Nachfolger gesucht

May 8, 2008
Viele jüdische Gemeinden und Organisationen kämpfen mit Nachfolgeproblemen. Das Ehrenamt wird heute vielen zur Last, während es einst Ehre bedeutete. Ein Phänomen, das diesen Institutionen Sorge bereitet und verschiedene Ursachen zu haben scheint.
<strong>Pl&auml;tze zu vergeben </strong>Viele j&uuml;dische Institutionen sind auf der Suche nach Mitwirkenden

Jüdische Vereinigungen, Gemeinden und selbst der Schweizerische Israelitische Gemeindebunds (SIG) leiden unter einer Entwicklung, die typisch für die heutige Gesellschaft ist: Es ist für viele Menschen nicht mehr attraktiv, sich ehrenamtlich für eine Sache zu engagieren und Freizeit in einen Verein oder eine Institution zu investieren. Es ist für viele Mitglieder dieser Gemeinschaften abgesehen von der zeitlichen Belastung nicht mehr reizvoll, sich mehr als nötig einzubringen oder gar Verantwortung zu übernehmen. Sicher nicht ein spezifisch jüdisches Problem, aber eines, das die jüdischen Organisationen oftmals empfindlich trifft und sie vor neue Herausforderungen stellt.

Idealismus ist nicht mehr modern

So ist beispielsweise der Vorstand der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) auf Beschluss von letztem Jahr von neun Mitgliedern auf fünf reduziert worden. Nachdem Harry Berg nach sechs Jahren Amtszeit als Präsident der ICZ im vergangenen Dezember zurückgetreten war, übernahmen André Bollag und Shella Kertész gemeinsam das neue Co-Präsidium. Bollag bedauert, dass sich immer weniger Menschen bereit erklären, Ämter zu übernehmen, sieht darin aber vor allem ein gesellschaftliches Phänomen, das ebenso in der Politik zu beobachten sei. Menschen zwischen 30 und 50 Jahren würden heute auch aus finanziellen Beweggründen eher in der Wirtschaft ihre Zukunft sehen als in der Politik, merkt er an. Hinzu kommt aus seiner Sicht die Tatsache, dass «Idealismus heute nicht mehr so modern ist». Seine Generation habe noch andere Zeiten erlebt und sei daher vielleicht auch noch leichter für eine Sache zu motivieren. Optimistisch fügt er hinzu: «Ich habe mir vorgenommen, meine Arbeit als Co-Präsident der ICZ so gut zu machen, dass sich die Mitglieder der Gemeinde später um diesen Posten reissen werden».

Ein Präsidiumsposten wird im Juni bei der Basler Wizo-Sektion vakant, da Hanna Märki nach neun Jahren Amtszeit ihren Rücktritt bekannt gegeben hat. Als Grund gibt sie zum einen die zeitliche Belastung an: Da sie beruflich ohnehin sehr stark eingebunden sei, würde ihr schlicht und ergreifend die Zeit fehlen, sich weiterhin als Präsidentin zu engagieren. Hinzu käme, dass die Verantwortung, die man in diesem Amt trage, gross sei. Bislang hat sich niemand aus dem Wizo-Vorstand bereit erklärt, ihr Amt zu übernehmen. Märki sagt, man werde daher versuchen, jemanden von aussen zu engagieren, und sie zeigt sich zuversichtlich, dass eine Übergangslösung gefunden werde. Die Wizo-Präsidentin sieht in dieser aktuellen Situation aber auch ein allgemeines Problem: «Wir stehen in dieser Sache ja nicht alleine da. Die meisten Organisationen haben Probleme, engagierte Persönlichkeiten zu finden», sagt sie. Ein weiteres Beispiel ist der Basler Tennisclub Hakoah, der 1925 gegründet wurde und der in seinen besten Zeiten fünf eigene Plätze hatte, auf denen reger Betrieb herrschte. Diese Zeiten sind offenbar vorbei, und neben neuen Mitgliedern fehlt es dem Verein vor allem auch an Organisatoren. Da sich lange Zeit niemand bereit erklärt hatte, das Amt des Präsidenten zu übernehmen, ist Joel Guttmann erneut eingesprungen. Guttmann leitete den Hakoah bereits von 1978 bis 1988 und fungiert seit diesem Jahr wieder im Amt, nachdem der Club rund fünf Jahre ohne Vorstand und nur mit Mühe aufrechterhalten wurde. «Der Hakoah liegt mir am Herzen», betont er, «aber ich habe auch Spass an der Arbeit und sie stresst mich nicht». Guttmann, der sich zudem bei Shomre Thora und in der B’nai-B’rith-Loge engagiert, gibt zu bedenken, dass es immer die gleichen Menschen seien, die sich ehrenamtlich in Organisationen engagieren. «Menschen, die ohnehin viel auf sich nehmen, werden in solchen Situationen gerne erneut angesprochen», sagt er. Der Hakoah habe neben der – trotz Roger Federer – «schrumpfenden Tenniswelt» darunter zu leiden, dass sich viele Mitglieder aus zeitlichen Gründen nicht zutrauen würden, ein Amt zu übernehmen: «Sie machen sich Sorgen, eine Arbeit zu übernehmen und dann nicht genügend Zeit für sie zu haben», so Guttmann. Dass sich die ehrenamtliche Arbeit oftmals auf nur wenige Schultern innerhalb einer Gemeinschaft verteilt, wird auch am Beispiel des derzeitigen ICZ-Präsidiums deutlich: So war Shella Kertész bis 2001 Präsidentin von Wizo Zürich, wo sie heute als Ehrepräsidentin fungiert; zudem ist sie Vizepräsidentin der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. André Bollag amtete bis 2006 als Präsident der Jüdischen Schule Noam. Er engagiert sich zudem im Ausschuss des Keren Hajessod und ist Mitglied im Komitee der Schweizer Freunde von Yad Vashem.

