Nach dem Beben

Von Albert Sussler, March 18, 2011
Die Katastrophenmeldungen aus Japan reissen nicht ab. Nach dem grossen Beben, dem verheerenden Tsunami und etlichen Nachbeben ist das Land nun akut durch die atomare Gefahr bedroht. Ein Zeugenbericht aus der Krisenregion.
VERHEERENDE KATASTROPHE Hunderttausende haben alles verloren

Wir beobachten die Katastrophe im Fernsehen. Fast alle Kanäle zeigen rund um die Uhr Nachrichten und Bilder über das Erdbeben, den Tsunami und die Folgen. Bilder, die sich ins Bewusstsein eingraben. Tsunami-Wellen, die über die früher so imposanten Flutmauern brechen und Fischerboote wie Spielzeug in überschwemmte Ortschaften werfen. Ganze Städte sind verwüstet worden. Von den 18 000 Einwohnern von Minami Sanriku wird die Hälfte immer noch vermisst. Ich sehe ein Schiff, das auf einem zweistöckigen Wohnhaus liegt. Von vier Personenzügen fehlt jede Nachricht, sie sind schlicht verschwunden. Eine verzweifelte Mutter ruft den Namen ihres Kindes.

Hilflosigkeit

Unser Zuhause in Tokoname wirkt wie eine andere Welt. Hier, ausserhalb der Grossstadt Nagoya, hat sich physisch nichts geändert, auch wenn wir immer wieder Nachbeben registrieren. Doch diese sind so leicht, dass ich sie am Unglückstag auf dem Heimweg beim Radfahren zunächst nicht gespürt habe. Erst als mein Sohn den Fernseher eingeschaltet hat, wurde mir verständlich, warum Feuerwehrwagen in den Strassen standen. Ich hatte das zunächst nur für eine Übung gehalten. Doch jetzt ist der Ernstfall eingetroffen und die meisten Menschen hier im Süden und Westen Japans können nichts anderes tun, als die Katastrophe am Fernseher mitzuerleben.
Aber die Eltern meiner Frau leben in den Bergen von Fukushima. Wir konnten sie telefonisch erreichen. Sie hatten persönlich keinen Schaden davongetragen. Doch die Hauptstrasse in den Nachbarort Wakamatsu ist nicht mehr passierbar. Das Beben hat sie verdreht und aufgebrochen. In ihrer Gegend stehen alle Züge still. Im nächsten Tal ist ein Damm gebrochen und das Wasser hat viele Häuser weggeschwemmt. Freunde von uns in Fukushima waren schwerer zu erreichen. Aber sie scheinen überlebt zu haben.

