Nach der Katastrophe
Von den ehemals 500 000 deutschen Juden, welche 1933 im Deutschen Reich gelebt hatten, lebten nach Kriegsende vielleicht zwischen 15 000 und 20 000 noch in ihrem alten Heimatland. Der überwiegende Teil derjenigen, die in Deutschland überlebt hatten, konnten dieses aufgrund der Tasache, da ihnen ein nichtjüdischer «arischer» Ehepartner zur Seite stand, der sich auch auf Druck nicht von ihnen trennen mochte. Vielleicht 3000 hatten in Verstecken der Vernichtung entkommen können, und wahrscheinlich nicht mal 1000 der sich im Sommer 1945 in Deutschland befindenden deutschen Juden hatte zumindest physisch die Konzentrationslager überlebt.
Gerettet und wieder in Lager
Neben den überlebenden deutschen Juden hielt sich nach dem Krieg noch eine andere weitaus grössere Gruppe von Juden in Deutschland auf: die jüdischen Displaced Persons (DPs). In die Kategorie der DPs fielen nach Kriegsende all jene, die aufgrund des Krieges ihr Heimatland verlassen mussten oder verschleppt wurden. Bei Kriegsende bildeten die Juden nur einen sehr geringen Teil der sich auf bis zu sieben Millionen Menschen belaufenden Gruppe der DPs. Doch sollte sich dieses schnell ändern, ging doch die Repatriierung der nichtjüdischen DPs meist recht zügig vonstatten, wohingegen die jüdischen DPs, der She’erit ha-Plejta («Rest der Geretteten»), meist weder Orte noch Menschen hatten, zu denen sie hätten zurückkehren können. Für viele war eine Emigration nach Palästina oder auch in die USA das Ziel, der Aufenthalt in einem der von den Westmächten gegründeten DP-Lagern nur als Zwischenstopp gedacht.
Die hygienischen Zustände in diesen, die teilweise auf dem Gelände ehemaliger Konzentrations- und Arbeitslager entstanden, waren teilweise katastrophal, hinzu kam, dass die DPs zuerst nach Nationalitäten untergebracht wurden, wodurch es nicht selten passieren konnte, dass jüdische Überlebende zusammen mit ihren ehemaligen Aufsehern aus dem KZ in einem DP-Lager einquartiert wurden. Antisemitismus bei den nichtjüdischen DPs und auch bei den alliierten Soldaten war verbreitet. In der amerikanischen Zone besserte sich die Situation für die jüdischen DPs wesentlich nach Erscheinen des Harrison-Berichts Ende August 1945. In ihm hatte der Jurist Earl G. Harrison, der im Auftrage des State Departments rund 30 DP-Lager besucht hatte, vehement das Verhalten der amerikanischen Streitkräfte kritisiert. Als Folge des Berichts erhielten die jüdischen DPs einen eigenen Status, womit eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln und vor allem die Unterbringung in eigenen DP-Lagern verbunden war.
Uneinheitliche Politik der Besatzungsmächte
Bis dahin hatten sich hauptsächlich die Militärrabbiner, die jüdischen Angehörigen der alliierten Streitkräfte und ab dem Spätsommer 1945 auch das American Jewish Joint Distribution Committee (AJDC) - bekannt unter der Kurzform «Joint» - um das Schicksal der jüdischen DPs gesorgt. Die Einrichtung des Amtes eines Advisors on Jewish Affairs bei der amerikanischen Armee dokumentierte den neuen Stellenwert, den die jüdischen DPs einnahmen. Der Harrison-Bericht sollte noch in weiterer Hinsicht von Bedeutung sein: In ihm wurde die Alijah letztlich als einzige Lösung für die Probleme der jüdischen DPs gesehen. Diese Auffassung teilte die britische Mandatsmacht in Palästina natürlich nicht. Zum Ausdruck kam dieses auch in der britischen Politik in ihrer Besatzungszone gegenüber den jüdischen DPs, denen man konsequent einen eigenen Status verwehrte (ebenso verfuhr übrigens auch die französische Militärregierung).
Seit dem Herbst 1945 nahm die Anzahl der jüdischen DPs in der amerikanischen Zone rapide zu. Ihre Zahl vervierfachte sich zwischen Januar und Oktober auf 141 000. Die Ursache hierfür war der virulente Antisemitismus in grossen Teilen der polnischen Bevölkerung, der immer wieder zu Ausschreitungen gegen die heimkehrenden Juden führte. Das Pogrom von Kielce, bei dem im Juli 1946 aufgrund einer mittelalterlichen Ritualmordlüge über 40 jüdische Kinder, Frauen und Männer ermordet wurden, ist wohl der bekannteste Fall. Die Fluchthilfeorganisation Brichah («Flucht») schleuste die Flüchtlinge grösstenteils in die amerikanische Zone, da einerseits die Lebensbedingungen für jüdische DPs dort am besten waren, andererseits erhoffte man sich dadurch verstärkten Druck der amerikanischen Regierung auf die britische hinsichtlich der Erteilung von Einwanderungszertifikaten für Palästina.
