Neubeginn nach 1945
Wenige Wochen nach dem Ende des Krieges entschlossen sich in Hamburg zwölf Holocaust-Überlebende, die zerstörte jüdische Gemeinde in der Hansestadt wieder aufzubauen. Am 18. September 1945 konstituierte sich in der Freien und Hansestadt Hamburg eine neue jüdische Gemeinde mit 833 Mitgliedern – Überlebende nationalsozialistischer Verfolgung.
Unmittelbares Ziel war es, den wenigen in Hamburg lebenden Juden – die meisten von ihnen hatten die NS-Zeit nur dank ihrem Status als Ehepartner in einer «Mischehe» überlebt – einen Anlaufpunkt in religiösen und organisatorischen Fragen zu bieten, Halt und Orientierung durch eine Institution zu vermitteln und materiell zu helfen. Das American Jewish Distribution Committee und das britische Jewish Committee for Relief Abroad unterstützen das Vorhaben, und schon im September konstituierte sich eine Versammlung von 72 Personen als «Jüdische Gemeinde in Hamburg».
Festigung jüdischer Identität
Seit über 400 Jahren beeinflussen Juden die Entwicklung Hamburgs auf vielfältige Weise. Nach 1945 aber stellte sich die Frage, ob jüdisches Leben im «Land der Täter» künftig überhaupt noch möglich sei. Sollte man als Überlebender das Land verlassen? Oder – nun erst recht – bleiben? Die rasche Neugründung der jüdischen Gemeinde bot auch eine Antwort auf diese konfliktbeladene Frage. Die Gemeinde, so beschreibt es Ina Lorenz in ihrem Beitrag für das Buch «Das Jüdische Hamburg», überliess die Entscheidung dem Einzelnen und stellte es jedem anheim, eine individuelle Antwort auf diese schwierige Frage zu finden.
Von Anbeginn war die Ausbildung und Festigung jüdischer Identität ein besonderes Anliegen der Gemeinde. Dies drückte sich über die Jahre etwa in intensiver Kinder- und Jugendarbeit aus. Als eine Körperschaft des öffentlichen Rechts (ab 1948) verwaltete die Gemeinde sich selbst und versah ein breites Aufgabenspektrum in den Bereichen Kultur, Bildung und Erziehung, Soziales und Wohlfahrt sowie im Beerdigungswesen. Das Parlament der Gemeinde ist der aus 15 Vertretern bestehende Beirat, der alle vier Jahre den fünfköpfigen Vorstand wählt. Dieser wird in seiner Arbeit von verschiedenen Kommissionen und Ausschüssen sowie dem gemeindlichen Schiedsgericht unterstützt.
Zählte die Gemeinde im März 1947 über 1200 Mitglieder, so sank diese Zahl bis 1952 infolge Überalterung und Auswanderung auf rund 1000 und stieg erst wieder durch den Zuzug ehemaliger Emigranten ab Mitte der fünfziger Jahre. Zu den Zuzügern gehörten vor allem osteuropäische Juden, aber auch Familien aus Iran. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 stieg die Mitgliederzahl besonders stark. Derzeit sind in der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, einer Einheitsgemeinde orthodoxer Ausrichtung, knapp 3000 Mitglieder organisiert. Vor der Schoah war die Hamburger Gemeinde die zweitgrösste jüdische Gemeinde in Deutschland, heute ist sie die sechstgrösste, wie Judith Landshut, die Beauftragte für Neuzuwanderer in der Jüdischen Gemeinde in Hamburg erklärt. Die Mitglieder stammen aus aller Welt, die Mehrheit jedoch aus der ehemaligen Sowjetunion. Vor 20 Jahren hingegen waren viele der Gemeindemitglieder iranische Juden. Fast alle sind mittlerweile nach Israel oder in die USA ausgewandert.
Finanzmittel der Stadt zur «Wiedergutmachung» ermöglichten in der Nachkriegszeit die rasche Weiterentwicklung der Gemeinde. Ende der fünfziger Jahre wurde die während der NS-Zeit konfiszierte Bibliothek zurückgegeben und ein Alters- und ein Jugendheim wurden eröffnet. Zudem wurde mit dem Bau des Israelitischen Krankenhauses begonnen. Am 9. November 1958, genau 20 Jahre nach der Reichspogromnacht, legte der damalige Bürgermeister Max Brauer den Grundstein für die neue Synagoge Hohe Weide im Stadtteil Eimsbüttel. Im September 1960 wurde sie eingeweiht und ist seit mehr als einem halben Jahrhundert religiöses und kulturelles Zentrum für die Juden in Hamburg. Im September 2010 feierten Gemeinde und Stadt mit einem Festakt das 50-jährige Bestehen des Gotteshauses. Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus hob in seiner Gratulation hervor, dass die jüdische Gemeinde dazu beigetragen habe, dass sich Hamburg nach dem Krieg zu dem entwickelte, was es heute ist: eine weltoffene, tolerante und bunte Metropole.
