Narren am Steuerrad
Hätten wir es mit einem erfahrenen und raffinierten Premierminister vom Format eines Ariel Sharon zu tun, hätten wir die groteske Nominierung Avigdor Liebermans zum israelischen Aussenminister als einen brillanten, durchdachten Schachzug Binyamin Netanyahus empfinden können, der den Premier als glänzendes Beispiel für Verantwortungsbewusstsein und Mässigung erscheinen lässt. Wir sprechen aber von Netanyahu, einem Politiker, der nichts anderes ist als die Summe all seines Misstrauens, seiner Ängste und seiner Bemühungen, von allen geschätzt zu werden. So gesehen war die Ernennung Liebermans wohl eher Glück oder Intuition und weniger intelligente Planung.
Schon immer gehörte zu Netanyahus Wesenszügen, auf eine unerfreuliches Begegnung zu verzichten, vor allem wenn sie keine guten Fotos ergibt. Wie schon während seiner ersten Amtsperiode bleibt er auch jetzt Stätten von Terrorattacken fern (als Oppositioneller liess er keinen solchen Besuch aus) und er versteckt sich nun in seinen unausweichlichen Konflikten mit der Welt hinter Lieberman. Auch hinter Verteidigungsminister Ehud Barak verbirgt er sich gerne, wenn es um den genauso unausweichlichen Konflikt mit den Siedlern geht.
Daran sollten wir denken, wenn wir die tägliche burleske Show verfolgen, die diese riesige Truppe von Dutzenden von Kabinettsmitgliedern und zahllosen Vizeministern für uns abzieht. Zu diesen zählt der an die Komikergruppe Monty Python erinnernde Auftritt von letzter Woche, den Vizeminister Danny Ayalon vor dem türkischen Botschafter hatte. Die Fäden gezogen hatte sein Herr und Meister Lieberman, der Vorschlaghammer aus Kischinew, der jede Woche gegen ein
anderes Land in den Krieg zieht. Zum festen Inventar dieses Theaterensembles zählen auch die Versuche der Shas-Minister und ihrer Stellvertreter, sich mit Jonglierstückchen, die an die Marx Brothers erinnern, öffentliche Gelder und bequeme politische Jobs unter den Nagel zu reissen.
Wenn wir uns diese Vorstellungen zu Gemüte führen, dürfen wir nicht vergessen, dass jemand dafür die Verantwortung trägt: Hinter Ayalon steht Lieberman, und hinter Lieberman steht, wie hinter jedem Mitglied der Regierung, Netanyahu. Sein Gerede von «nationaler Würde» prägt die Truppe. Zwar versteckt er sich hinter den Kulissen, doch sollten wir uns bewusst sein, dass er der Regisseur, der Drehbuchautor und der Produzent dieser Aufführung ist.
So sieht also die «Bibi Show» auch in der zweiten Auflage aus. Die Lehren, die er möglicherweise aus den Vorführungen seines Vorgängers gezogen hat, beschränken sich bis jetzt auf Kleinigkeiten auf der Bühne, wie richtiges Atmen, Pausen und zeitlich korrekte Einsätze. Reicht das aus, um das Fiasko zu verhindern, das auch diesmal von allen Seiten am Ende seiner Regierungszeit erwartet wird?
Wer nach einem kleinen Trost bei diesem ganzen Spektakel sucht, muss sich auf Israels wundersame Stärke und sein Überlebenstalent beschränken. Auch unter den widrigsten Umständen, verursacht durch Generationen zynischer Premierminister, unkompetenter Aussenminister und brutaler Verteidigungsminister, steht Israel unbeirrt in der Brandung.
Warum sollen wir immer nur das halbleere Glas sehen? Ja, wir können jeden einzelnen der wöchentlichen «diplomatischen» Konflikte aufzählen, die Zahl der Länder, die innerhalb eines Jahres von Freunden zu Feinden geworden sind, den generellen Index des Hasses gegen Israel. Warum aber sollen wir uns nicht mit der Tatsache trösten, dass das Land immer noch überlebt, auch wenn es oft an ein Wunder grenzt? Dass Papas Fahrzeug immer noch keinen Totalschaden erlitten hat, auch wenn verantwortungslose Teenager am Wochenende ohne Versicherung mit ihm in hohem Tempo herumfahren und mitunter auch Unfälle verursachen? Zurzeit läuft in Israel eine PR-Kampagne, die Jugendliche dazu aufruft, jemanden aus dem Freundeskreis zu bestimmen, der nicht trinkt und sie nüchtern nach Hause fährt. In der Politik bekleidet diese Rolle im übertragenen Sinne in der Regel Shimon Peres, der seit Generationen israelische Regierungen in die richtigen Bahnen zu lenken weiss. Sei es als Präsident, als Aussenminister oder einfach als Mitglied der sozialistischen Internationalen – er ist es, der die Scherben zusammenfegt, zum Hörer greift, besänftigt, Hindernisse aus dem Weg räumt und den beschädigten Wagen in die Garage fährt. Das tat er auch in der Krise mit der Türkei. Wie lange geht das aber noch? Peres wird im August schliesslich 87 Jahre alt. Gibt es ausser ihm tatsächlich keinen verantwortungsbewussten Erwachsenen mehr in Israel?
Doron Rosenblum ist Redaktor bei «Haaretz».