Naive amerikanische Märchenstunde

von Andreas Mink, December 3, 2010
In seinem neuen Kinderbuch reduziert Barack Obama die amerikanische Geschichte auf platte Formeln. Dabei zeigt er mehr über sein Politikverständnis, als ihm lieb sein kann.
FEWRN VON DER REALITÄT Albert Einstein wird im Kinderbuch als verträumter Professor stilisiert

Eine Zeile des patriotischen Liedes «America» aus dem Jahr 1831 lautet «Of Thee I Sing». Dieses lässt sich leichter singen als die amerikanische Nationalhymne und dürfte auch deshalb das bekannteste Stück Musik in den USA sein. Jüngst hat US-Präsident Barack Obama ein seinen Töchtern Malia und Sasha gewidmetes Bilderbuch mit diesem Titel vorgelegt. 31 Seiten stark, ist Obamas «Of Thee I Sing» mit einer Startauflage von 500 000 Exemplaren erschienen, aber es verkauft sich deutlich schlechter als zuvor seine zwei autobiografischen Bände oder die aktuellen Erinnerungen seines Vorgängers George W. Bush. Das mag am Inhalt ebenso liegen wie an der fehlenden PR für den Titel.

13 verkannte Helden

Obama hat die kurzen Texte in «Of Thee I Sing» vor seiner Amtseinführung im Januar 2009 geschrieben. Er gibt keine Interviews dazu und stiftet die Erlöse den Kindern verletzter Soldaten. Das Buch will Amerikas Jugend an 13 Helden ihrer Geschichte vorbildliche Tugenden wie Mut, Kreativität und Nächstenliebe vorführen. Die Zahl ehrt die 13 Kolonien, die vor 230 Jahren das britische Joch abgeworfen haben. Auch die Auswahl mutet überaus patriotisch an und präsentiert mit George Washington, Abraham Lincoln und Martin Luther King nationale Ikonen. Daneben stellt Obama Berühmtheiten, die Gruppen von Stammwählern seiner demokratischen Partei repräsentieren: den Latino-Aktivisten Cesar Chavez, schwarze Künstler und Sportler wie Billie Holiday und Jackie Robinson, sowie Albert Einstein als Referenz an genialen Forschergeist und jüdische Amerikaner.
Zweifellos haben die 13 Helden allesamt historische Verdienste errungen. Aber Obama schmälert ihre Leistungen, indem er die gesellschaftlichen Hindernisse ausblendet, an denen etwa Billie Holiday zugrunde gegangen ist. Dass die Drogensucht der Sängerin auch mit ihrer ständigen Zurücksetzung durch das weisse Amerika zu tun hatte, ist vielleicht kein Stoff für Erstklässler. Aber warum Einstein zum verträumten Professor stilisieren, ohne seine Verfolgung durch die Nazis zu erwähnen? Immerhin kann Amerika ja stolz auf seine Geschichte als Exilland sein. Am Tiefsten klafft die Kluft zwischen historischer Wahrheit und der Märchen-Version Obamas bei der Doppelseite über den Sioux-Häuptling Sitting Bull. Den würdigt der Präsident als «Heiler», da er angeblich «gebrochene Herzen und Versprechungen» kuriert hat. Derart naiv-rührselige Konzepte stellen das Leben dieses Schamanen und Führers einer untergehenden Zivilisation auf den Kopf. Unsäglicher als Obamas Text über Sitting Bull ist jedoch das Bild dazu, das an LSD-seelige Konzertplakate oder Plattenhüllen aus den sechziger Jahren erinnert und das Gesicht des Häuptlings als Berglandschaft mit Bisons und Bäumen darstellt.

Schlichte Lektionen

Obama ist offenkundig nicht ernsthaft an den Biografien seiner Helden interessiert, sondern eignet sich diese nur als Stichwortgeber für seine schlichte Lektion an: «Amerika besteht aus Menschen aller Art» und die sollen «einander aufhelfen und zusammenarbeiten» zum Wohl der Nation. Dies war bereits das Credo der Rede auf dem Wahlparteitag der Demokraten 2004, mit der Obama schlagartig zum Hoffnungsträger seiner Partei wurde. Und mit diesem Motto ist er dann 2007 in den Präsidentschaftswahlkampf gezogen. Als er «Of Thee I Sing» zu Papier gebracht hat, stand Obama auf der Höhe seines Ruhms. Womöglich hat er damals wirklich geglaubt, dass seine zukunftsfrohe Gemeinsinns-Rhetorik auch im politischen Alltag Berge versetzt. Kurz nach Abgabe des Textes trat er sein Amt an.

Sprechende Naivität

Die aus dem Buch sprechende Naivität erinnert an das satirische Musical der Brüder George und Ira Gershwin aus dem Jahr 1931, das ebenfalls den Titel «Of Thee I Sing» trägt. Es mutet seltsam aktuell an, handelt es doch von einem naiven Jungpolitiker, der dank des schlichten Wahlprogramms «Liebe» zum US-Präsidenten wird. Der Titelsong ist eine flotte Jazz-Nummer, die den Helden als «leuchtenden Stern und Inspiration, würdig einer mächtigen Nation» besingt. So sahen viele Anhänger Obama im Wahlkampf. Inzwischen dürfte der Präsident ahnen, dass Amerika nicht aus «Menschen aller Art» besteht, die einander helfen wollen, sondern weiterhin von fundamentalen Konflikten zwischen Interessengruppen bestimmt wird. Im Kongress kann Obama nicht einmal auf seine eigene Partei zählen, während die Stimmbürger die knochenharte Obstruktion der Republikaner kurz vor Erscheinen von «Of Thee I Sing» mit einem historischen Wahlsieg belohnt haben. Heute fordern moderate und linke Stimmen den Präsidenten zunehmend verzweifelt zu Härte und klaren Positionen auf. Selbst seine Verteidiger wissen kaum zu sagen, wofür Obama im permanten Konflikt der Interessen eigentlich konkret steht. Dies schlägt sich etwa in der aktuellen Debatte um die Steuerpolitik nieder.

Ideale und Hoffnungen

Aber ist Obama tatsächlich so naiv, wie er sich mit «Of Thee I Sing» gibt? Einem Journalisten aus Chicago zufolge hat Oba­ma nach seiner triumphalen Rede 2004 gesagt: «Ich kann in der obersten Liga mitspielen. Ich bin LeBron, Baby.» LeBron James gilt als bester Basketballer seiner Generation und Obama dürfte seinen ersten, grossen Auftritt vor der Nation als Bestätigung für eine Kalkulation verstanden haben, die er 1995 in «Dreams from my Father» freimütig dargestellt hat: Um mit seinen unzweifelhaft grossen Talenten vom weissen Amerika akzeptiert zu werden, darf er keinesfalls als «wütender schwarzer Mann» wirken. So hat er eine kühl-abwägende, «professorale» Persönlichkeit entwickelt, die am besten zur Geltung kommt, wenn sich Obama als über kleinlichen Interessenskonflikten stehenden Vermittler präsentiert. Damit räumt er gleichzeitig ein, dass er auch bei den Demokraten keine eigene, ethnisch oder sonstwie verankerte «Hausmacht» hinter sich hat. Dies ist schon zu normalen Zeiten keine feste Basis für Politik. Problematisch wird Obamas Selbstgründung auf Idealen und Hoffnungen jedoch in der sozioökonomischen Krise von historischen Ausmassen, die Amerika heute erlebt und in der jeder noch so weiche Kompromiss unweigerlich harte Konsequenzen für die betroffenen Konfliktparteien hat.