöchentlich «Thora-Unterweisung in der Bank». Zum Chanukka-Fest im Dezember ging auch der Studentenverband Hillel neue Wege und lockte die jüdische Jugend mit knisternden Kerzen und Erotik in einen Nachtklub. Ziel war es, einen neuen Weltrekord brennender Kerzen für das Guinness-Buch aufzustellen. Die Veranstaltung fand im Klub «zona» statt, was auf Deutsch «Straflager» bedeutet. Rabbiner Schajewitsch konnte sich dafür nicht begeistern. ●

Klaus-Helge Donath ist seit 1990 Korrespondent der «tageszeitung» und der «NZZ am Sonntag» in Moskau.