Nach Bin Laden

May 6, 2011

 Die Reaktionen israelischer Politiker auf die Liquidation Osama bin Ladens kamen zahlreich und hielten sich im Rahmen der Erwartungen. Premier Binyamin Netayanu sprach von einem «Sieg der Freiheit und der Werte der Schulter an Schulter gegen den Terror kämpfenden Demokratien», für Vizeaussenminister Danny Ayalon stellt die Beseitigung des «Terroristen Nummer eins» einen «psychologischen Wendepunkt im Kampf gegen den Terror» dar, Staatspräsident Shimon Peres gratulierte Barack Obama persönlich und betonte, man dürfe nicht aufhören, den Terror «Tag und Nacht» zu bekämpfen, und für Aussenminister Avigdor Lieberman schliesslich ist es symbolisch, dass bin Laden ausgerechnet an dem Tag ermordet wurde, an dem die Juden in aller Welt der Opfer des Holocaust gedachten. Diese Kette israelischer Reaktionen, die noch beliebig weitergeführt werden könnte, ist leicht zu erklären. Israel, global eines der Hauptopfer terroristischer Gewalt, sah sich durch das Vorgehen Obamas in der Richtigkeit seiner seit Jahren geäusserten Warnungen vor dem Terror bestätigt und dürfte von seiner kompromisslosen Haltung fundamentalistischen Extremisten gegenüber nicht abrücken, im Gegenteil: Jedes von Washington vorgelegte Konzept zur weiteren Schwächung von al-Qaida und ähnlich gelagerten Gruppierungen wird von nun an von Jerusalem weniger kritisch und, wenn die Umstände es gestatten, auch praktisch mitgetragen werden. Emmanuel Sivan, Geschichtsprofessor an der Hebräischen Universität, warnt allerdings davor, die als Momentaufnahme durchaus verständliche «Bin-Laden-Euphorie» zu einer längfristigen Politik werden zu lassen. So klar der moralische Sieg der USA allen sei, dürfe man nicht vergessen, dass der islamische Fundamentalismus «nicht mit einer Person anfange und auch nicht mit einer Person ende». In anderen Worten: Mit aller Wahrscheinlichkeit wird der Terror auch in der Ära nach Osama bin Laden fortdauern und sich möglicherweise trotz der innerarabischen Unruhen (und vielleicht auch gerade wegen des durch sie entstandenen Vakuums) noch intensivieren. Mehr denn je ist Israels Führung heute gefordert, ihre  Vorgehensweise nicht auf punktuelle Aktionen wie die Beseitigung dieses oder jenes Terroristen oder den Beifall nach solchen Aktionen zu konzentrieren. Vielmehr sollte Jerusalem im echten Bemühen um einen Frieden den politischen Komponenten mehr Gewicht beimessen als bisher. Und zwar nicht trotz bin Laden, sondern im Gegenteil wegen bin Laden. Sonst wird sich nämlich eines Tages «ein anderer bin Laden» dem Zugriff der Anti-Terror-Kräfte entziehen. Eine wirkliche Friedenspolitik verlangt Mut, Um- und Voraussicht sowie eine gehörige Portion Intelligenz, doch das sollte für Israel kein Problem darstellen. Oder etwa doch?    [ju]