Die Arbeit ist aufwändiger geworden

Keinen Mangel an engagierten Mitgliedern in den Gremien scheint die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) zu haben, deren jetziger Präsident René Spiegel per Ende Juni zurücktritt. Als Nachfolgekandidat hat sich bereits Guy Rueff nominieren lassen, und laut Spiegel gebe es auch schon Gemeindemitglieder, die sich künftig im Vorstand engagieren wollen. Spiegel sagt gegenüber tachles: «Wir haben bislang zum Glück immer Leute gefunden, die sich engagieren möchten, und haben keine Probleme». Er gibt aber zu bedenken, dass es innerhalb der jüdischen Gemeinschaft sehr viele verschiedene Vereine gibt, die ihre Synergien teilweise vielleicht besser nutzen und mehr zusammenarbeiten könnten. Einen weiteren Grund für das oftmals fehlende Interesse an ehrenamtlichen und verantwortungsvollen Posten sieht er in der Tatsache, dass die Vorstandsarbeit im Vergleich zu früheren Zeiten deutlich aufwändiger geworden sei. Dieser Ansicht ist auch Alfred Donath, der ehemalige Präsident des SIG. Donath hat nunmehr acht Jahre als Präsident, vier Jahre als Vizepräsident und zudem zwölf Jahre in der Geschäftsleitung des SIG gewirkt und betont: «Die Führungsarbeit in einem Gremium nimmt heute wesentlich mehr Zeit in Anspruch als früher.» Es gebe mehr Kontrollorgane, eine stärkere Professionalisierung der Arbeit und mehr Menschen, die die Vorstandsarbeit kritisieren. «Aus diesen Gründen ist ein Engagement oftmals nicht so befriedigend, wie man sich das vorstellt», so Donath. Er verweist auch nach Lausanne, wo der Präsident der Israelitischen Gemeinde nach nur einem Jahr von seinem Amt zurücktreten wird.

Engagiert und mit Know-how

Der Geschäftsführer des Jüdischen Nationalfonds Keren Kayemet Leisrael (KKL) Jariv Sultan in Zürich beantwortet die Frage, ob die Vereinigung Schwierigkeiten habe, Mitwirkende zu finden, mit einem «Jein». Er sagt, dass beispielsweise in Zürich gerade ein neuer Präsident und auch Vorstandsmitglieder gefunden worden seien, die nicht nur grosses Know-how, sondern auch viel Engagement mitbrächten – obwohl sie alle zudem berufstätig sind. In Basel aber gestalte sich die Situation durchaus schwieriger. Sultan möchte zwei Aspekte betonen: Zum einen ist es aus seiner Sicht heute schwieriger, ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden, was vor allem daran liege, dass mittlerweile sowohl Männer als auch Frauen arbeiten und Karriere machen und somit kaum Zeit finden, sich auch noch nebenbei zu engagieren. Sultan betont aber auch, dass die Menschen, die sich melden, meist sehr gut ausgebildet und kompetent seien: «Teilweise kommen Leute, die sagen: ‹Ich möchte etwas für Israel tun, das sind meine Fähigkeiten, und die möchte ich bei euch einsetzen›.» Sultan gibt aber auch – gerade mit Blick auf Basel – zu, dass sich der KKL ebenso wie andere Vereinigungen auch über noch mehr Engagement freuen würde: «Jeder Verein wünscht sich mehr Leute, das ist klar», sagt er und bringt damit ein Bedürfnis nach motivierten und ehrenamtlich wirkenden Menschen auf den Punkt, das in der heutigen Gesellschaft offenbar nicht mehr leicht zu befriedigen ist.

Valerie Doepgen