Klaffende Wunde
Die Jüdische Gemeinde ist ein Baustein für die Stabilität von Gesellschaft und Demokratie nach der NS-Diktatur, die Synagoge im Stadtteil Eimsbüttel war ein wichtiger Schritt beim Wiederaufbau Hamburgs nach dem Krieg. Diese Synagoge mit Gemeindesaal in der Hohen Weide ist heute der Mittelpunkt des religiösen Lebens, dort werden an Schabbat und an allen Festtagen Gottesdienste und feierliche Zeremonien abgehalten. Doch es gibt neue Pläne. Der Vorsitzende der Gemeinde, Ruben Herzberg, wagte in seiner Rede zum 50-jährigen Bestehen des Gotteshauses im September 2010 den Blick in die Zukunft. Er berichtete von Überlegungen, eine neue Synagoge und ein Gemeindezentrum im Grindelviertel zu bauen – auf dem an den Universitätscampus angrenzenden Joseph-Carlebach-Platz. Die jetzige Synagoge bedürfe baulicher Sanierung, argumentierte Herzberg. Zudem werde sie dem Platzbedarf der in den letzten Jahren stark gewachsenen Gemeinde nicht mehr gerecht. Dazu komme, dass das jüdische Herz Hamburgs einst in diesem Viertel geschlagen habe. Seit Sommer 2007 findet ebenda, im Gebäude der ehemaligen Talmud-Tora-Schule, ein grosser Teil des Gemeindelebens statt, so zum Beispiel alle öffentlichen Veranstaltungen der Gemeinde. Und dort gibt es neben der Verwaltung auch den Ronald-Lauder-Kindergarten, der von etwa 30 jüdischen und nicht jüdischen Kindern besucht wird, sowie die Joseph-Carlebach-Grundschule mit etwa 70 jüdischen und nicht jüdischen Schülern.
Das Grindelviertel – wo in Kaffeehäusern und Geschäften mit koscheren Lebensmitteln und im Haus der Talmud-Tora-Schule wieder jüdisches Leben pulsiert und wo im Institut für die Geschichte der Juden in Deutschland seit vier Jahrzehnten geforscht wird – wurde vor rund 100 Jahren seiner jüdischen Bevölkerungsdichte wegen «Klein-Jerusalem» genannt. Dort stand bis zur Pogromnacht auch die grösste Hamburger Synagoge. In den Jahren 1904 bis 1906 am Bornplatz erbaut, dem heutigen Joseph-Carlebach-Platz, wurde die Hauptsynagoge im November 1938 von den Nazis in Brand gesetzt. Die Gebäuderuine wurde auf Anordnung des Naziregimes und auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen. Heute erinnern die in das Pflaster eingelassenen Umrisse an das ausgebrannte Gotteshaus. Doch der Wiederaufbau dieser Synagoge ist nicht der einzige kühne Plan: Beabsichtigt ist, mit der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg ein geschichtsträchtiges Gebäude zu beziehen. Ein schweres Erbe: Die herrschaftliche Immobilie in der Rothenbaumchaussee 19, ganz in der Nähe der einstigen Synagoge Bornplatz, war den fünf jüdischen Voreigentümern 1935 für den auffallend niedrigen Preis von 40 000 Reichsmark abgekauft worden. Heute ist die als «arisiert» geltende Villa Eigentum der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, vermacht vom NS-Lehrerbund. Das Projekt, dort ein jüdisches Museum unterzubringen, scheiterte vor einigen Jahren. Doch die Idee, in das Gebäude «Ro 19» wieder jüdisches Leben einziehen zu lassen, hat überlebt. «Ein Ort der Begegnung» soll das Haus werden, so Ruben Herzberg. Eine «Lösung, die der moralischen und historischen Verantwortung für dieses Gebäude gerecht» werde. Der noch strittige Plan für die Gründerzeitvilla sieht derzeit vor, das Erdgeschoss der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde zu überlassen – die Räumlichkeiten an bisherigen Standorten stossen an ihre Kapazitätsgrenzen – und die anderen drei Stockwerke der Akademie der Weltreligionen der Universität zur Verfügung zu stellen. Ausserdem sei eine Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte in Hamburg vorgesehen. Ein solches Ensemble wäre ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einem lebendigen Judentum in Hamburg und ein Symbol für eine der grössten internationalen Herausforderung: den interreligiösen Dialog. ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.