Nahrung für die Massen

Von Sima Borkovski, July 8, 2011
In Israel gewinnt Biokost ständig neue Anhänger. Doch bislang profitieren von diesem Trend eher die Investoren als die Landwirte.
BIOLOGISCH ANGEBAUTES GEMÜSE Ein gewaltiges Wachstumspotenzial

Im Prinzip sollte jeder Mensch unabhängig von seiner Vermögenslage ein Recht auf gesunde Ernährung haben. Aber bis in die jüngste Vergangenheit konnten sich nur Leute mit einem besseren Einkommen gesundes Essen leisten. Doch dies ändert sich nun auch in Israel. Dort verstehen immer mehr Konsumenten die Bedeutung von biologischen Nahrungsmitteln, und Unternehmer investieren zunehmend in biologisch angebaute Produkte. «Biologisch» beschreibt jedoch nicht allein Anbaumethoden, sondern einen Bewusstseinszustand und eine Lebensweise. Israel erlebt derzeit einen
revolutionären Wandel bezüglich des Bewusstseins für Umweltprobleme und Ernährung. Eine zunehmende Zahl von Studien weist die Verbindung zwischen Nahrungsmittelzusätzen oder Pestiziden und Krebskrankheiten nach, was die Haltung der Konsumenten speziell gegenüber Obst und Gemüse verändert.

Wachsender Markt

Ein Pionier beim Anbau biologischer Nahrungsmittel in Israel ist der Kibbuz Harduf in Galiläa, dessen Mitglieder den anthroposophischen Lehren Rudolf Steiners folgen. Dort wurden schon vor 25 Jahren biologische Nahrungsmittel angebaut. Heute ist Harduf zum Synonym für gesundes Essen geworden und stellt eine breite Palette an Bioprodukten wie Milch, Brot, Nudeln, Tomatensauce sowie Obst und Gemüse her. Allerdings sah sich der Kibbuz 2002 genötigt, die Rechte an seiner Produktion an den Lebensmittelkonzern Tnuva zu verkaufen, um eine bessere Verteilung der Artikel zu ermöglichen. Dies symbolisiert die Fortschritte biologisch angebauter Nahrungsmittel, die sich von Produkten für eine kleine Zahl eingeschworener Gesundheitsfanatiker Richtung Massenkonsum entwickelt haben. Dass ein Grossunternehmen wie Tnuva in Harduf investiert, zeigt zudem, dass Biokost keine Eintagsfliege ist.
Neben Harduf importiert, entwickelt und vertreibt die Firma Adama biologisch angebaute Nahrungsmittel in Israel. Das Unternehmen gehört dem Kibbuz Maabarot und wird von Kobi Edri geleitet, der seine Karriere beim Kibbuz Harduf vor der Übernahme durch Tnuva begonnen hat. Edri erinnert sich: «Ich hatte viele Freunde, die im Kibbuz Harduf Biolandbau allein für den internen Verbrauch betrieben haben. Als immer mehr Leute zu ihnen kamen, um die Produkte zu erwerben, verstanden sie, dass diese Nahrungsmittel profitabel sein könnten. So haben wir Harduf Enterprises gegründet und mit dem Verkauf biologischer Nahrungsmittel an Bioläden in Israel begonnen.»
Edri räumt ein, dass er als Geschäftsmann aus finanziellen Gründen in biologische Nahrungsmittel investiert hat. Aber er betont auch, dass er an die «Botschaft dieser Ernährungsweise glaubt» und nur deshalb in diese Branche eingestiegen ist: «Als wir 1994 angefangen haben, war Biokost derart esoterisch angehaucht, dass sich das fast wie eine sektiererische Sache angefühlt hat. Aber mit dem wachsenden Interesse hat sich unser Geschäft nicht nur entwickelt, sondern bald auch Nachahmer gefunden.» Edri erzählt, wie Guy Provizor im Jahr 2003 einen kleinen Biosupermarkt namens Eden Market in Or Yehuda gründete, der sich bald grosser Beliebtheit erfreute. 2007 hat er dann ein riesiges Geschäft in der Industriezone von Netanya eröffent, das mit 2870 Quadratmetern Verkaufsfläche das grösste seiner Art im ganzen Nahen Osten und eines der grössten weltweit ist. Dabei hat Provizor kurz darauf mit der Supermarktkette Blue Square (Haribua Hakahol) einen Investor gefunden, der die Hälfte seiner Anteile erworben hat.
Edri betrachtet diese Entwicklungen lediglich als Anfang einer weltweiten Welle von Investitionen in Bioprodukte. In Israel hat sich mit Super Sal jüngst eine weitere Supermarktkette in dieses Geschäft gewagt: «Davon wird die breite Bevölkerung profitieren, da biologisch angebaute Nahrungsmittel inzwischen nicht mehr teure Produkte für reiche Leute sind. Die hohen Preise ergaben sich ursprünglich aus kleinen Anbauflächen und Vertriebssystemen. In Israel bewegt sich der Anteil des Bio-landbaus immer noch bei nur 1,5 Prozent, in Europa und den USA liegt er mit drei bis fünf Prozent deutlich höher. Dies bedeutet jedoch, dass wir hier ein gewaltiges Wachstumspotenzial haben.»