Die enorme Zuwanderung erzeugte erhebliche Probleme bei der Bewältigung des Lebens in den DP-Lagern. Für die Verwaltung dieser war in der amerikanischen Zone seit November 1945 und in der britischen seit März 1946 die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) zuständig. Sie sorgte für die soziale und medizinische Versorgung der DPs, wesentliche Unterstützung erhielt sie dabei vom «Joint», der praktisch in allen Lebensbereichen der jüdischen DPs zur Seite stand und auch bei der Wiedererrichtung der Jüdischen Gemeinden behilflich war. Die Ausführung kultureller und religiöser Programme in den DP-Lagern geschah vielfach mit Unterstützung der «Joint»-Mitarbeiter. Diese sorgten auch für den Aufbau von Suchdiensten und halfen bei der Emigration, während die Jewish Agency (JA) die Alijah organisierte. Nachdem die UNRRA sich nach der ersten Jahreshälfte 1947 aus Deutschland zurückzog und ihre Aufgaben nur teilweise von der International Refugee Organization (IRO) übernommen wurde, wuchs die personelle und auch die finanzielle Belastung für den «Joint». Mit zunehmender Zeit gewannen gerade die kulturellen und bildungspolitischen Programme an Bedeutung, hatte sich der kurze Zwischenstopp doch für viele zu einem ausgedehnten Aufenthalt entwickelt. Der Aufbau von Bibliotheken und die Ausarbeitung eines Schulunterrichts in den DP-Lagern bildete eine Reaktion auf dieses Faktum.
Die Organisation der jüdischen Displaced Persons
Organisiert waren die befreiten Juden in den jeweiligen Zentralkomitees in ihren Zonen. Als erstes hatte sich ein provisorisches Komitee in der britischen Besatzungszone um den Auschwitz-Überlebenden Josef Rosensaft gegründet, der die zentrale Figur im Zentralkomitee der britischen Zone bleiben und später auch Mitglied des ersten Direktoriums des Zentralrates der Juden in Deutschland sein sollte. Allerdings war Rosensaft umstritten, hauptsächlich wegen der mangelnden demokratischen Strukturen im Zentralkomitee. Unumstritten ist allerdings seine Leistung beim Wiederaufbau der Kultusgemeinden in der britischen Zone und seine Mittlerfunktion zwischen den jüdischen DPs und den deutschen Juden.Das Zentralkomitee in der französischen Besatzungszone wurde aus Abgesandten der Gemeinden und der DP-Lager gebildet, deren Zahl sich die Waage hielt, besass allerdings aufgrund der geringen Anzahl von nicht viel mehr als tausend Mitgliedern kaum Gewicht.
Von der Mitgliederzahl her am gewichtigsten war natürlich das von den jüdischen DPs in der amerikanischen Zone gegründete Zentralkomitee, welches eine klar zionistische Ausrichtung verfolgte und auf eine Zusammenarbeit mit den Kultusgemeinden in ihrer Zone verzichtete. Im September 1946 wurde das Komitee offiziell durch die amerikanische Militärregierung anerkannt.
Durch die Staatsgründung Israels im Mai 1948 und den Displaced Persons Act der USA im Juni desselben Jahres beschleunigte sich der Zerfall der Zentralkomitees, stand doch einer Auswanderung nun kaum mehr etwas im Wege. Zurück blieben diejenigen, die in Deutschland bleiben wollten - zum Teil, da sie dort geheiratet hatten - oder mussten, da sie aus gesundheitlichen Gründen keine Einreisegenehmigungen für andere Staaten erhielten. Schon bald nach der Gründung des Zentralrates der Juden in Deutschland im Sommer 1950 wurden die Zentralkomitees in den drei Zonen aufgelöst. Doch einzelne DP-Lager existierten weiter, am längsten Föhrenwald, das erst Anfang 1957, nachdem es schon unter deutsche Verwaltung gestellt worden war, von den letzten jüdischen DPs verlassen wurde und aufgelöst werden konnte.
Obschon das Schicksal der jüdischen DPs als eine kurze Episode in der jüdischen Geschichte in Deutschland gelten mag, ist es kein abgeschlossenes Kapitel. Das Paradoxon, dass gerade Deutschland in den ersten Nachkriegsjahren für viele Juden der Wartesaal war, in dem so verzweifelt hoffnungsvoll ausgeharrt wurde, wird bestehen bleiben; und ebenso hoffentlich das Haus, das einige - wenn auch teilweise notgedrungen - im Wartesaal gebaut haben.