Nachruf auf die Redlichkeit
Kein Skandal, keine Affäre, kein politisches Fiasko zwangen Ursula Koch zum Rücktritt vom SP-Parteipräsidium; Redlichkeit und ihre Gesundheit waren es. Ursula Koch ist sich und der Parteibasis auch im höchsten SP-Amt treu geblieben. Und deshalb musste sie zurücktreten. Wenn jetzt die Kommentare in Partei und Medien auf die Zürcher Nationalrätin herunterprasseln, dann ist ihnen doch immerhin eines gemein: sie attestieren Ursula Koch bei aller berechtigten und unberechtigen Kritik ein hohes Mass an Menschlichkeit. Und diese, für die sie nicht zuletzt auch die Parteibasis übermässig liebte, wurde ihr paradoxerweise zum Verhängnis - sie pflegte nicht zu taktieren, liess sich nicht auf leere Rethorik ein, stand offen zu ihrer Meinung. Mag sein, dass diese naiv anmutende Haltung - oft als Sturheit gebrandmarkt - in diesem Amt fehl am Platz ist. Doch dass ausgerechnet in einer sozialdemokratischen Partei die Präsidentin weggemobbt wird, ausgerechnet dort in der Parteiführung kein Raum für Dialog ist, ausgerechnet dort seit Monaten nicht mehr die Sach- sondern Personalpolitik auf der Tagesordnung steht, ist ebenso selbstredend. Mit ihrer Kritik am Funktionieren der Medien während ihres Auftritts an einer Verlegertagung in Gstaad löste Koch vor zwei Jahren eine Debatte über die Rolle und Funktion der Medien aus. So fatal und kurzsichtig Kochs Widerstand gegen die Medien auch erscheinen mochte, so sehr unterliess es unsere Gilde, die Vorwürfe substantiell und selbstkritisch zu hinterfragen. Denn diese entsprangen einem ethischen Verständnis im Umgang mit Menschen. Wie sehr Koch ihre politischen Mandate verinnerlichte und ernst nahm - wohl auch deshalb konnte sie sich nicht gegen sich und andere durchsetzen -, zeigte sich letzten Freitagabend nochmals bei ihrem Auftritt vor der Jüdischen Studentenschaft Zürichs (vgl. S. 3). Obwohl gesundheitlich angeschlagen und wenige Stunden vor ihrem Rücktritt - jeder andere Politiker hätte kurzfristig abgesagt -, beeindruckte Koch mit offenen Worten auf kritische Fragen, ohne Häme und Polemik. Dass diese sachliche Offenheit in der SP-Führung nicht behagte, mag ist mittlerweilen offensichtlich. Ob mit dem Rücktritt die Probleme der Parteiführung gelöst werden, ist äusserst fraglich. Am Schluss bleibt offen, ob die Parteiführung oder die Parteipräsidentin fehl am Platz waren. Bleibt zu hoffen, dass Kochs Rücktritt parteiintern wenigstens dazu führt, Wesen und Funktion der SP-Politik auch über Sachthemen hinaus neu zu positionieren. Koch hat sich nun befreit von Polemik, Intrigen und Angriffen. Zurück bleibt eine führungs- und orientierungslose Partei, der es gut anstehen würde, wieder mehr Redlichkeit und Ernst walten zu lassen. Die Parteibasis würde es ihr danken.