Schwierige Bedingungen

Adama arbeitet mit Bio¬bauern überall in Israel zusammen und unterstützt diese mit Rat, überwacht aber auch die Anbaumethoden. Nur so können Landwirte die Zertifikate der Überwachungsverbände Agrior, Tuv Hasade und Skal Israel für ihre Produkte erwerben. Edri erklärt: «Diese Regeln sind verbindlich und ihre Einhaltung wird von Inspektoren vor Ort überprüft. Biolandbau fängt bei der Behandlung des Bodens und der Nutztiere an. Äcker sollten nicht mit Chemikalien verseucht werden und Hennen sollten sich frei bewegen können und nicht in dunklen, übervölkerten Käfigen gehalten werden. Kühe sind unter besten Bedingungen in trockenen und geräumigen Ställen zu halten.»
Derzeit sieht es so aus, als ob Investoren mehr von dem neuen Trend profitierten als Bauern. Diese müssen mit den hohen Kosten für Wasser rechnen und werden bislang in keiner Weise von der Regierung unterstützt. Zu letzteren gehören David und Orna Mimran, die nach einer Terrorattacke mit ihren acht Kindern aus der Siedlung Itamar nach Karkum nördlich des Kineretsees gezogen sind. Dort haben sie den Biohof Nahalat Yosef gegründet. Orna erinnert sich: «Der Terrorist hat uns nachts im Bett mit einem Messer angefallen. Aber wir konnten ihn überwältigen und schliesslich erwürgen. Das war eine erniedrigende Erfahrung für uns. Dass uns ein Terrorist im Bett überraschen konnte, in unserem Schlafzimmer geblutet hat und wir ihn mit ¬unseren eigenen Händen töten mussten – das liess uns von Itamar wegziehen. Zum Glück waren unsere Kinder zu ¬dieser Zeit bei meinen Eltern im Norden Israels.»
Orna räumt ein, dass die Böden in Itamar für den Ackerbau sehr viel besser geeignet sind als die in Karkum: «Wir haben am Berg gewohnt und die Luft war viel besser. Auf unseren Feldfrüchten lag viel Segen.» Das Paar betrieb zudem einige Grünhäuser in Itamar, gab diese jedoch auf, nachdem die Reise von Karkum nach Itamar zu beschwerlich geworden war. Orna sagt mit Bedauern: «Man muss schon ein wahrer Idealist sein, um als Biobauer zu leben. Die Gewinne rechtfertigen die enormen Anstrengungen und Investitionen nicht. Ich würde diese Existenz niemandem empfehlen.»
Dennoch zieht die Familie Mimran weiter biologisch angebautes Gemüse und Obst wie Erdbeeren, Tomaten, Karotten, Gurken oder verschiedene Salatsorten. Sie verkauft ihre Produkte in einem eigenen Laden und bietet dort auch die Ackerfrüchte anderer Bauern an. Das Geschäft bietet zudem hausgemachte Konfitüren, Olivenöl und sogar Mehl und Pasta. Ihre Kunden kommen aus dem gesamten Golangebiet.
Die Produkte von Harduf, Adama und Nahalat Yosef sind übrigens koscher.