Neue Chance für die Familienplanung
Dana* war 38 Jahre alt, als sie sich an Jean-Claude Spira vom Kinderwunschzentrum in Basel wandte. Die Psychiaterin lebte seit Längerem allein, sie hatte keinen Partner, aber den starken Wunsch nach einem Baby. Sie machte sich Sorgen darüber, ob sie jemals ein Kind haben würde, da die biologische Uhr bei Frauen ab 35 Jahren «tickt» und die Chance auf eine Schwangerschaft mit jedem Jahr sinkt. Die neue Methode der Kryokonservierung aber liess sie hoffen: Sie liess sich im Kinderwunschzentrum Basel Eizellen entnehmen und liess diese einfrieren – um sie nutzen zu können, wenn sie den richtigen Partner gefunden hätte. Die Gewissheit, funktionstüchtige Eizellen in Reserve zu haben, nahm der Frau offenbar den Druck bei der Partnersuche, und so lernte sie kurz nach dem Eingriff einen Mann kennen, der eine Familie mit ihr gründen wollte. Die beiden versuchten auf natürliche Art, ein Baby zu zeugen – sollte das nicht klappen, könnten sie aber immer noch die tiefgefrorenen Eizellen von Dana verwenden.
Auch für Lea* war die neue Methode der Kryokonservierung ein Lichtblick: Bei der 35-jährigen Frau wurde ein gutartiger Eierstocktumor entdeckt, der behandelt werden musste. Dass die alleinstehende Frau anschliessend noch schwanger werden könnte, war unwahrscheinlich. So liess sie sich vor dem Eingriff gesunde Eizellen entnehmen, um zu einem späteren Zeitpunkt – wenn sie den richtigen Mann an ihrer Seite gefunden hat – ein Kind bekommen zu können.
Chance für Frauen
Interessant ist die Kryokonservierung von Eizellen für Frauen in verschiedenen Situationen: Frauen ohne Partner, die ein bösartiges Leiden haben, können sich vor einer Chemotherapie Eizellen entnehmen lassen. Single-Frauen, die die biologische Uhr «anhalten» wollen und ihre Chance auf eine Mutterschaft in einer späteren möglichen Beziehung erhalten möchten, können von der «Eigen-Eispende» profitieren – insbesondere nach ihrem 35. Geburtstag. Auch für Paare, die zur Zeugung eines Kindes die Befruchtung ausserhalb des Körpers beanspruchen und aus ethischen Gründen das Tieffrieren von befruchteten Eizellen ablehnen, kann das Verfahren interessant sein.
In der Schweiz dürfen Spermien wie auch Eizellen laut Gesetz fünf Jahre lang tiefgefroren werden. Bei Frauen mit einem bösartigen Leiden können die Eizellen länger aufbewahrt werden. Die Befruchtung der Eizellen ist ausschliesslich in heterosexuellen Paarbeziehungen möglich. Ein Paar muss nicht verheiratet sein, aber in einer stabilen Paarbeziehung leben, damit das Kind eine Mutter und einen Vater hat.
Medizinisch steht fest: «Je jünger die Frau und deren Eizellen sind, desto grösser ist die Chance auf ein Kind», so Jean-Claude Spira. Die ersten Eizellen hat er im Sommer 2010 eingefroren, bisher hat sich noch keine der Patientinnen ein Auftauen der Eizellen gewünscht. Die Chance auf eine Schwangerschaft hängt vom Alter der Frau und der Anzahl der gewonnenen Eizellen ab. Unter 35 Jahren beträgt die Chance vier Prozent pro entnommener Eizelle, unter 40 Jahren zwei Prozent und über 40 Jahren nur noch maximal ein Prozent. Pro Patientin werden gleich mehrere Eizellen eingefroren, damit sich die Chance auf eine Schwangerschaft entsprechend erhöht. Eine Frau, 35 Jahre alt, beruflich sehr erfolgreich und Single, hat sich aber dazu entschlossen, sich zweimal zehn Eizellen entnehmen zu lassen, um ihre Möglichkeiten für eine spätere Schwangerschaft zu erhöhen. «Nach dem 41. Geburtstag frieren wir keine Eizellen mehr ein», betont Spira, da die Chance auf eine Schwangerschaft zu mindestens zehn Prozent bestehen müsse.
Kosten und Risiken
Bei einer Patientin, die sich für eine Eizellenentnahme entscheidet, wird das Wachstum der Eibläschen mit täglichen Hormonspritzen angeregt, so dass idealerweise zehn bis 15 Eibläschen wachsen. Vor dem Eisprung werden die Eizellen aus dem Eierstock entnommen. Die gesunden Eizellen werden im Speziallabor eingefroren. Während der Lagerzeit nehmen sie keinen Schaden, egal, wie lange sie tiefgefroren aufbewahrt werden. Wenn die Frau einen Partner getroffen hat, mit dem sie ein Kind zeugen möchte, werden die Eizellen aufgetaut und mit dem Samen des Mannes ausserhalb des Körpers befruchtet. Mit einem feinen Schlauch wird das entstehende Embryo in die Gebärmutter gespült.
Die Kosten, die von der Krankenkasse nicht übernommen werden, liegen bei insgesamt höchstens 5400 Franken pro Eizellentnahmezyklus. Der Preis für die Befruchtung der Eizellen mit Samen und der Embryotransfer liegt zurzeit bei 2800 Franken. In den USA, wo das Verfahren bereits häufiger angewandt wird, sind die Kosten deutlich höher. Das grösste Risiko für eine Frau besteht allein darin, dass durch die Therapie die erwünschte Schwangerschaft nicht eintritt. Das Risiko auf ein ungesundes Kind scheint durch die Eizellenkryokonservierung nicht erhöht zu sein. Da weltweit aber bislang erst rund 1000 Kinder nach der «Eigen-Eispende» geboren wurden, kann noch kein abschliessendes Urteil gefällt werden.
In der Schweiz betrug die Geburtenrate im Jahr 2010 nur 1,5 Prozent. Fast 50 Prozent aller Familien haben nur noch ein Kind, mindestens ein Viertel aller Akademikerinnen hat überhaupt keine Kinder, da sich Karriere und Familie oftmals schwer vereinen lassen. Für Frauen mit Kinderwunsch ist es daher sehr wichtig, frühzeitig neben ihrer Karriere auch die Familie zu planen – selbst wenn noch der richtige Partner fehlt. «Dies sollte idealerweise vor dem 35. Geburtstag geschehen», sagt Spira. Keinesfalls aber sollte die Methode der Eizellenkryokonservierung dazu verwendet werden, einen geplanten Kinderwunsch in einer stabilen Partnerschaft aus beruflichen Gründen zeitlich nach hinten zu verschieben. Die Methode sei aber eine Möglichkeit für Frauen, die aus gesundheitlichen oder privaten Gründen im – aus medizinischer Sicht – idealen Alter kein Baby bekommen können, ihren Traum vom eigenen Kind später in Erfüllung gehen zu lassen.
www.kinderwunschzentrum.ch
* Namen von der Redaktion geändert.