Verheerende Welle

In der Provinz Iwate unmittelbar nördlich des Katastrophengebiets beschwert sich ein älterer Mann bei einem Fernsehteam, er habe nicht gewusst, wie er auf die Alarmsirenen reagieren sollte. Ob Erdbeben, Flut oder Tsunami – die Sirenen haben für jeden Unglücksfall den gleichen Ton. Der alte Mann ist deshalb lieber in seinem Haus geblieben. In der Hafenstadt Otsuchi Iwate, 150 Kilometer nördlich von Sendai, standen städtische Angestellte nach dem Alarm auf dem Dach eines Verwaltungsgebäudes, um Sicherheitsmassnahmen zu besprechen. Dann kam der Tsunami. Die Welle ging einfach über das Gebäude hinweg. Wer sich nicht an das Metallgeländer klammern konnte, wurde fortgespült. Nur sieben Männer haben überlebt. Nahebei hatten 500 Menschen in einer Sporthalle Zuflucht gesucht. Sie sind alle ertrunken. Die Flutmauern in der Region waren für einen sechs Meter hohen Tsunami ausgelegt. Als die Wasserwand am letzten Freitag kam, war sie elf Meter hoch.
Ein Bekannter von uns, Herr Sekiguchi aus Tsukuba Ibaraki (135 Kilometer südlich des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi), sagt, dass zwischen dem Alarm und dem Eintreffen des Tsunami 20 Minuten lagen. Die meisten Leute in dieser Gegend haben die Sirenen nicht ernst genommen und blieben in ihren Häusern. Sie wähnten sich sicher, da sie weit vom Meeresufer lebten. Nun sind viele von ihnen obdachlos oder verschollen. In den Supermärkten der Region gibt es keine Nahrungsmittel mehr. Die Tankstellen sind ausverkauft. Immerhin konnte die Trinkwasserversorgung wieder hergestellt werden. Die Menschen dort können noch längst nicht die Schäden überschauen, die das Beben und die Flut ihrer Existenz zugefügt haben. Hinzu kommen die schlimmen Nachrichten aus dem Atomkraftwerk.
Unser Nachbar Herr Watanabe, der für den Ricoh-Konzern arbeitet, erzählt mir von einer Hilfsaktion für seine Kollegen in dem Werk in Sendai. Die Mitarbeiter haben einen Laster gemietet. Herr Watanabe hat Reis von dem Hof seiner Familie darauf geladen, andere Kollegen brachten Nudelsuppe und Onigiri (Reisbälle). Der Laster musste auf Umwegen über die Berge fahren, da das Militär die Küstenstrasse vom Süden her für seine Hilfsmassnahmen übernommen hat. Herr Watanabe erzählt mir, dass viele andere Bauern und Firmenangestellte ähnliche Unterstützungsmassnahmen organisieren.

Die atomare Gefahr

Die grösste Sorge gilt dem Fukushima-Daiichi-Atomreaktor direkt an der Küste. Die Flut hat die Kühlsysteme der Anlage zerstört. Während ich schreibe, laufen immer noch verzweifelte Versuche, die Brennstäbe mit Seewasser abzukühlen. Eine Reihe von Explosionen hat die Reaktorhüllen zerstört. Die Regierung hat bereits 150 000 Bewohner aus der Umgebung des Reaktors evakuiert. Sie können nicht sagen, ob und wann diese Menschen wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Die Leute fragen sich, ob ihnen die Regierung überhaupt die Wahrheit über die Situation im Reaktor sagt. Wollen Offizielle eine Panik vermeiden? Aber Unsicherheit und Misstrauen machen Menschen erst recht panisch. Viele wundern sich auch, warum der nicht sonderlich populäre Premierminister Naoto Kan die Informierung der Öffentlichkeit meist seinem Kabinettsekretär Yukio Edano überlässt. Dies könnte die Abdankung Kans zugunsten Edanos signalisieren.

Katastrophenschulung

Immerhin hat die Regierung seit dem Kobe-Erdbeben von 1995 sehr viel für den Katastrophenschutz und das Rettungswesen unternommen. Nun arbeiten die Verteidigungskräfte reibungslos mit lokalen Stellen zusammen, um Hilfsgüter in das Katastrophengebiet zu transportieren. Auch die Hilfe aus dem Ausland kommt ohne bürokratische Hürden zur Wirkung. Überall stehen Sammelkästen für Spendengelder, in Behörden, Schulen, Supermärkten und an der Strasse.
Für die japanischen Kinder beginnt die Vorbereitung auf Erdbeben schon im Kindergarten. Die Vorschullehrerin Frau Sasura bei uns in Tokoname erklärt, dass die Kleinen einmal im Monat aus dem Schulgebäude evakuiert und von ihren Erziehern gruppenweise auf den Schulhof geführt werden. Mehrmals im Jahr wandern die Klassen zusammen auf eine sichere Anhöhe ausserhalb des bebauten Gebietes. Die Kinder lernen, unter ihren Schultischen Zuflucht zu suchen, wenn sie den Beginn eines Bebens spüren. Bis in die obersten Klassen werden jährliche Evakuierungsübungen durchgeführt. Aber auch hier bei uns an der Küste wurden Schüler bislang nicht auf Tsunamis vorbereitet.